Schulz’ schwie­ri­ge Mis­si­on im Os­ten

VW-De­ba­kel und Nie­der­sach­senk­ri­se

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Nordwest -

Von Bea­te Ten­fel­de

Ja, Schulz kämpft. Trotz des vier­ten Dämp­fers in die­sem Jahr – an der Saar, am Rhein so­wie an der För­de gin­gen die Land­tags­wah­len ver­lo­ren, und die Pro­gno­sen für die Neu­wahl an der Lei­ne sind schlecht – zieht der Kanzlerkandidat sei­ne Rei­sen durch die Pro­vinz durch. Er lässt sich nicht an­mer­ken, wie sehr ihn das De­sas­ter in Hannover schmerzt. Dass ei­ne grü­ne Über­läu­fe­rin der SPD-ge­führ­ten Lan­des­re­gie­rung die Mehr­heit nahm, ver­kauft er als Mo­ti­va­ti­ons­schub. Jetzt erst recht, so däch­ten vie­le Ge­nos­sen.

Und soll­ten öf­fent­li­che Rat­schlä­ge eins­ti­ger SPD-Wahl­kampf­ma­na­ger ihn ner­ven, so steckt er auch das weg. Mag de­ren Ein­wurf gut ge­meint sein: 15 Pro­zent Rück­stand zur Uni­on knapp sie­ben Wo­chen vor der Bun­des­tags­wahl las­sen sich schwer auf­ho­len. Und das viel zi­tier­te Bei­spiel von Alt­Kanz­ler Ger­hard Schrö­der, der 18 Pro­zent zu­rück­lag 2005 ge­gen CDU-Her­aus­for­de­rin An­ge­la Mer­kel, ist auch kein Trost. Schrö­der hat zwar Bo­den ge­won­nen, aber er hat es eben doch nicht ge­schafft.

„Mr. 100 Pro­zent“– so viel er­hielt Schulz bei der Kür zum Kanz­ler­kan­di­da­ten, und er emp­fin­det das jetzt als Bür­de. Er scheint an­ge­zählt. War­um sonst kün­dig­te er an, auch im Fal­le ei­ner Nie­der­la­ge am 24. Sep­tem­ber das Amt des SPDChefs zu be­hal­ten? Mit dem Mut des Ver­zwei­fel­ten macht Schulz das, was er am bes­ten kann: Er sucht den Kon­takt zu Men­schen. Die an­de­ren Jo­ker hat Schulz schon ge­zo­gen: Als er Mer­kel ei­nen „An­schlag auf die De­mo­kra­tie“vor­warf, weil die­se sich ei­nem Wahl­kampf ent­zie­he, hat er die höchst­mög­li­che Stu­fe auf der Em­pö­rungs­ska­la schon er­klom­men. Es zog nicht. Die Wahl­bür­ger ha­ben ab­ge­schal­tet. Ist ja noch Zeit bis zum 24. Sep­tem­ber.

Aber der Kan­di­dat ist un­ter­wegs, als wür­de mor­gen schon ge­wählt: Er will die Men­schen wach­rüt­teln, die von Mer­kel „ein­ge­lullt“wor­den sei­en. Di­rekt in die Be­trie­be, in den All­tag der Men­schen. Das Sa­xo­nia Bil­dungs­werk in Halsbrücke bei Dres­den, ein Start-up-Un­ter­neh­men in Chem­nitz, ein Mehr­ge­ne­ra­tio­nen­haus in Je­na ste­hen wäh­rend ei­ner Rei­se in den für die SPD be­son­ders schwie­ri­gen Os­ten auf dem Fahr­plan des Schulz-Zugs. Auch die Her­zen der Klein­gärt­ner im säch­si­schen Land­berg will der Kanzlerkandidat er­obern. Ein müh­se­li­ges Ge­schäft. Bei der letz­ten Sach­sen­wahl 2014 kam die SPD auf 12,4 Pro­zent. Aber Schulz ist in sei­nem Ele­ment.

„Hab auch kein Abitur“

17- und 18-Jäh­ri­gen schaut er über die Schul­ter, als er im Bil­dungs­werk „Sa­xo­nia“Sta­ti­on macht. Hier in Halsbrücke hat die SPD nur ein ein­stel­li­ges Er­geb­nis ge­holt. Aber die­ser 400 Jah­re al­te Hüt­ten­stand­ort steht bei­spiel­haft für die Pro­ble­me, de­ren Lö­sung sich Schulz für den Fall sei­ner Kanz­ler­wahl ver­schrie­ben hat. Bil­dung, Wei­ter­qua­li­fi­zie­rung, In­ves­ti­tio­nen in Schu­len und in Di­gi­ta­li­sie­rung – ein­dring­lich spult Schulz sei­ne Agen­da ab. „Nicht das Abitur zählt, son­dern die Le­bens­leis­tung“, sagt er den Lehr­lin­gen, die sich auf Me­tall- und Elek­tro­be­ru­fe vor­be­rei­ten. „Ich ha­be auch kein Abitur.“Es soll ei­ne Er­mu­ti­gung sein. Aber ei­gent­lich bräuch­te er selbst mal ein Er­folgs­er­leb­nis.

Muss wei­ter­ma­chen: SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz (Mit­te) be­sucht in Halsbrücke (Sach­sen) ne­ben Sach­sens Wirt­schafts­mi­nis­ter Martin Du­lig (SPD, 2. v. r.) das Sa­xo­ni­aBil­dungs­werk. Fo­to: dpa

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