We­ni­ger VW, we­ni­ger Streit?

En­ge Ban­de zur Politik sind Kon­zern in die Wie­ge ge­legt – Son­der­ge­setz hat Bestand

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Nordwest - Von Jörg Gier­se

OS­NA­BRÜCK. Ein am­tie­ren­der Mi­nis­ter­prä­si­dent, der im Auf­sichts­rat des größ­ten Ar­beit­ge­bers in sei­nem Bun­des­land sitzt: Die­se Kon­stel­la­ti­on gibt es nur in Nie­der­sach­sen. Die Lan­des-CDU hat nun an­ge­kün­digt, nach ei­nem Wahl­sieg die en­ge Ver­flech­tung von Re­gie­rung und Volks­wa­gen-Kon­zern lo­ckern zu wol­len. Wä­re da­mit der Streit um die Dop­pel­rol­le vor­bei, die SPD-Amts­in­ha­ber Ste­phan Weil jetzt in die Bre­douil­le bringt?

Zwei­fel sind an­ge­bracht. Denn „lo­ckern“heißt auch für CDU-Chef Bernd Al­t­hus­mann nicht „lö­sen“. Als Mi­nis­ter­prä­si­dent wer­de auch er dem VW-Auf­sichts­rat an­ge­hö­ren, stell­te er am Di­ens­tag klar. Die Mög­lich­keit, den Kurs des Kon­zerns mit­zu­be­stim­men, will sich Al­t­hus­mann nicht ver­bau­en. Al­lein schon, weil in Nie­der­sach­sen gut 120 000 Men­schen für Volks­wa­gen ar­bei­ten.

Die­se Aus­nah­me­stel­lung für Wirt­schafts­kraft und Be­schäf­ti­gung ist der Haupt­grund da­für, dass die Lan­des­re­gie­rung über­haupt Ein­fluss auf die pri­vat­wirt­schaft­li­che Volks­wa­gen AG neh­men darf. Die recht­li­che Ba­sis da­für bil­det das VW-Ge­setz. Es räumt dem Land Nie­der­sach­sen Son­der­rech­te ein, die ihm er­lau­ben, al­le stra­te­gi­schen Vor­ha­ben der Ak­ti­en­ge­sell­schaft zu be­ein­flus­sen.

Mög­lich macht das vor al­lem die Sperr­mi­no­ri­tät von 20 Pro­zent, die das Ge­setz fest­legt. Das be­deu­tet: Wich­ti­ge Be­schlüs­se der Haupt­ver­samm­lung, et­wa Ka­pi­tal­er­hö­hun­gen oder Sat­zungs­än­de­run­gen, müs­sen mit ei­ner Mehr­heit von mehr als 80 Pro­zent der Stim­men ver­ab­schie­det wer­den. Das all­ge­mei­ne Ak­ti­en­recht schreibt nur 75 Pro­zent vor. Da das Land 20 Pro­zent der VWS­timm­an­tei­le hält, hat es al­so de fac­to ein Ve­to­recht.

Die en­ge Ver­flech­tung der Politik mit VW wur­zelt tief in der Un­ter­neh­mens­ge­schich­te. Die star­te­te vor 80 Jah­ren als Vor­zei­ge­pro­jekt der Na­tio­nal­so­zia­lis­ten: Am 28. Mai 1937 wur­de die „Gesellschaft zur Vor­be­rei­tung des Deut­schen Volks­wa­gens“ge­grün­det – die Keim­zel­le des Welt­kon­zerns. Nach dem Zwei­ten Welt­krieg über­nahm die bri­ti­sche Mi­li­tär­re­gie­rung das VW-Werk und über­gab es 1949 in die Treu­hän­der­schaft des Lan­des Nie­der­sach­sen. Als die staat­li­che Volks­wa­gen Gm­bH 1960 pri­va­ti­siert wur­de, si­cher­ten sich Land und Bund über das VW-Ge­setz dau­er­haf­ten Ein­fluss.

Be­für­wor­ter des Ge­set­zes füh­ren ins Feld, die Sperr­mi­no­ri­tät ver­hin­de­re ei­ne Über­nah­me des Kon­zerns durch aus­län­di­sche In­ves­to­ren – und si­che­re so Ar­beits­plät­ze in Deutsch­land. Geg­ner kri­ti­sie­ren, ge­ra­de die­ser po­li­ti­sche Ein­fluss be­hin­de­re be­triebs­wirt­schaft­lich not­wen­di­ge Ent­schei­dun­gen, be­güns­ti­ge Filz und Kor­rup­ti­on. Die EU-Kom­mis­si­on er­reich­te 2007 zwar, dass ei­ni­ge po­li­ti­sche Vor­rech­te aus dem VW-Ge­setz ge­stri­chen wur­den, weil sie dem Recht auf frei­en Ka­pi­tal­ver­kehr wi­der­spra­chen. Doch ganz kip­pen konn­te Brüs­sel das Son­der­ge­setz vor dem Eu­ro­päi­schen Ge­richts­hof nicht.

Auch un­ter ei­nem CDU-Mi­nis­ter­prä­si­den­ten Al­t­hus­mann blie­be das VW-Ge­setz wohl in Kraft. Än­de­run­gen hat er bis­lang nur in ei­nem Punkt an­ge­kün­digt: Den zwei­ten Auf­sichts­rats­pos­ten, der dem Land zu­steht, will er mit ei­nem par­tei­po­li­tisch un­ab­hän­gi­gen Ex­per­ten be­set­zen, der „sich mit Wirt­schafts­prü­fung eben­so gut aus­kennt wie mit der Au­to­mo­bil­bran­che“. Der­zeit be­setzt die­ses zwei­te Man­dat Wirt­schafts­mi­nis­ter Olaf Lies (SPD).

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