Ver­werf­lich, aber nicht rechts­wid­rig

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Dialog -

Le­ser­brief­mei­nun­gen zum Par­tei­aus­tritt der Grü­nen Ab­ge­ord­ne­ten El­ke Twes­ten und ih­rem Ein­tritt in die CDU:

„Der Vor­gang wird von Po­li­ti­kern und An­hän­gern der rot-grü­nen Lan­des­re­gie­rung so­wie von Bun­des­po­li­ti­kern bei­der Par­tei­en als In­tri­ge und Ver­rat am Wäh­ler­wil­len be­zeich­net. Das ist ei­ne be­wuss­te Fehl­in­ter­pre­ta­ti­on. Die Wäh­ler ha­ben 2013 we­der ei­ne rot-grü­ne Lan­des­re­gie­rung noch ei­nen Mi­nis­ter­prä­si­den­ten Ste­fan Weil ge­wählt. Das Er­geb­nis der Land­tags­wahl er­mög­lich­te den Par­tei­en drei ver­schie­de­ne Re­gie­rungs-Kon­stel­la­tio­nen, von de­nen Rot-Grün die ge­rings­te Mehr­heit (ein Sitz) hat­te. Ne­ben ei­ner Gro­ßen Ko­ali­ti­on war ins­be­son­de­re ei­ne schwarz-grü­ne Re­gie­rung mög­lich, die ei­ne sta­bi­le­re Mehr­heit (elf Sit­ze) ge­habt hät­te. Die­se Al­ter­na­ti­ve hat die grü­ne Par­tei­spit­ze ge­gen den re­al­po­li­ti­schen Teil der Frak­ti­on aus ideo­lo­gi­schen Grün­den ver­hin­dert. Das rächt sich jetzt und führt zu ei­nem vor­zei­ti­gen En­de ei­ner we­nig er­folg­rei­chen Re­gie­rung. Ei­ne schwarz-grü­ne Ko­ali­ti­on hat­te auf der Ba­sis des Wah­l­er­geb­nis­ses ei­nen star­ken Rück­halt in der Be­völ­ke­rung und hät­te dem Land schon da­mals gut­ge­tan! Aber: ,Wer zu spät kommt, den be­straft das Le­ben‘ .“

Cars­ten Bör­ner Bram­sche

„,Chaos­hau­fen‘ und ,Heil­los zer­strit­ten‘ wa­ren die At­tri­bu­te, mit de­nen die NOZ in Die ehe­mals grü­ne Land­tags­ab­ge­ord­ne­te El­ke Twes­ten ist in die CDU ein­ge­tre­ten.

der jün­ge­ren Ver­gan­gen­heit zu Recht den Zu­stand der re­gio­na­len AfD um­schrieb. Es wä­re im Zu­ge über­par­tei­li­cher Be­richt­er­stat­tung und In­for­ma­ti­on der Le­ser­schaft nun­mehr an der Zeit, die­se schmei­chel­haf­te Cha­rak­te­ri­sie­rung auch an die noch re­gie­ren­den Par­tei­en Nie­der­sach­sens zu ver­ge­ben. Ein Schwenk zum po­li­ti­schen Geg­ner, wie er ge­gen­wär­tig von Grün nach Schwarz voll­zo­gen wird, soll­te als das be­zeich­net wer­den, was er ist. Scham­los!“

Bern­hard Adams Os­na­brück

„Politik und Moral sind Zu­stän­de, die an­schei­nend manch­mal (oder oft?) schwer mit­ein­an­der in Ein­klang zu brin­gen sind. Na­tür­lich wi­der­spricht die Hand­lungs­wei­se von El­ke Twes­ten dem ge­sun­den Moral­emp­fin­den. Weil Twes­ten über die Lan­des­lis­te, al­so über die Wahl

der Par­tei und nicht ih­rer Per­son in den Land­tag ge­lang­te, hin­ter­lässt das al­les ein dop­pelt schlech­tes ,Gschmäck­le‘ . Das gilt je­doch eben­so für das Ver­hal­ten der CDU, wel­che die ,Ver­rä­te­rin‘ mit of­fe­nen Ar­men emp­fing, vi­el­leicht nicht liebt, den ,Ver­rat‘ je­doch schon. Auch hier: Fair­ness ist was an­de­res. Aber wol­len wir wet­ten? Bei ei­ner Op­po­si­ti­ons-SPD wä­re es si­cher­lich nicht an­ders ab­ge­lau­fen. Wenn wir mal die ,Moral‘ bei­sei­telas­sen, hat El­ke Twes­ten – ein we­nig bos­haft for­mu­liert – ei­gent­lich nur ih­re per­sön­li­chen ,be­ruf­li­chen‘ Chan­cen ge­wahrt. Wenn zum Bei­spiel ein ei­gent­lich un­er­setz­ba­rer Mau­rer­meis­ter sei­nen Be­trieb ver­lässt, weil ein an­de­rer ihm Bes­se­res und Si­che­res bie­tet, macht man ihm ja auch kei­nen Vor­wurf. Das mag ziem­lich ver­ein­facht ge­sagt sein, ist aber sub­stan­zi­ell an­nä­hernd ver­gleich­bar.

Nicht, dass ich falsch ver­stan­den wer­de: Ich per­sön­lich hal­te die Rocha­de der Ex-Grü­nen eben­falls für mensch­lich ver­werf­lich, aber Twes­ten hat of­fen­sicht­lich nichts Rechts­wid­ri­ges ge­tan. Und von we­gen ,schäd­lich für die De­mo­kra­tie‘ – wie wür­de wohl das po­li­ti­sche und me­dia­le Um­feld ju­bi­lie­ren, wenn ein­mal ein AfD-Ab­ge­ord­ne­ter in ver­gleich­ba­rer Si­tua­ti­on (was der Wäh­ler bitte ver­hin­dern mö­ge!) ei­nen sol­chen Schritt tun wür­de?“

Klaus Schaf­meis­ter Ge­orgs­ma­ri­en­hüt­te

Fo­to: dpa

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.