War­um nicht die Emo­tio­nen zei­gen?

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Sport - Und Ku­rio­si­tä­ten un­ter noz.de/Mu­ras

Von Udo Mu­ras

Die Nach­spiel­zeit lief be­reits, viel hät­te er nicht mehr ka­putt ma­chen kön­nen. Doch der Deut­schSy­rer Ai­as Aos­man von Dy­na­mo Dres­den brann­te auf sei­nen Ein­satz Mon­tag­abend am Ham­bur­ger Mil­l­ern­tor, wo je­der gern spielt. Auch weil hier Gäs­te stets will­kom­men sind. Aber Aos­man durf­te dann doch nicht an der Fuß­ball­par­ty teil­neh­men, sein Trai­ner Uwe Neu­haus ent­schied sich um und brach­te ei­nen an­de­ren. Der Eh­ren­ko­dex ver­langt, dass er das klag­los hin­nimmt und dem be­vor­zug­ten Ka­me­ra­den viel Glück wünscht, am bes­ten mit „high fi­ve“, da­mit es auch je­der sieht in un­se­rer di­gi­ta­len Welt.

Statt­des­sen kur­sie­ren nun an­de­re Bil­der. Aos­man warf wü­tend sein Tri­kot weg und mar­schier­te Rich­tung Ka­bi­ne. Was für ein Skan­dal! Skan­dal? Al­so bitte. Ich hät­te ihn um­ar­men kön­nen. End­lich zeigt mal ei­ner Ge­füh­le. Fuß­ball wird im­mer ein Mann­schafts­sport blei­ben, kein In­ter­view nach dem Spiel lässt uns dar­über im Un­kla­ren. Schießt ei­ner drei To­re und wird vom Re­por­ter ge­lobt, beißt er sich auf die Lip­pen und sagt: „Das Wich­tigs­te war, dass die Mann­schaft ge­won­nen hat.“Die Sprü­che, die er an­schlie­ßend im Te­am­bus klopft, kriegt ja kei­ner mit. Freu­de un­ter­drü­cken, Är­ger un­ter­drü­cken – im­mer schön fo­kus­siert sein. Auch ein ganz wich­ti­ges Wort, das un­se­re gleich­ge­strick­ten Ki­cker mit sich her­um­tra­gen. Habt doch Er­bar­men mit uns und seid wie­der Mensch! Wer soll da­für Ver­ständ­nis ha­ben wenn nicht wir vor der Glot­ze, die wir doch auch al­le Men­schen sind? Statt­des­sen wer­den klei­ne Ro­bo­ter er­zo­gen, die nie sa­gen, was sie den­ken.

Wenn ich mir drei Din­ge wün­schen könn­te, die ich in der nächs­ten Sai­son nicht mehr se­hen möch­te und die auch nichts kos­ten, dann:

1. Dass nicht mehr die gan­ze Bank auf­steht und ei­nem Aus­ge­wech­sel­ten die Hand hin­streckt, an­ge­fan­gen vom zwei­ten Phy­sio­the­ra­peu­ten bis zum 18. Spie­ler. Es wirkt auf­ge­setzt, es wirkt ver­ord­net. Weil es al­le ma­chen. Kann ei­ner nicht ein­fach vom Platz schlur­fen und auch mal sau­er sein? Die ihm hin­ge­streck­ten Hän­de sol­len ja ge­nau das ver­hin­dern. Warst doch gar nicht so schlecht, bleibst ei­ner von Tausch­ten sich da­mals auf ih­re Wei­se aus: Bay­erns Lothar Mat­thä­us (Mit­te) und Dort­munds Andre­as Möl­ler, Ma­rio Bas­ler lau­ert im Hin­ter­grund.

uns. Bis er dann am Sonn­tag in der Vi­deo­ana­ly­se al­le sei­ne Fehl­päs­se auf­ge­zählt be­kommt.

Lasst Ge­füh­le zu, die Wut auch mal raus. Man muss ja nicht gleich ei­ne Ton­ne ein­tre­ten wie einst Jür­gen Klins­mann. Ein Han­si Mül­ler und ein Hans-Ge­org Vol­kert ha­ben ih­rem Trai­ner einst das Tri­kot vor die Fü­ße ge­wor­fen. Die­go ver­ließ die Mann­schafts­sit­zung und fuhr heim, als er sei­nen Na­men nicht in der Wolfs­bur­ger Auf­stel­lung wie­der­fand.

2. Dass nicht je­de Mann­schaft nach je­dem noch so grot­ti­gen Spiel ei­nen Kreis bil­det. Und wenn doch, dann

in der Ka­bi­ne. Dann wä­re es kei­ne Show mehr, dann wä­re es ernst. So wie es einst Fritz Wal­ter in der Na­tio­nal­elf ein­ge­führt hat­te – bis es Franz Be­cken­bau­er als un­zeit­ge­mäß ab­schaff­te. Vor 40 Jah­ren. Heu­te se­hen wir es bei je­dem Kreis­li­gis­ten, die die Gro­ßen ko­pie­ren. Stärkt das den Te­am­geist, spielt man gar bes­ser? Auf die wis­sen­schaft­li­che Un­ter­su­chung war­ten wir noch.

3. Dass sich Mit­spie­ler auf dem Platz mal wie­der rich­tig die Mei­nung gei­gen. Das ha­be ich ge­fühlt seit 20 Jah­ren nicht mehr ge­se­hen, als sich Mat­thi­as Sam­mer den sen­si­blen An­dy Möl­ler vor­knöpf­te und Oliver Kahn sei­nen schläf­ri­gen Dö­si Andre­as Herzog durch­rüt­tel­te. Das ist kein Auf­ruf zu Ge­walt, von der wir im Sta­di­on ver­mut­lich mehr als ge­nug zu er­war­ten ha­ben in der neu­en Sai­son. Das ist die Er­laub­nis, Zei­chen zu set­zen. Kei­ne Satz­zei­chen nach dem Spiel bei Face­book, son­dern ech­te auf dem Platz. Was sieht man denn noch, wenn ei­ne Mann­schaft ein Ge­gen­tor be­kommt? Ge­senk­te Köp­fe, Schul­ter zu­cken. Ei­ner klatscht ali­bi­mä­ßig in die Hän­de. Den drau­ßen to­ben­den Trai­ner hört eh kei­ner. Wer im­mer be­klagt, dass wir kei­ne Ty­pen ha­ben, muss sich fra­gen, wer sie war­um ab­ge­schafft hat. Es bleibt die Fra­ge, was Uwe Neu­haus mit Hitz­köpf­chen Aos­man macht. Sei­ne ers­te Re­ak­ti­on macht mir Mut. „Emo­tio­nen ge­hö­ren im Fuß­ball da­zu“, hat er ge­sagt, man wer­de das „nach­ar­bei­ten“. Wenn da­bei her­aus­kä­me, dass ei­ner fort­an nicht mehr sau­er ist über sei­ne Re­ser­vis­ten­rol­le, dann – um mal wie ei­ne gro­ße Po­li­ti­ke­rin zu re­den – ist das nicht mehr mein Spiel.

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