Das „klei­ne Rat­haus“im Wald

Die He­ger Lai­schaft un­ter­hält seit 1948 ein Forst­haus am Rand des He­ger Hol­zes

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Osnabrück -

Das 1948/49 im Stil ei­nes Forst­hau­ses er­rich­te­te Schüt­ter­haus am Süd­rand des He­ger Hol­zes be­her­bergt den Re­prä­sen­ta­ti­ons­und Ta­gungs­raum der He­ger Lai­schaft und im hin­te­ren Ge­bäu­de­teil die Woh­nung des Schüt­ters.

Von Joa­chim Dier­ks

„Schüt­ter“ist die weit in die Ge­schich­te der Lai­schaf­ten zu­rück­rei­chen­de Be­rufs­be­zeich­nung des ver­band­sei­ge­nen Vieh­hir­ten. Sei­ne Auf­ga­be war es, mor­gens das Vieh der Lai­schafts­mit­glie­der („In­ter­es­sen­ten“) aus der In­nen­stadt hin­aus auf die ge­mein­schaft­lich ge­nutz­ten Wei­de­grün­de vor der Stadt zu trei­ben, es dort zu be­hü­ten und abends wie­der zu­rück­zu­brin­gen. Ei­ne Deu­tungs­mög­lich­keit des Na­mens ist die des „Schüt­zers“des Viehs.

Ne­ben der Wei­de­trift hat­te der Schüt­ter aber auch dar­auf zu ach­ten, dass die Wei­de­ge­rech­tig­kei­ten der In­ter­es­sen­ten nicht miss­braucht wur­den: Wer mehr Kü­he auf die Wei­de schick­te, als ihm zu­stan­den oder wer un­be­rech­tigt Pfer­de gra­sen ließ, muss­te da­mit rech­nen, dass die­se Tiere „ge­schüt­tet“(weg­ge­sperrt) und nur ge­gen Zah­lung von „Schüt­te­geld“wie­der aus­ge­löst wer­den konn­ten, ganz so, wie es heut­zu­ta­ge ei­nem Falsch­par­ker mit sei­nem ab­ge­schlepp­ten Fahr­zeug er­geht. Das Wort „ver­schütt­ge­hen“knüpft an die­se Be­deu­tung an. Die quer­ge­teil­te „Klön-Tür“ Glas­ma­le­rei­en sind in die Blei­ver­gla­sun­gen ein­ge­las­sen. Mit die­ser Bild­ein­la­ge hat sich 1951 Peit­schen-Wirt Har­ry Al­brecht ver­ewigt.

Sechs Lai­schaf­ten gab es im spät­mit­tel­al­ter­li­chen Os­na­brück, die nach den Stadt­to­ren be­nannt wa­ren, vor de­nen ih­re Wei­de­grün­de la­gen. So gab es ne­ben der He­ger Lai­schaft die Na­tru­per, die Ha­se-, die Her­ren­teichs-, die Jo­han­nis- und die Mar­ti­nia­ner-Lai­schaft. Die­se Wei­de­ge­nos­sen­schaf­ten hat­ten die um­mau­er­te In­nen­stadt und die um­lie­gen­de Stadt­feld­mark wie Tor­ten­stü­cke un­ter­ein­an­der auf­ge­teilt. Mit dem Fall des Fe­s­tungs­ge­bots im 19. Jahr­hun­dert und Sied­lungs­mög­lich­kei­ten au­ßer­halb der Stadt­mau­ern ver­lo­ren die Lai­schaf­ten ih­re Da­seins­be­rech­ti­gung. Sie teil­ten den Lai­schafts­be­sitz un­ter den In­ter­es­sen­ten auf oder ver­kauf­ten ihn. Le­dig­lich die Her­ren­teichs­lai­schaft – mit ih­rem Im­mo­bi­li­en­be­sitz in der Stadt – und die He­ger Lai­schaft – mit ih­rem Wald­be­sitz in Gestalt des He­ger Hol­zes – wi­der­stan­den der Ab­wick­lung und exis­tie­ren bis heu­te.

Die He­ger Lai­schaft hielt an der his­to­ri­schen Be­zeich­nung des Schüt­ters als ei­nes Vieh- und Feld­hü­ters fest, gab ihm nun aber, par­al­lel zu ih­rem ei­ge­nen Wan­del von der Wei­de- zur Wald­ge­nos­sen­schaft, die Auf­ga­ben ei­nes Wald­auf­se­hers oder Förs­ters.

Ein Förs­ter braucht als Wohn- und Di­enst­sitz ein Forst­haus, das in oder an den Fors­ten liegt, die er zu be­treu­en hat. Bis zur Mit­te des ver­gan­ge­nen Jahr­hun­derts hat­te der He­ger-Lai­schafts­Schüt­ter nur ei­nen Wet­ter­schutz und ei­nen Ge­rä­te­schup­pen am He­ger Holz, wohn­te dort aber nicht. Er­staun­li­cher­wei­se fand die He­ger Lai­schaft in den Not­jah­ren nach dem Zwei­ten Welt­krieg die Mit­tel und die Kraft, ihm ein rich­ti­ges Schüt­ter­haus zu bau­en, und zwar an der Forst­stra­ße Lan­ger Kamp, die seit 1959 Schüt­ter­haus­weg heißt.

Trei­ben­de Kraft war 1948 der Vor­ste­her Hein­rich Ha­ke. Er war von Beruf Bau­meis­ter und Bau­un­ter­neh­mer und schaff­te es, das not­wen­di­ge Bau­ma­te­ri­al zu­sam­men­zu­kun­geln und Ar­beits­kräf­te aus den Rei­hen der In­ter­es­sen­ten zu re­kru­tie­ren, um so ein schmu­ckes Forst­haus an den Wald­rand zu stel­len. Von An­fang an war das Schüt­ter­haus nicht nur die Di­enst­woh­nung des Schüt­ters, son­dern auch der ei­gent­li­che Sitz der He­ger Lai­schaft, ihr „klei­nes Rat­haus“. Der Tra­di­ti­ons­raum, in dem je­den Mo­nat die zwölf Vor­stands­mit­glie­der zu­sam­men­tre­ten, at­met den Geist ei­ner lan­gen Ge­schich­te. In der Ecke ge­gen­über dem of­fe­nen Ka­min steht die Wolf­strom­mel, mit de­ren Schlag der Schüt­ter einst das Vieh zu­sam­men­trieb. Dar­über die Feu­er­schutz­hel­me, die an die Funk­ti­on der Lai­schaft als ers­te frei­wil­li­ge Feu­er­wehr er­in­nern.

Der schwe­re Ei­chen­bal­ken über dem Ka­min trägt den Spruch „Red’ , was wahr ist, trink’ , was klar ist, lieb’ , was rar ist“. An den Wän­den hän­gen Fo­tos der Vor­gän­ger des ak­tu­el­len Wort- und Buch­hal­ters Gerd Gust, La­ge­plä­ne des Wal­des mit al­len zu un­ter­hal­ten­den We­gen und Grä­ben so­wie den vor­herr­schen­den Baum­ar­ten und nicht zu­letzt Fo­tos der Gro­ßen Sch­nat­gän­ge. Al­le sie­ben Jah­re fei­ert die Lai­schaft die­se Grenz­be­ge­hung in Form ei­nes Volks­fes­tes für die gan­ze Stadt, der nächs­te fin­det im kom­men­den Jahr statt. Zu­sätz­lich gibt es je­des Jahr den Klei­nen Sch­nat­gang als Die be­hut­sa­me Re­no­vie­rung 1996 So stell­te sich der Ar­chi­tekt 1948 die Tra­di­ti­ons­stu­be im Schüt­ter­haus vor, und fast ge­nau­so ist sie auch ge­wor­den. Vor­ste­her In­go Klu­te (links) und Schüt­ter Micha­el De­cker prä­sen­tie­ren die Ori­gi­nal­zeich­nung, da­hin­ter die his­to­ri­sche „Wolf­strom­mel“des Schüt­ters.

lai­schafts­in­ter­ne Ver­an­stal­tung. Auf den blei­ver­glas­ten Fens­ter­schei­ben ha­ben sich In­ter­es­sen­ten mit Wap­pen und Sinn­sprü­chen ver­ewigt.

Seit der grund­le­gen­den Re­no­vie­rung des Schüt­ter­hau­ses 1996 ist Micha­el De­cker der di­enst­ha­ben­de Schüt­ter. Mit Frau und Kin­dern be­wohnt er den rück­wär­ti­gen Teil des Hau­ses. Der 50-jäh­ri­ge ge­lern­te Forst­wirt küm­mert sich um For­stein­schlag und An­pflan­zun­gen, macht nach Wind­bruch die We­ge wie­der pas­sier­bar, nimmt die Ver­kehrs­si­che­rungs­pflich­ten wahr, re­pa­riert die Sitz­bän­ke, kon­trol­liert die Schlag­bäu­me, leert die Müll­ei­mer. Da aber die 80

Hekt­ar des He­ger Hol­zes nicht ei­ne vol­le Förs­ter­stel­le tra­gen kön­nen, steht De­cker mit ei­nem Teil sei­ner Ar­beits­zeit in Diens­ten des städ­ti­schen Os­na­brü­cker Ser­vice­be­triebs (OSB) und nimmt dort ähn­li­che Auf­ga­ben in den Stadt­fors­ten wie et­wa am Schö­ler­berg, am Schin­kel­berg und im Na­tru­per Holz wahr.

„Um mei­ne Wohn­si­tua­ti­on wer­de ich oft be­nei­det“, er­zählt De­cker, „Spa­zier­gän­ger, die hier vor­bei­kom­men oder in der ‚Hein­rich-Ha­ke-Hüt­te‘ ge­gen­über Pause ma­chen, bie­ten an, mit mir tau­schen zu wol­len.“De­ckers Frau Hei­ke hält ih­re bei­den Pfer­de auf der Wie­se ne­ben dem Schüt­ter­haus und ist auch für die Hüh­ner zu­stän­dig. Im Mo­ment gibt es kei­ne, weil der Fuchs sie al­le ge­holt hat. Aber bald wer­den die De­ckers sich neue an­schaf­fen. Dann ist die Idylle am Wald­rand wie­der kom­plett.

Die Stadt­ge­schich­te im Blick: Le­sen Sie mehr auf www.noz.de/ his­to­risch-os

des Schüt­ter­hau­ses er­mög­licht dem Schüt­ter Kom­mu­ni­ka­ti­on, oh­ne dass Tiere hin­ein- oder Kin­der hin­aus­lau­fen kön­nen.

hat das Äu­ße­re des Schüt­ter­hau­ses kaum sicht­bar ver­än­dert. Fo­tos: Joa­chim Dier­ks

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