Ent­täu­schen­de Ver­fil­mung

Lein­wan­d­ad­ap­ti­on des acht­bän­di­gen King-Werks „Der Dunk­le Turm“bie­tet kaum Span­nung

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Kultur - Von Kath­rin Hä­ger

Ste­phen-King-Ad­ap­ti­on als müh­sa­mer Auf­stieg: „Der Dunk­le Turm“bie­tet ei­nen fah­len Aus­blick auf den acht­bän­di­gen Fan­ta­sy-Kos­mos, der als Le­bens­werk des Hor­ror-Kö­nigs gilt.

KÖLN. „Ein Ring, sie zu knech­ten, sie al­le zu fin­den. Ins Dun­kel zu trei­ben und ewig zu bin­den. Im Lan­de Mordor, wo die Schat­ten dro­hen.“So steht es in J.R.R. Tol­ki­ens „Der Herr der Rin­ge“, in dem sich ein Hob­bit da­zu auf­macht, den Ring im Feu­er­schlund des Schick­sals­bergs zu ver­nich­ten. Rie­sig wie Mordors Vul­kan, klein wie ein Hob­bit sind auch der Turm und der kind­li­che Held, die Ste­phen King 1988 im ers­ten Teil von „Der Dunk­le Turm“eta­bliert hat. Gan­ze sie­ben Ro­ma­ne über das grau-schwar­ze Bau­werk, das die Mensch­heit vor den Dä­mo­nen der Au­ßen­welt ab­schirmt, soll­ten fol­gen. Die Ok­to­lo­gie gilt als Kings Le­bens­werk, das selbst wie ein Turm über sei­nem Schaf­fen thront und von man­chem Fan mit Tol­ki­ens Rei­se nach Mit­tel­er­de ver­gli­chen wird.

Nur wird die Rei­se in Kings „Mitt­welt“von ei­nem „Re­vol­ver­mann“und ei­nem Jun­gen un­ter­nom­men. Der ed­le Rit­ter heißt Ro­land (Id­ris El­ba), sei­ne Pistole wird Ex­ca­li­bur ge­nannt, und der Show­down des Films gleicht dem ei­nes Wes­terns. Der elf­jäh­ri­ge Ja­ke Cham­bers wie­der­um be­sitzt die Ga­be des „Shi­ning“, die ihn zum mäch­ti­gen Me­di­um, aber eben auch zur un­frei­wil­li­gen Waf­fe des Zau­be­rers

Wal­ter macht – den Möch­te­gern-Sau­ron von Mitt­welt.

Es ist ein Zi­ta­te-Tep­pich, auf den Ste­phen King sei­ne Ro­man­hel­den schickt. Die Ver­fil­mung ver­sucht es ihm gleich­zu­tun – und ver­hed­dert sich kläg­lich. Die fil­mi­sche Fu­si­on von acht Er­zähl­bän­den vol­ler (Selbst-)Re­fe­ren­zen und Par­al­lel-Di­men­sio­nen strebt nicht wie Kings „Turm“nach Hö­he­rem. Sie wirkt viel­mehr wie ein Trich­ter, der di­rekt in die Mot­ten­kis­te des Fan­ta­sy-Gen­res hin­ab­führt: Tief trau­ma­ti­siert durch den Feu­er­tod sei­nes Va­ters, pla­gen den jun­gen An­ti­hel­den Ja­ke Alb­träu­me, die er in düs­te­ren Zeich­nun­gen an sei­ne Zim­mer­wand pinnt:

Ent­führ­te Kin­der, de­ren Ener­gie in mons­trö­sen Ap­pa­ra­tu­ren ab­sor­biert wird, der be­droh­li­che Turm, des­sen Be­schuss in Erd­be­ben der rea­len Welt nach­schwingt, und der Zau­be­rer Wal­ter, der sei­nen Fein­den mit ei­nem ein­zi­gen Wort al­le Hoff­nung und den Atem raubt. Wal­ters Sa­dis­mus wird nur noch von sei­nem Stre­ben über­trof­fen, den Turm, die­ses letz­te Boll­werk der Mensch­heit, in der Par­al­lel­welt zum Ein­sturz zu brin­gen. Un­ter­stützt wird er von un­ter mensch­li­chen Haut­mas­ken ver­bor­ge­nen We­sen, die Ja­ke als nächs­tes Ent­füh­rungs­op­fer in New Yorks Stra­ßen längst ge­or­tet ha­ben.

Han­delt es sich bei Ja­kes Ängs­ten um trau­ma­in­du­zier­te Schi­zo­phre­nie oder den tat­säch­li­chen Ein­bruch des Fan­tas­ti­schen? Mit die­ser Fra­ge hält sich Ni­co­laj Ar­cels Ad­ap­ti­on oder bes­ser In­ter­pre­ta­ti­on nicht lan­ge auf. Viel­mehr wirft sie den Zu­schau­er mit­samt Ja­ke durch die Di­men­sio­nen – ob durch Schlaf oder sich öff­nen­de Por­ta­le. Mit ei­ner selbst schon sa­gen­haf­ten Un­mit­tel­bar­keit wird man mit den Mo­ti­ven und Fi­gu­ren des „Dunk­le Turm“-Zy­klus kon­fron­tiert, die so blass blei­ben, dass sie we­der At­mo­sphä­re noch In­ter­es­se für das auf Lein­wand zu se­hen­de Uni­ver­sum ent­ste­hen las­sen.

An dem Dreh­buch wirk­ten gan­ze vier Au­to­ren mit. Das Er­geb­nis gleicht je­doch der aus­drucks- und mit­leids­lo­sen Lee­re im wäch­ser­nen Ge­sicht von Mat­t­hew McCo­n­aug­he­ys Zau­be­rer Wal­ter. Die Spe­zi­al­ef­fek­te ma­chen sich rar, die Span­nung bleibt aus. Al­lein im „Cul­tu­re Clash“von Ro­land mit Ja­kes Hei­mat New York schlägt der Film ein paar Funken Hu­mor.

Die Stra­te­gie ge­lun­ge­ner King-Ver­fil­mun­gen wie St­an­ley Ku­bricks „Shi­ning“, die Vor­la­ge ele­gant zu ent­schla­cken, geht dies­mal nicht auf. Zu­mal wenn man über 5500 Ro­man­sei­ten, die das Raum-Zeit-Kon­ti­nu­um auf den Kopf stel­len, auf 90 Mi­nu­ten li­ne­ar er­zähl­ten Film ein­dampft und die Haupt­fi­gur Ro­land von ei­nem Elf­jäh­ri­gen ver­drän­gen lässt. So lockt man in der ab­wechs­lungs­rei­chen Fan­ta­sy-Land­schaft von heu­te nicht ein­mal „Cu­jo“, Kings blut­rüns­tigs­ten Bern­har­di­ner, hin­term Ofen her­vor.

„Der Dunk­le Turm“. USA 2017. R: Ni­co­laj Ar­cel. D: Id­ris El­ba, Mat­t­hew McCo­n­aug­hey, Tom Tay­lor, Ka­the­ri­ne Win­nick. 95 Min. Ab 12.

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Ed­ler Rit­ter: Re­vol­ver­mann Ro­land De­schain (Id­ris El­ba) will ver­hin­dern, dass der Turm zum Ein­sturz ge­bracht wird. Fo­to: So­ny Pic­tu­res Releasing Gm­bH/dpa

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