Ver­füh­re­ri­sche Sorg­lo­sig­keit an der Them­se

Ge­las­sen­heit und Wach­sam­keit in Lon­don

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Einblicke - Von Micha­el Jo­nas mehr Ar­ti­kel auf noz.de/politik

An­lass zur Sor­ge gibt es nicht im deut­schen Leicht­ath­le­tik-La­ger. „Wir wis­sen, wo wir hin­fah­ren, und wir wis­sen, dass wir ei­ne Ver­ant­wor­tung für un­se­re Ath­le­ten ha­ben“, sag­te DLV-Chef­trai­ner Id­riss Gon­sch­in­s­ka vor Be­ginn der Ti­tel­kämp­fe. Die Be­geis­te­rung über­wiegt in die­sen Ta­gen in Lon­don, die Angst vor dem Ter­ror wird aus­ge­blen­det.

In der quick­le­ben­di­gen Me­tro­po­le ist nichts zu spü­ren von über­höh­ter Vor­sicht. Al­les hat sei­ne Ord­nung, nur die Rot­pha­sen der Am­peln wer­den igno­riert. Dass die Ter­ror­warn­stu­fe mo­men­tan auf „ernst“steht und mit der Be­deu­tung ver­bun­den ist, dass ein An­schlag grund­sätz­lich als wahr­schein­lich gilt, hält die Men­schen nicht da­von ab, ih­rem Ver­gnü­gen nach­zu­ge­hen. Die Leicht­ath­le­tik-Welt­meis­ter­schaft bie­tet nicht nur gro­ßen Sport, son­dern auch Un­ter­hal­tung an je­der Ecke. Auf ei­ner klei­nen Büh­ne im Strat­ford Cen­ter, das jähr­lich von 26 Mil­lio­nen Gäs­ten be­sucht wird, tan­zen und hüp­fen Kin­der un­ter der An­lei­tung von drei Rap­pern. „Kick, step, kick, step“, ru­fen sie, und die Klei­nen ha­ben ei­ne Freu­de, dass es ei­nen glück­lich macht zu­zu­se­hen.

Tau­sen­de von Men­schen drän­gen täg­lich durch die bunt ge­schmück­ten We­ge der Mall, die di­rekt zum Queen Eliz­a­beth Olym­pic Park führt. Manch­mal zu Stoß­zei­ten, wenn Wett­be­wer­be be­vor­ste­hen, spürt man den Atem des Hin­ter­man­nes im Na­cken. Dicht an dicht wälzt sich die Men­ge Rich­tung Olym­pia-Ge­län­de. Links und rechts sind die Lo­ka­le bre­chend voll. Die Leu­te ha­ben ih­ren Spaß. Nichts, aber auch gar nichts deu­tet auf ängst­li­ches Ver­hal­ten hin. Ei­ne ver­füh­re­ri­sche Sorg­lo­sig­keit.

Den­noch: Wach­sam sind sie al­le in Lon­don. In den Tu­bes gibt es Hin­wei­se, so­fort ver­däch­ti­ges Ver­hal­ten oder su­spek­te Ge­gen­stän­de zu mel­den. In den Un­der­ground-Sta­tio­nen ist es teil­wei­se so eng und hek­tisch, dass man auf­pas­sen muss, nicht mit ir­gend­je­man­dem zu­sam­men­zu­sto­ßen. Je­der läuft, al­les rennt, und das stets mit ei­nem Han­dy in der Hand. Hier hat kei­ner Zeit für den Blick auf Un­ge­wöhn­li­ches.

Un­auf­fäl­lig be­ob­ach­ten die Si­cher­heits­diens­te die Be­su­cher. Al­les spielt sich in ei­nem Maß an Freund­lich­keit und Hilfs­be­reit­schaft ab, das nur Bri­ten zu ei­gen ist. Hin­ter der Ge­las­sen­heit der Ord­nungs­kräf­te ver­birgt sich ein Sys­tem stän­di­ger Alarm­be­reit­schaft. Über dem Sta­di­on kreist ein Hub­schrau­ber. Dar­un­ter, un­ter­halb des Über­we­ges zum Sta­di­on, liegt der Ver­gnü­gungs­park. Die Men­schen blei­ben ste­hen und schau­en dem fröh­li­chen Trei­ben zu. Rund um das Olym­pia­sta­di­on gibt es, wie seit vie­len Jah­ren bei Sport-Groß­ver­an­stal­tun­gen, ein Schleu­sen­sys­tem mit Kon­trol­len ähn­lich wie an Flug­hä­fen. Jour­na­lis­ten und ih­re Ta­schen und Rück­sä­cke wer­den auf dem Weg ins Sta­di­on drei­mal kon­trol­liert. Ein nor­ma­ler Vor­gang, der nie­man­den stört. Al­les läuft dis­kret ab, oh­ne Hek­tik im Be­reich des Olym­pia­parks.

„Wir ma­chen das gut“

Lon­don in die­sen Ta­gen lebt, so wie die Stadt im­mer ge­lebt hat. Die schril­len Si­re­nen von Po­li­zei­au­tos und Kran­ken­wa­gen ge­hö­ren zum All­tag. Nie­mand wird des­we­gen pa­nisch. Dass seit März die­ses Jah­res ins­ge­samt 36 Men­schen bei An­schlä­gen im Land ge­tö­tet wur­den, mag in den Hin­ter­köp­fen al­ler ei­ne Rol­le spie­len. Nach au­ßen hin be­stimmt die ge­ord­ne­te Ru­he­lo­sig­keit den Ta­ges­ab­lauf.

Sebastian Coe, der Prä­si­dent des Leicht­ath­le­tik-Welt­ver­ban­des IAAF, hat ver­sucht, Lands­leu­ten und Be­su­chern die Sor­ge vor Ter­ror­ak­ten zu neh­men. „Es gibt ver­mut­lich kein an­de­res Land, in dem ich we­gen ei­ner Groß­ver­an­stal­tung lie­ber wä­re als im Ver­ei­nig­ten Kö­nig­reich“, sag­te der 60-Jäh­ri­ge. „Wir ma­chen so et­was ex­trem gut.“Hof­fent­lich be­hält er recht.

Groß­bri­tan­ni­en und Ter­ror:

Na­tio­nen­flag­gen hän­gen in ei­nem be­lieb­ten Ein­kaufs­zen­trum im Olym­pia­park in Lon­don über den Köp­fen von Be­su­chern. Fo­to: dpa

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