Ein hal­bes Jahr­hun­dert Spar­kurs

Grie­chen­land ist nur vor­läu­fig ge­ret­tet – Schul­den und schlech­te In­ves­ti­ti­ons­be­din­gun­gen drü­cken wei­ter

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Politik - Von Gerd Höhler und Tho­mas Lud­wig

Für EU-Fi­nanz­kom­mis­sar Pier­re Mosco­vici ist die Sa­che klar: Es sei höchs­te Zeit, das Ka­pi­tel der har­ten Spar­po­li­tik zu schlie­ßen, das den Grie­chen so vie­le Op­fer ab­ver­langt ha­be. Die Bür­ger se­hen das ähn­lich – nicht oh­ne Grund: Erst­mals seit Lan­gem konn­te das Land jüngst aus ei­ge­ner Kraft an die Fi­nanz­märk­te zu­rück­keh­ren und sich bei In­ves­to­ren drei Mil­li­ar­den Eu­ro mit ei­ner Lauf­zeit von fünf Jah­ren lei­hen.

Das Ver­trau­en in die grie­chi­sche Wirtschaft kehrt peu à peu wie­der, sie hat sich sta­bi­li­siert. Die ho­he Ar­beits­lo­sig­keit geht lang­sam zu­rück. Sieht das Land al­so ei­ner son­ni­gen Zu­kunft ent­ge­gen?

„Sor­gen­kind der Eu­ro­zo­ne bleibt Grie­chen­land. Die Schul­den­kri­se dort ist nach wie vor nicht ge­löst. Bei der nö­ti­gen Rück­füh­rung der Aus­ga­ben ist das Land gut vor­an­ge­kom­men, we­ni­ger gut bei Re­for­men zur Stär­kung der Wett­be­werbs­fä­hig­keit und der In­ves­ti­ti­ons­be­din­gun­gen“, sag­te DIHKAu­ßen­wirt­schafts­chef Vol­ker Trei­er un­se­rer Re­dak­ti­on.

Von ei­nem sich ab­zeich­nen­den En­de der Hilfs­pro­gram­me und der da­mit ver­bun­de­nen Auf­la­gen kann al­so kei­ne Re­de sein. Grie­chen­land bleibt noch auf mehr als vier Jahr­zehn­te im Kor­sett der Spar­vor­ga­ben.

Denn die Ver­ein­ba­run­gen mit den eu­ro­päi­schen Part­nern se­hen vor, dass At­hen in den Jah­ren 2018 bis 2022 im Haus­halt Pri­mär­über­schüs­se von 3,5 Pro­zent des Brut­to­in­lands­pro­dukts (BIP) er­zie­len soll. Da­nach muss das Land bis 2060 Über­schüs­se von zwei Pro­zent des BIP er­wirt­schaf­ten. Für hö­he­re Ren­ten, So­zi­al­leis­tun­gen oder In­ves­ti­tio­nen gibt es des­halb kaum Spiel­raum. Ab heu­te ge­rech­net be­deu­tet das: 43 Jah­re Spar­kurs. Zählt man die Jah­re seit Be­ginn der Spar­auf­la­gen 2010 hin­zu, kommt man so­gar auf ein hal­bes Jahr­hun­dert. Seit Jah­ren

Nicht nur der Spar­druck las­tet auf der Re­gie­rung von Pre­mier­mi­nis­ter Al­exis Tsi­pras. An­fang Ok­to­ber wer­den die Ver­tre­ter der Gläu­bi­ger wie­der in At­hen er­war­tet. Dann be­ginnt die drit­te Prüf­run­de des lau­fen­den An­pas­sungs­pro­gramms.

Vier­tes Ret­tungs­pa­ket?

Die­se Prü­fung be­inhal­tet po­li­tisch brenz­li­ge The­men wie die be­reits mehr­fach auf­ge­scho­be­nen Än­de­run­gen im Ar­beits- und Streik­recht, die De­re­gu­lie­rung des Stro­mund Gas­mark­tes, Stel­len­strei­chun­gen im Staats­dienst und wei­te­re Pri­va­ti­sie­run­gen – durch­weg Re­for­men, die dem re­gie­ren­den Links­bünd­nis Sy­ri­za ideo­lo­gisch ge­gen den Strich ge­hen und bei Ge­werk­schaf­ten so­wie Be­rufs­ver­bän­den auf hef­ti­gen Wi­der­stand sto­ßen. Pre­mier Tsi­pras hat nur ei­ne kur­ze Atem­pau­se.

Die jetzt end­lich ab­ge­schlos­se­ne zwei­te Prüf­run­de hat sich um mehr als ein Jahr ver­zö­gert – teils we­gen des in­ter­nen Streits der Gläu­bi­ger um Schul­den­er­leich­te­run­gen, vor al­lem aber we­gen der Ver­schlep­pung der Re­for­men sei­tens der Athe­ner Re­gie­rung. Um­so grö­ßer ist jetzt der Zeit­druck, die drit­te Prü­fung plan­mä­ßig bis zum Jah­res­en­de ab­zu­schlie­ßen.

Ihr folgt ei­ne vier­te, die bis Mit­te 2018 er­folg­reich be­en­det sein muss, da­mit Grie­chen­land plan­mä­ßig im Au­gust nächs­ten Jah­res das An­pas­sungs­pro­gramm hin­ter sich las­sen und wie­der auf ei­ge­nen Bei­nen ste­hen, al­so sich zu ver­tret­ba­ren Kon­di­tio­nen am Ka­pi­tal­markt re­fi­nan­zie­ren kann. Nur dann darf das Land mit Schul­den­er­leich­te­run­gen rech­nen.

Bis­her gibt es da­zu sei­tens der Gläu­bi­ger nur Ab­sichts­er­klä­run­gen. Wenn es bei dem bis­he­ri­gen schlep­pen­den Re­form­tem­po in At­hen bleibt, dürf­te die­ser Zeit­plan al­ler­dings kaum zu hal­ten sein. Dann braucht Grie­chen­land im kom­men­den Jahr ei­ne Ver­län­ge­rung des Hilfs­pro­gramms – oder so­gar ein vier­tes Ret­tungs­pa­ket.

Doch es gibt Licht am En­de des Tun­nels. Die grie­chi­sche Wirtschaft könn­te in die­sem Jahr nach Pro­gno­sen der Geld­ge­ber um 2,1 Pro­zent und 2018 um 2,4 Pro­zent zu­le­gen. Was et­was pes­si­mis­ti­scher ist als zu­nächst an­ge­nom­men. Aber die Ver­zö­ge­run­gen bei der Über­wa­chung der Re­for­men wirkt sich halt aus. Auch bleibt die Ar­beits­lo­sen­quo­te mit et­wa 22 Pro­zent hoch. Im ver­gan­ge­nen Jahr hat­te At­hen zu­min­dest ei­nen Haus­halts­über­schuss von 0,7 Pro­zent er­zielt. Die EU-Kom­mis­si­on hat jüngst ein En­de des De­fi­zit­ver­fah­rens vor­ge­schla­gen.

steht Grie­chen­land un­ter Spar­zwang. Fo­to: dpa

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