„Burn-out ist auf Hö­fen an­ge­kom­men“

Land­wirt­schafts­kam­mer sieht kein En­de der Milch­kri­se – trotz Preis­an­stiegs

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Wirtschaft -

Von Klaus-Pe­ter Jor­dan

Die Kri­se ist für Nie­der­sach­sens Milch­bau­ern noch nicht über­stan­den. Im Ge­gen­teil: „Der­zeit wächst der Keim für ei­ne neue Preis­kri­se“, ist sich Al­bert Hort­mann-Schol­ten, Lei­ter des Be­reichs Be­trieb der Land­wirt­schafts­kam­mer Nie­der­sach­sen, si­cher. „Die Milch­ter­min­bör­se EEX si­gna­li­siert ei­ne fal­len­de Preis­ten­denz ab De­zem­ber und für 2018“, er­klär­te der Ex­per­te am Mitt­woch in Ol­den­burg. Die zu­letzt ge­stie­ge­nen Aus­zah­lungs­prei­se sorg­ten für wie­der stei­gen­de Milch­men­gen.

Trotz des er­freu­li­chen An­stiegs der Mil­cher­zeu­ger­prei­se in den ver­gan­ge­nen zwölf Mo­na­ten von 20 Cent je Ki­lo­gramm auf der­zeit et­wa 36 Cent sei die La­ge auf den Hö­fen an­ge­spannt. Ein durch­schnitt­li­cher

Be­trieb mit et­wa 130 Kü­hen und ei­ner Mil­li­on Ki­lo­gramm Milch pro Jahr kom­me bei den der­zei­ti­gen Prei­sen zwar „halb­wegs über die Run­den“, mein­te Land­wirt­schafts­kam­mer­prä­si­dent Ger­hard Sch­wet­je. Al­ler­dings müss­ten jetzt In­ves­ti­tio­nen nach­ge­holt wer­den und Re­ser­ven auf­ge­füllt wer­den. „Da­zu müss­te es nun für min­des­tens zwei Jah­re ver­nünf­ti­ge Prei­se ge­ben, um die Lö­cher der letz­ten zwei Jah­re zu schlie­ßen“, er­gänz­te Milch­bau­er Chris­toph Bur­mes­ter aus der Elb­marsch.

Die Kam­mer geht da­von aus, dass die nie­der­säch­si­schen Milch­bau­ern im ab­ge­lau­fe­nen Wirt­schafts­jahr (bis 30. Ju­ni) durch­schnitt­lich ein Un­ter­neh­mens­er­geb­nis von rund 58 000 Eu­ro er­zielt ha­ben. Laut Hort­mann­Schol­ten wä­ren für „Le­ben, Spa­ren und Kre­dit­til­gung“100000 Eu­ro not­wen­dig ge­we­sen. Der durch­schnitt­li­che Be­trieb ha­be auf dem Tief­punkt der Prei­se im Ju­ni 2016 ein Mo­nats­mi­nus von 10 700 Eu­ro ge­macht – oder, wie es Sch­wet­je for­mu­lier­te: „Wenn der Kuh­hal­ter mor­gens in den Stall ging, be­zahl­te er täg­lich 360 Eu­ro Ein­tritt, um dort den gan­zen Tag ar­bei­ten zu dür­fen.“

Hort­mann-Schol­ten rief die Milch­vieh­hal­ter auf, „an al­len Stell­schrau­ben im Uhr­werk des Be­triebs zu dre­hen, um Re­ser­ven zu mo­bi­li­sie­ren“. Da­zu ge­hör­ten Kos­ten­ein­spa­run­gen, Grö­ßen­wachs­tum und Di­ver­si­fi­ka­ti­on. Das Aus­wei­chen auf an­de­re Tier­ar­ten, Acker­bau und au­ßer­land­wirt­schaft­li­che Ein­künf­te, aber auch die Um­stel­lung auf Ne­ben­er­werb und als Letz­tes die Be­triebs­auf­ga­be könn­ten sinn­voll sein.

An­ne Dirk­sen, so­zio­öko­no­mi­sche Be­ra­te­rin der Land­wirt­schafts­kam­mer, hält vie­le Hö­fe für „nicht mehr über­ga­be­fä­hig an die nächs­te Ge­ne­ra­ti­on“. Vie­le bäu­er­li­che Fa­mi­li­en hät­ten zu­letzt so­gar Wohn­geld oder Hartz IV in An­spruch neh­men müs­sen. Der Burn-out sei auf den Hö­fen an­ge­kom­men. Man­geln­de ge­sell­schaft­li­che An­er­ken­nung, stei­gen­de ge­setz­li­che Auf­la­gen und sin­ken­de Pla­nungs­si­cher­heit hät­ten bei den Land­wir­ten „Spu­ren hin­ter­las­sen bis hin zu De­pres­sio­nen“. Sie wün­sche sich ei­ne Initia­ti­ve „Bau­ern­wohl“.

Ger­hard Sch­wet­je Fo­to: dpa

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