„Das ist kei­ne nor­ma­le WM“

No­ro­vi­rus gras­siert im deut­schen Team – Ma­ge­re Bi­lanz zur Halb­zeit

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Sport - Von Micha­el Jo­nas

Hat ein in den Te­am­ho­tels gras­sie­ren­der Ma­gen­und Darm­vi­rus Aus­wir­kung auf die Leis­tun­gen oder die be­vor­ste­hen­den Wett­be­wer­be der Ath­le­ten? Vom deut­schen Team wa­ren bis Mitt­woch­mit­tag 13 Sport­ler und Be­treu­er be­trof­fen. 71 Teil­neh­mer um­fasst die DLV-Mann­schaft.

„Das ha­be ich auch noch nicht er­lebt. Das ist kei­ne nor­ma­le Welt­meis­ter­schaft, aber die Wett­be­wer­be lau­fen wei­ter“, sag­te DLV-Chef­trai­ner Id­riss Gon­sch­in­s­ka im Rah­men ei­ner Pres­se­kon­fe­renz, auf der Tea­m­arzt Dr. And­rew Lich­ten­thal ei­ne Chro­no­lo­gie der Krank­heits­ab­läu­fe be­schrieb. Zu­nächst wa­ren am Frei­tag zwei Ath­le­ten be­trof­fen, bei de­nen man von ei­ner er­näh­rungs­be­ding­ten Ma­gen­und Darm­pro­ble­ma­tik aus­ge­gan­gen war. Als sich im­mer mehr Fäl­le ab­zeich­ne­ten, wur­de ei­ne Iso­la­ti­on der be­trof­fe­nen Per­so­nen an­ge­ord­net.

Von Di­ens­tag bis Mitt­woch wa­ren sie­ben Ath­le­ten und sechs Be­treu­er in­fi­ziert, zwei da­von mit dem No­ro­vi­rus, das sich durch Sym­pto­me wie hef­ti­ges Er­bre­chen und star­ken Durch­fall zeigt. Sie sind noch in ei­ner 48-St­un­den-Qua­ran­tä­ne. Die Start­chan­cen der bei­den lie­gen nach Ver­bands­an­ga­ben bei 50:50. Be­trof­fen sind nach An­ga­ben des Welt­ver­ban­des IAAF auch an­de­re Mann­schaf­ten. Die DLV-Star­ter woh­nen zu­sam­men mit Sport­lern wei­te­rer Na­tio­nen in dem über rund 800 Zim­mer ver­fü­gen­den Ho­tel.

Na­men nann­ten die Ver­ant­wort­li­chen des DLV nicht. Das me­di­zi­ni­sche Not­fall­ma­nage­ment sei ge­si­chert, die Ath­le­ten per Di­enst­an­wei­sung in­for­miert wor­den, er­klär­te der Lei­ten­de Ver­bands­arzt Lich­ten­thal. Ei­ner der be­trof­fe­nen Ath­le­ten sei be­reits ge­star­tet, für zwei stün­den die Wett­be­wer­be noch be­vor. „Wir ha­ben zu­sam­men mit der me­di­zi­ni­schen Kom­mis­si­on der IAAF Ge­sprä­che ge­führt, und die Hy­gie­ne­stan­dards im Ho­tel wur­den kurz­fris­tig deut­lich er­höht“, sag­te der Me­di­zi­ner. Ver­stärkt sol­len die Ath­le­ten Des­in­fek­ti­ons­mit­tel be­nut­zen, sich re­gel­mä­ßig die Hän­de wa­schen und of­fen lie­gen­des Obst mei­den.

Für al­le seit Mon­tag an­rei­sen­den WM-Star­ter sind an­de­re Un­ter­künf­te in Lon­don be­sorgt. Die phy­sio­the­ra­peu­ti­schen Maß­nah­men sind ein­ge­stellt wor­den. Der DLV be­zeich­ne­te dies als rei­ne Vor­sichts­maß­nah­me und die La­ge als Aus­nah­me­si­tua­ti­on. So wur­den auch die drei am Mon­tag an der Them­se ein­ge­trof­fe­nen DLV-Speer­wer­fer vor­sorg­lich wo­an­ders un­ter­ge­bracht. Olym­pia­sie­ger Tho­mas Röh­ler, der deut­sche Re­kord­ler Jo­han­nes Vet­ter und Andreas Hof­mann be­le­gen die ers­ten drei Plät­ze der Welt­rang­lis­te und sind gro­ße Me­dail­lenhoff­nun­gen. Das Fi­na­le fin­det am Sonn­tag statt. Auch die Zehn­kämp­fer ha­ben ein an­de­res Quar­tier in der Nä­he des Olym­pia­sta­di­ons be­zo­gen. Röh­ler gab sich ge­las­sen: „Uns geht es al­len gut, wir ha­ben so­gar Ein­zel­zim­mer. Schon ko­misch. Wir schüt­teln uns nicht mehr die Hän­de, son­dern schla­gen die El­len­bo­gen ge­gen­ein­an­der. Das ist mal was an­de­res.“

Mit dem Ab­schnei­den des deut­schen Teams war Gon­sch­in­s­ka zur Halb­zeit nicht un­zu­frie­den. „Bei Ca­ro­lin Schä­fer hat­ten wir die Sil­ber­me­dail­le er­war­tet. Wir hat­ten sechs Top-8-Plat­zie­run­gen. Vie­le Leis­tun­gen la­gen im Er­war­tungs­be­reich.“Die Sie­ben­kämp­fe­rin hol­te bis­her die ein­zi­ge WM-Me­dail­le für das deut­sche Team. Was Gon­sch­in­s­ka er­war­tet? „Ent­schei­dend wird sein, wie we­nig Ath­le­ten sich be­ein­flus­sen las­sen durch die neue, un­er­war­te­te Si­tua­ti­on.“Zur­zeit fin­det kein Staf­fel­trai­ning der DLV-Ath­le­ten statt. „Wir wol­len ei­ne kürzt­mög­li­che Ver­weil­dau­er auf Trai­nings­und Wett­kampf­stät­ten“, lau­tet die Be­grün­dung des Chef­trai­ners.

Dass die Vi­rus-Er­kran­kun­gen als Vor­wand für nicht er­brach­te Leis­tun­gen her­an­ge­zo­gen wer­den, hofft Gon­sch­in­s­ka nicht. „Wir ha­ben ei­ne deut­sche Men­ta­li­tät und schau­en ge­nau, ob es Aus­re­den gibt. Ge­ne­rell füh­ren wir ei­nen Neu­auf­bau durch und ha­ben ei­ne an­de­re Er­war­tungs­hal­tung, als die Me­di­en sie viel­leicht ha­ben.“Es gel­te, „wer men­tal stark ist, hat ei­ne grö­ße­re Chan­ce“.

DLV-Prä­si­dent Cle­mens Prokop hofft auf wei­te­re vor­de­re Plät­ze. „In der zwei­ten WM-Hälf­te ha­ben wir noch ei­ne Rei­he von Me­dail­len­chan­cen, tra­di­tio­nell sind wir nach hin­ten raus im­mer er­folg­rei­cher ge­we­sen.“Drei Pla­ket­ten wa­ren es bei Olym­pia 2016, gleich acht bei der letz­ten WM 2015 in Pe­king. Der wah­re Leis­tungs­stand liegt wahr­schein­lich ir­gend­wo da­zwi­schen. „Ich fin­de, die jun­gen Ath­le­ten ha­ben ei­ne be­wun­derns­wer­te Vor­stel­lung ge­ge­ben. Es zeigt, dass wir bis zu den Olym­pi­schen Spie­len 2020 gut auf­ge­stellt sind“, ist Prokop gu­ter Din­ge.

Ei­ne Me­dail­le und vie­le fra­gen­de Ge­sich­ter: Ca­ro­lin Schä­fer (l.) hol­te Sil­ber, Da­vid Storl (von links oben nach rechts un­ten), Ju­li­an Reus, Ro­bert Har­ting, Kat­ha­ri­na Mo­li­tor und Kon­stan­ze Klos­ter­hal­fen ent­täusch­ten eher. Fo­tos: dpa (3)/imago [Perenyi/Wells (2)]

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