Setz­te Bus­fah­rer Pfef­fer­spray ein?

Groß­fa­mi­lie wird nicht mit­ge­nom­men und er­hebt schwe­re Vor­wür­fe – Auch Bus­fah­rer er­stat­tet An­zei­ge

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Osnabrück - Von Loui­sa Rie­pe Ort­spor­tal Os­na­brück: noz.de/os

Ei­ne Fa­mi­lie aus der Nä­he von Bre­mer­ha­ven hat ei­nen Os­na­brü­cker Bus­fah­rer we­gen Kör­per­ver­let­zung an­ge­zeigt. Der Fah­rer wehrt sich ge­gen die Vor­wür­fe und will sei­ner­seits ju­ris­tisch ge­gen ein Mit­glied der Fa­mi­lie vor­ge­hen.

Der­zeit ist un­klar, was ge­nau an je­nem Nach­mit­tag im Ju­li ge­sche­hen ist. Aus­sa­ge steht ge­gen Aus­sa­ge. Der Fa­mi­li­en­va­ter aus Lan­gen bei Bre­mer­ha­ven gibt zu Pro­to­koll, dass der Bus­fah­rer ihn und sei­ne be­hin­der­te Toch­ter am Ein­stei­gen ge­hin­dert, die rest­li­chen Fa­mi­li­en­mit­glie­der als „Ka­na­ken“be­schimpft, mit Pfef­fer­spray be­sprüht und mit ei­nem Schlüs­sel an­ge­grif­fen ha­be.

Der Mann woll­te Ver­wand­te in Os­na­brück be­su­chen, sich ei­nen schö­nen Tag in der In­nen­stadt ma­chen. Doch was Ali Kha­lil Mit­te Ju­li pas­sier­te, be­schreibt er als „ver­stö­ren­des Er­leb­nis“für sich, sei­ne vier Kin­der und sei­ne Frau. So viel ist klar: Die Fa­mi­lie ge­riet in ei­ne Aus­ein­an­der­set­zung mit ei­nem Os­na­brü­cker Bus­fah­rer.

Das be­stä­tig­te die Po­li­zei auf An­fra­ge un­se­rer Re­dak­ti­on. Der Be­hör­de lie­gen zwei An­zei­gen we­gen Kör­per­ver­let­zung vor: ei­ne des min­der­jäh­ri­gen

Nef­fen von Ali Kha­lil ge­gen den Bus­fah­rer und ei­ne des Bus­fah­rers ge­gen den Nef­fen. Was tat­säch­lich pas­siert ist, wer­den wohl erst die Er­mitt­lun­gen zei­gen, so die Po­li­zei. „Die Si­tua­ti­on vor Ort war sehr un­durch­sich­tig“, sag­te ei­ne Spre­che­rin der Po­li­zei.

Die Aus­gangs­la­ge ist da­ge­gen recht ein­deu­tig: Fa­mi­lie

Kha­lil woll­te an ei­nem Di­ens­tag­mit­tag ge­gen 14 Uhr mit dem Bus in die In­nen­stadt fah­ren. Zu der Grup­pe ge­hör­ten Ali Kha­lil, sei­ne Frau und sei­ne vier Kin­der so­wie sei­ne Schwes­ter mit ih­ren zwei Kin­dern und sei­ne Nich­te mit ih­rem Kind – ins­ge­samt al­so vier Er­wach­se­ne, drei Te­enager und vier Kin­der, ei­nes da­von im Kin­der­wa­gen.

Da­zu kommt, dass Kha­lils äl­te­re Töch­ter, 14 und 17 Jah­re alt, bei­de im Roll­stuhl sit­zen.

An der Hal­te­stel­le Korn­stra­ße am Son­nen­hü­gel war­te­te die Groß­fa­mi­lie zu­nächst auf ei­nen lee­ren Bus und ließ auch ei­ni­ge Fahr­zeu­ge wei­ter­fah­ren, die of­fen­bar nicht ge­nug Platz für die gro­ße Grup­pe hat­ten. In ei­nem Wa­gen der Li­nie 584 lös­te Ali Kha­lil schließ­lich Ti­ckets für die gan­ze Fa­mi­lie, ließ aber zu­nächst die Ver­wandt­schaft und sei­ne Frau mit ei­ner der Töch­ter an der vor­de­ren Tür ein­stei­gen. „Ich woll­te die hin­te­re Tür neh­men, sonst wä­re es mit den bei­den Roll­stüh­len zu eng ge­wor­den“, so Kha­lil.

„Mit­tel­fin­ger ge­zeigt“

Doch an­statt zu öff­nen, schloss der Bus­fah­rer die vor­de­re Tür und fuhr mit sei­ner Fa­mi­lie los. Nur der Va­ter stand mit sei­ner Toch­ter noch an der Bus­hal­te­stel­le. „Ich ha­be ge­ru­fen und an die Schei­be ge­klopft, aber der Fah­rer hat mir nur den Mit­tel­fin­ger ge­zeigt“, so Kha­lils Ver­si­on.

Die Si­tua­ti­on be­schreibt er als äu­ßerst be­droh­lich für sei­ne Fa­mi­lie: „Ich hat­te nicht nur al­le Ti­ckets bei mir, son­dern auch die Not­fall­me­di­ka­men­te für un­se­re Töch­ter“, be­rich­tet der Va­ter. „Mei­ne Frau hät­te nichts tun kön­nen, wenn mei­ne Toch­ter ei­nen Krampf­an­fall be­kom­men hät­te.“

Ent­spre­chend an­ge­spannt war die Si­tua­ti­on im Bus nach sei­ner Er­zäh­lung. Dem­nach ver­such­te sein 16-jäh­ri­ger Nef­fe, den Bus­fah­rer zum Hal­ten zu be­we­gen. Da­bei kam es of­fen­bar zum Streit. „Er hat ge­sagt: ‚Ver­piss dich, Ka­na­ke‘ “, be­rich­tet Ali Kha­lil. Dar­auf­hin sei der Nef­fe han­greif­lich ge­wor­den und ha­be dem Mann ins Ge­sicht ge­schla­gen. Der Bus­fah­rer ha­be Pfef­fer­spray ge­gen die gan­ze Fa­mi­lie ein­ge­setzt und ha­be den Nef­fen mit ei­nem Schlüs­sel an der Hand ver­letzt, so Kha­lil.

Die Re­ak­ti­on des Bus­fah­rers kann er sich nicht er­klä­ren. „Mei­ne Nich­te ist schwan­ger. Wie kann man Pfef­fer­spray ge­gen ei­ne Schwan­ge­re und ge­gen Kin­der ein­set­zen? War­um macht der Bus­fah­rer so was?“, fragt er sich. In den 28 Jah­ren, die er in der Nä­he von Bre­mer­ha­ven le­be, ha­be er noch nie Pro­ble­me beim Bus­fah­ren ge­habt. Kha­lil mach­te sich ge­mein­sam mit sei­ner Toch­ter im nächs­ten Bus auf den Weg Rich­tung Ne­u­markt. Der Rest sei­ner Fa­mi­lie hat­te es in der Zwi­schen­zeit mit der Po­li­zei zu tun be­kom­men: Der be­dräng­te Bus­fah­rer hat­te die Be­am­ten ge­ru­fen und sei­nen Wa­gen räu­men las­sen.

Sei­ne Sicht der Er­eig­nis­se war trotz meh­re­rer An­fra­gen un­se­rer Re­dak­ti­on nicht zu er­fah­ren. Bei den Stadt­wer­ken Os­na­brück hieß es, der Vor­fall sei nicht be­kannt. „Die Li­nie 584 wur­de in die­sem Zei­t­raum von We­serEms-Bus be­dient“, sag­te ei­ne Spre­che­rin auf An­fra­ge un­se­rer Re­dak­ti­on. Die zu­stän­di­ge Pres­se­stel­le der Deut­schen Bahn ver­wahr­te sich ge­gen den Vor­wurf, ihr Mit­ar­bei­ter ha­be die Fa­mi­lie als „Ka­na­ken“be­schimpft und den Mit­tel­fin­ger ge­zeigt. Wei­te­re Fra­gen wur­den mit Hin­weis auf die lau­fen­den Er­mitt­lun­gen der Po­li­zei nicht be­ant­wor­tet. „Wir sind na­tür­lich um ei­ne schnel­le Auf­klä­rung be­müht. Den Vor­fall bzw. die Vor­wür­fe wer­den wir selbst­ver­ständ­lich prü­fen und mit dem Bus­fah­rer klä­ren“, hieß es.

Kur­se und Schu­lun­gen

Die Bahn schult ih­re Mit­ar­bei­ter nach ei­ge­nen An­ga­ben re­gel­mä­ßig für den Um­gang mit Kun­den. Wei­ter­bil­dungs­maß­nah­men sol­len die Bus­fah­rer auf Kon­flikt­si­tua­tio­nen vor­be­rei­ten. Die wer­den nach An­ga­ben des Kon­zerns im­mer häu­fi­ger: Rund 2300 Über­grif­fe auf Bahn-Mit­ar­bei­ter hat es dem­nach im Jahr 2016 ge­ge­ben. Bus­fah­rer, Schaffner und Si­cher­heits­kräf­te be­kom­men des­halb et­wa al­le drei Jah­re Dee­s­ka­la­ti­ons­trai­nings und Selbst­ver­tei­di­gungs­kur­se. Doch auch, wenn die Si­cher­heit der ei­ge­nen Mit­ar­bei­ter der Bahn wich­tig ist, gibt es Gren­zen: „Un­se­re Mit­ar­bei­ter dür­fen dienst­lich kein Pfef­fer­spray ein­set­zen“, so ei­ne Spre­che­rin.

Sym­bol­fo­to: Da­vid Ebe­ner

Vor ver­schlos­se­nen Tü­ren ei­nes Bus­ses stand Ali Kha­lil in der Os­na­brü­cker Korn­stra­ße.

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