Ti­be­ter war­ten auf Hil­fe

Nach Erd­be­ben in Chi­na wer­den Tou­ris­ten eva­ku­iert – Of­fi­zi­el­le Op­fer­zahl frag­wür­dig

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Weltspiegel - Mehr Nach­rich­ten über Na­tur­ka­ta­stro­phen auf noz.de/ver­misch­tes

Nach dem Erd­be­ben in ei­nem Na­tur­park in Chi­na wer­den Tou­ris­ten in Si­cher­heit ge­bracht. Ein­hei­mi­sche Ti­be­ter war­ten ver­geb­lich auf Hil­fe. Vie­le sind noch ver­misst. Stim­men die of­fi­zi­el­len Op­fer­zah­len?

Die Dorf­be­woh­ner füh­len sich im Stich ge­las­sen, er­schöpft und ver­zwei­felt. Auch 20 St­un­den nach dem schwe­ren Erd­be­ben in der Pro­vinz Si­chuan war­ten die rund 200 Ein­woh­ner des Dor­fes Zharuz­hai im Na­tur­park Ji­uz­hai­gou am Mitt­woch noch ver­geb­lich auf Hil­fe. „Nie­mand hilft uns“, klagt ei­ne 33-jäh­ri­ge Ti­be­te­rin. „Über un­se­ren Köp­fen flie­gen den gan­zen Tag Hub­schrau­ber, aber nie­mand kommt zu uns.“Kei­ne Nah­rungs­mit­tel, Zel­te oder De­cken. „Die Be­hör­den ret­ten nur Tou­ris­ten, aber nicht die Ein­hei­mi­schen.“

Ei­ni­ge Zehn­tau­send Be­su­cher des be­lieb­ten Tou­ris­ten­ziels mit sei­nen ma­le­ri­schen Was­ser­fäl­len und Karst­ber­gen wer­den bei Eva­ku­ie­run­gen aus dem Erd­be­ben­ge­biet in Si­cher­heit ge­bracht – in Bus­sen und an­de­ren Fahr­zeu­gen. „Nur die Tou­ris­ten krie­gen Hil­fe“, sagt die 33-Jäh­ri­ge. Die Dorf­be­woh­ner wür­den ih­rem Schick­sal al­lein über­las­sen. „Wir sind auch mensch­li­che We­sen – oder glau­ben sie, dass das Le­ben von Ti­be­tern nichts wert ist?“Das Erd­be­ben der Stär­ke 7,0 über­rasch­te die Ti­be­te­rin beim Abend­es­sen mit Freun­den in der Stadt. „Es war schlimm. Ich fuhr so­fort mit dem Au­to zu­rück ins Dorf, ob­wohl die Stra­ße mit Fels­bro­cken oder Berg­rut­schen blo­ckiert war.“Im­mer wie­der ha­be sie Hin­der­nis­se um­fah­ren müs­sen, be­rich­tet die Frau. „Ich woll­te mit mei­ner Fa­mi­lie sein. Lie­ber ster­be ich mit ih­nen.“

„Von Fel­sen zer­quetscht“

Auf dem Weg ha­be sie vie­le To­te und Ver­letz­te ge­se­hen. „Ich sah Tou­ris­ten und Dorf­be­woh­ner, die von Fel­sen zu To­de ge­quetscht wor­den wa­ren“, schil­dert die Frau. „Ich glau­be, dass die Zahl der To­ten viel hö­her sein muss als bis­her an­ge­ge­ben.“Bis Mitt­woch­abend spra­chen die Be­hör­den nur von 19 To­ten und mehr als 200 Ver­letz­ten, was für ein

solch schwe­res Erd­be­ben recht we­nig ist. Die Dorf­be­woh­ner hät­ten nicht in ih­ren Häu­sern, son­dern un­ter frei­em Him­mel über­nach­tet – oder in Au­tos ge­schla­fen. „Wir hel­fen uns selbst, es­sen Fer­tig­nu­deln.“Im­mer wie­der hät­ten sie die Park­ver­wal­tung kon­tak­tiert und um Hil­fe ge­be­ten, aber nichts sei pas­siert, sag­te die 33-Jäh­ri­ge. Ih­re Fa­mi­lie zäh­le zehn Mit­glie­der, dar­un­ter ih­re drei und fünf Jah­re al­ten Kin­der. „Sie sind völ­lig ver­ängs­tigt“, sagt die Ti­be­te­rin.

Dut­zen­de Be­woh­ner aus dem Dorf Zharuz­hai ar­bei­ten im Park, sind aber seit dem Be­ben ver­misst. „Wir kön­nen sie nicht er­rei­chen“, sagt die 33-Jäh­ri­ge. Auch aus dem Dorf Hey­ez­hai wa­ren Dut­zen­de bei der Ar­beit im Park, als das Erd­be­ben pas­sier­te. „Wir kön­nen sie bis­her nicht fin­den“, sagt ei­ne 47 Jah­re al­te Ti­be­te­rin aus dem Dorf.

„Das Erd­be­ben war sehr stark“, sagt die Frau. Vie­les sei aus den Re­ga­len ge­fal­len. Ei­ne Fa­mi­lie, die gera­de ein Haus baue, ha­be ne­ben der Bau­stel­le in ei­nem Zelt ge­schla­fen. Bei den Erd­stö­ßen sei­en sie so­fort ge­flüch­tet. „Ein gro­ßer Fels­bro­cken fiel vom Berg­hang auf ihr Zelt.“

Al­le hät­ten in der Nacht auf ei­nem Bas­ket­ball­feld oder im Gras ge­schla­fen, wo es schon recht kalt ge­wor­den sei. Ho­he Ber­ge um­säum­ten das Dorf. Es sei zu meh­re­ren Berg­rut­schen ge­kom­men. „Wir ha­ben kei­ne Hilfs­gü­ter von den Be­hör­den be­kom­men“, sagt auch die Frau aus Hey­ez­hai. „Als wir ei­nen Funk­tio­när auf der Stra­ße stopp­ten und frag­ten, schüt­tel­te er nur mit dem Kopf und sag­te nichts.“

Über die Not der Men­schen war in den Staats­me­di­en aber we­nig zu er­fah­ren. Da wur­den vor al­lem die Hilfs­be­mü­hun­gen ein­drucks­voll in Sze­ne ge­setzt, um mög­li­cher Kri­tik an ei­ner viel­leicht un­zu­rei­chen­den Re­ak­ti­on auf das Erd­be­ben zu­vor­zu­kom­men. In den zen­tra­len Abend­nach­rich­ten des Staats­fern­se­hens hieß es am En­de auch nur: „Al­le Be­woh­ner der Ge­gend sind an­ge­mes­sen ver­sorgt.“

Fo­to: dpa

Pa­ra­mi­li­tä­ri­sche Ein­satz­kräf­te hel­fen in Ji­uz­hai­gou ei­ner Frau über ei­ne vom Erd­be­ben zer­stör­te Stra­ße.

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