Ist die Bür­ger­ver­si­che­rung ge­rech­ter?

De­bat­te über Sys­tem­wech­sel in der Kran­ken­ver­si­che­rung mit hin­ken­den Ar­gu­men­ten

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Zwei Drit­tel der pri­vat Kran­ken­ver­si­cher­ten muss­ten zum Jah­res­wech­sel zum Teil mas­si­ve Bei­trags­er­hö­hun­gen schlu­cken. Das be­feu­ert die De­bat­te über ei­nen Sys­tem­wech­sel. Doch ist die von SPD, Grü­nen und Lin­ken fa­vo­ri­sier­te ge­setz­li­che Bür­ger­ver­si­che­rung wirk­lich ge­rech­ter?

BERLIN. Ist es ge­recht, dass der pri­vat Kran­ken­ver­si­cher­te schnel­ler ei­nen Arzt­ter­min be­kommt als der ge­setz­lich Ver­si­cher­te? Dass die­ser sich vom Chef­arzt be­han­deln las­sen kann, der ge­setz­lich Ver­si­cher­te aber nicht?

Nein, sa­gen SPD, Grü­ne und Lin­ke und set­zen auf ei­ne ge­setz­li­che Bür­ger­ver­si­che­rung für al­le – qua­si ei­ne Zwangs­ver­ei­ni­gung der pri­va­ten mit der ge­setz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung (GKV) zu ei­ner gro­ßen So­li­dar­ge­mein­schaft. Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Hermann Grö­he (CDU) da­ge­gen spricht von Neid­de­bat­ten. „Aus Sicht des Mi­nis­te­ri­ums schafft das Ne­ben­ein­an­der von ge­setz­li­cher und pri­va­ter Kran­ken­ver­si­che­rung Wett­be­werb um ei­ne gu­te Ver­sor­gung und nutzt da­mit al­len Ver­si­cher­ten“, be­tont ei­ne Mi­nis­te­ri­ums­spre­che­rin.

Ei­nen we­sent­li­chen He­bel sieht die SPD bei den Be­am­ten in der Pri­va­ten Kran­ken­ver­si­che­rung (PKV). Grund­sätz­lich kann ein Ar­beit­neh­mer

erst dann in die PKV wech­seln, wenn er ein Jah­res­brut­to­ein­kom­men von min­des­tens 57600 Eu­ro hat. Vor­her ist er bei ei­ner ge­setz­li­chen Kas­se pflicht­ver­si­chert. Be­am­te fal­len nicht un­ter die­se Ver­si­che­rungs­pflicht. Sie er­hal­ten vom Ar­beit­ge­ber zwi­schen 50 und 80 Pro­zent Bei­hil­fe für die Krank­heits­kos­ten. Die Bei­trags­ta­ri­fe sind ent­spre­chend nied­rig. In der GKV müss­te der Be­am­te den vol­len Bei­trag von der­zeit durch­schnitt­lich 15,7 Pro­zent vom Brut­to be­zah­len, weil der Staat hier den Ar­beit­ge­ber­an­teil

nicht über­nimmt al­so bei Be­am­ten, Pen­sio­nä­ren oder de­ren An­ge­hö­ri­gen.

Nach den Er­geb­nis­sen ei­ner Ber­tels­mann-Stu­die könn­te der Staat in den nächs­ten 15 Jah­ren rund 60 Mil­li­ar­den Eu­ro ein­spa­ren, wenn er die Be­am­ten­bei­hil­fe in der jet­zi­gen Form ab­schaf­fen wür­de. Durch Ein­füh­rung ei­ner all­ge­mei­nen Ver­si­che­rungs­pflicht müss­ten zwei Drit­tel die­ser Be­am­ten in ei­ne ge­setz­li­che Kas­se wech­seln, weil sie un­ter der Ein­kom­mens­gren­ze lie­gen. Wei­te­re 20 Pro­zent wür­den von ei­nem Wech­sel pro­fi­tie­ren.

Denn bei ei­ner sol­chen Über­lei­tung wür­de der Staat den Ar­beit­ge­ber­an­teil am ge­setz­li­chen Ver­si­che­rungs­bei­trag über­neh­men

Der PKV-Ver­band warnt in­des­sen, dass bei ei­ner ein­heit­li­chen Bür­ger­ver­si­che­rung oh­ne die PKV Arzt­pra­xen im Schnitt 50000 Eu­ro Ho­no­rar im Jahr ver­lo­ren gin­gen. Und nach ei­ner Stu­die der ge­werk­schafts­na­hen Hans-Böck­ler-Stif­tung hät­te ein Aus­stieg aus der PKV den Ver­lust von 30 000 bis 50 000 Ar­beits­plät­zen zur Fol­ge.

Wenn man aber – ganz im Sin­ne der Ärz­te – bei der Um­set­zung ei­ner Bür­ger­ver­si­che­rung die Ge­samt­aus­ga­ben und -ein­nah­men von GKV und PKV bei­be­hal­ten wür­de, wür­de das nach ei­ner ak­tu­el­len Stu­die des In­sti­tuts für Mi­kro­da­ten-Ana­ly­se (IfMDA, Kiel) zu ei­ner Bei­trags­er­hö­hung für heu­te ge­setz­lich Ver­si­cher­te von 1,5 Pro­zent­punk­ten auf dann 17,2 Pro­zent füh­ren.

Die heu­te ge­setz­lich Ver­si­cher­ten wür­den al­so zu­sätz­lich be­las­tet, wäh­rend die heu­ti­gen PKV-Ver­si­cher­ten, die dann in der Bür­ger­ver­si­che­rung wä­ren, mas­siv ent­las­tet wür­den. Die Pri­vat­ver­si­che­rer könn­ten dann zu­dem Al­ters­rück­stel­lun­gen von rund 210 Mil­li­ar­den Eu­ro (En­de 2017) ein­strei­chen. Da­mit wä­re die Um­set­zung ei­ner Bür­ger­ver­si­che­rung in der Form ei­ne um­fas­sen­de Sub­ven­tio­nie­rung der Pri­va­ten Kran­ken­ver­si­che­rung.

Auch das Pro­blem der Zwei-Klas­sen-Me­di­zin wä­re nicht be­ho­ben. Es könn­te viel­mehr ei­ne Mehr-Klas­sen-Me­di­zin ent­ste­hen. Die ver­meint­lich Ers­te-Klas­sePa­ti­en­ten wür­den ent­we­der ei­ne teu­re Zu­satz­ver­si­che­rung ab­schlie­ßen oder die Vor­tei­le di­rekt mit dem be­han­deln­den Arzt oder dem Kran­ken­haus klä­ren.

Das Ge­rech­tig­keits­ar­gu­ment hinkt al­so. Statt ideo­lo­gi­scher müss­ten öko­no­mi­sche Ar­gu­men­te her und ein ge­sell­schaft­li­cher Druck ent­ste­hen, der ei­ne Bür­ger­ver­si­che­rung er­zwingt. „Im Mo­ment soll­te man die Fin­ger von der Bür­ger­ver­si­che­rung las­sen“, sagt auch IfMDA-In­sti­tuts­lei­ter Tho­mas Dra­b­in­ski. Auf lan­ge Sicht wer­de aber al­lein we­gen des de­mo­gra­fi­schen Wan­dels Druck auf­ge­baut, ei­nen ein­heit­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rungs­markt ein­zu­rich­ten.

Fo­to: dpa

Der Ter­min beim Arzt ist für Pri­vat­pa­ti­en­ten oft ein­fa­cher zu be­kom­men.

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