Am En­de tri­um­phiert doch die Kunst

Wer­ke, die wir nicht ver­ges­sen wer­den: Das sind die High­lights der Do­cu­men­ta in Kassel

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Kultur -

Fünf Wer­ke, die wir nicht ver­ges­sen wer­den: Die Do­cu­men­ta 14 po­la­ri­siert mit ih­rem po­li­ti­schen Kon­zept. Den­noch be­haup­tet sich die Kunst ge­gen theo­rie­las­ti­gen Dis­kurs. Ein Blick auf fünf High­lights in Kassel - und ei­nen Klas­si­ker.

Von Ste­fan Lüd­de­mann

Ha­ben ein­zel­ne Kunst­wer­ke über­haupt ei­ne Chan­ce, die Er­in­ne­rung an die Do­cu­men­ta 14 zu prä­gen? Die Welt­kunst­schau von 2017 ist so ra­di­kal po­li­ti­siert wie kaum ei­ne Do­cu­men­ta je­mals zu­vor. Der Brü­cken­schlag in das von Kri­sen ge­beu­tel­te At­hen, die Leit­vo­ka­bel „Par­la­ment der Kör­per“als Vi­si­on ei­ner neu­en Mit­be­stim­mung – die­se Do­cu­men­ta ballt Glo­ba­li­sie­rungs­kri­tik zur ganz gro­ßen Ges­te. Kunst dient wie­der ei­nem Zweck. Den for­mu­liert ein Ku­ra­to­ren­team, des­sen Tex­te sich ri­gi­de le­sen und zugleich oft so ver­quast wir­ken. Aber soll Kunst nicht frei sein, frei als An­lass von Er­fah­run­gen und As­so­zia­tio­nen, frei von Fremd­be­stim­mun­gen durch Theo­rie und Politik?

Ja. Und zum Glück gibt es sie auch bei die­ser theo­rie­las­ti­gen Do­cu­men­ta – je­ne Wer­ke, die mit ih­rer vi­su­el­len Kraft den Dis­kurspan­zer, der um sie ge­legt wor­den ist, ein­fach auf­s­pren­gen. Das trifft so­gar auf je­nes Werk zu, dass auf den ers­ten Blick wie ein ge­bau­tes Ku­ra­to­ren­kon­zept wirkt. Mar­ta Min­u­jíns „Part­henon of Books“drängt sich als vi­su­el­le Si­gna­tur die­ser Do­cu­men­ta ge­ra­de­zu auf. Mit­ten auf dem zen­tra­len Fried­richs­platz steht die­se Ko­pie des Part­hen­ons wie ein gi­gan­ti­sches Be­legstück des von Do­cu­men­ta-Lei­ter Adam Szymc­zyk in­sze­nier­ten Brü­cken­schlags nach At­hen da.

Die ge­wal­ti­ge Skulp­tur über­wäl­tigt auch so – als Schrein des frei­en Wor­tes, der in al­len Far­ben Tau­sen­der an die Pfeiler an­ge­brach­ter Bü­cher schim­mert. Und als Er­in­ne­rung dar­an, dass Zen­sur mit den Bü­chern die Frei­heit des Aus­drucks al­ler Men­schen be­droht. Mit­ten in ei­ner Welt, de­ren Frei­heit durch Au­to­kra­ten von Trump bis Er­do­gan und durch Po­pu­lis­ten be­droht wird, setzt die Kas­se­ler Do­cu­men­ta ein Zei­chen – klar in der Hal­tung, be­tö­rend schön im Aus­druck.

Wie Kunst ge­gen Ge­walt und Leid pro­tes­tie­ren kann, macht auf die­ser Do­cu­men­ta nie­mand so ein­dring­lich nach­fühl­bar wie Mi­ri­am

Cahn. Die Schwei­zer Ma­le­rin ge­hört wie Ma­ria Lass­ning oder Mar­le­ne Du­mas zu den wich­tigs­ten Ma­le­rin­nen un­se­rer Zeit. Cahns ak­tu­el­ler, in der Do­cu­men­ta-Hal­le aus­ge­stell­ter Bil­der­zy­klus zur Flücht­lings­kri­se schil­dert kei­ne Ta­ges­po­li­tik. In ih­ren grell leuch­ten­den Ge­mäl­den zeigt Cahn Men­schen im Aus­nah­me­zu­stand der Aus­ge­setzt­heit und Ver­let­zung. Die Ma­le­rin stellt ih­re ent­blöß­ten und ver­sehr­ten Men­schen­kör­per in un­wirt­lich lee­re Bild­räu­me. So wird be­drän­gend fühl­bar, wie Ge­walt, Flucht und Exil Men­schen an Kör­per, Geist und See­le ver­let­zen – in un­glaub­lich star­ken Bil­dern.

Wie man vi­su­ell über­wäl­ti­gen und in­halt­lich prä­zis for­mu­lie­ren kann, führt auch Theo Es­he­tu in der Neu­en Haupt­post vor. Für sei­ne Ar­beit „At­las Frac­tu­red“hat er ei­ne Rie­sen­wand mit fünf Ban­nern vom Eth­no­lo­gi­schen Mu­se­um in Berlin-Dah­lem be­spannt. Über die­se Ban­ner mit ih­ren Mas­ken­dar­stel­lun­gen lässt er ein rie­sig flu­ten­des Vi­deo lau­fen. Kli­schees der west­li­chen Völ­ker­kun­de, Por­träts von Men­schen aus al­len Erd­tei­len, da­zu Kunst­zi­ta­te von Char­lie Chap­lin als „Gro­ßer Dik­ta­tor“bis zu Ca­ra­vag­gi­os „Me­du­sa“ver­schmel­zen zu ei­ner gro­ßen Col­la­ge über Ei­gen- und Fremd­bil­der und ih­re ge­hei­men Qu­er­ver­bin­dun­gen. Do­cu­men­ta-Lei­ter Adam Szymc­zyk und sei­ne Ku­ra­to­ren ha­ben gan­ze Text­kas­ka­den über Iden­ti­tät und Gen­der pro­du­ziert und da­bei auch den post­ko­lo­nia­len Dis­kurs nicht ver­ges­sen. Wer Es­he­tus Bil­de­pos sieht, braucht das al­les nicht mehr. Die­se Kunst zeigt al­les. Groß­ar­tig.

Sper­rig, bild­stark und durch kei­nen Ka­ta­lo­gessay zu To­de zu er­zäh­len – so ist auch der Bei­trag von Ibra­him Ma­ha­ma zur Do­cu­men­ta. In At­hen ließ er den Syn­tag­maPlatz von Hel­fern mit ver­näh­ten Ju­te­säcken be­de­cken. In Kassel hat er die bei­den Tor­wa­chen mit Bah­nen aus Sä­cken ver­hängt. Das Er­geb­nis wirkt nun wie die düs­te­re Va­ri­an­te von Chris­tos Ber­li­ner Reichs­tags­ver­hül­lung. Denn das ver­schlis­se­ne Ju­te­kleid ver­wan­delt die ver­trau­ten Ge­bäu­de in selt­sa­me Fremd­lin­ge. Ma­ha­ma über­blen­det mit sei­ner In­stal­la­ti­on Eu­ro­pas Ar­chi­tek­tur­spra­che roya­ler Herr­schaft mit der Un­ge­rech­tig­keits­ge­schich­te des Ko­lo­nia­lis­mus. Aber vor al­lem schafft er vi­su­ell star­ke Mar­kie­run­gen im Stadt­raum, die zu di­ver­gie­ren­den Deu­tun­gen her­aus­for­dern.

Je­de Do­cu­men­ta prä­sen­tiert vie­le ei­gens für die Welt­kunst­schau pro­du­zier­te Kunst­wer­ke. Die Do­cu­men­ta stützt sich aber auch auf ih­re Klas­si­ker. In der Neu­en Ga­le­rie, de­ren Prä­sen­ta­ti­on zu Recht kon­tro­vers dis­ku­tiert wird, tri­um­phiert ein sol­cher Klas­si­ker mü­he­los über das ak­tu­el­le An­ge­bot: die In­stal­la­ti­on „Das Ru­del“von Jo­seph Beuys. Schlit­ten mit Filz­de­cke und Ta­schen­lam­pe er­gie­ßen sich wie ein Ru­del aus dem La­de­raum ei­nes VW Bul­lis: Die­ses Werk, Haupt­stück der Samm­lung des Mu­se­ums, über­trifft an vi­su­el­ler Kraft prak­tisch al­les, was die ak­tu­el­le Do­cu­men­ta zeigt. Das Schlit­ten­ru­del als Zei­chen vi­ta­len Auf­bruchs – das ist heu­te so ak­tu­ell wie En­de der Sech­zi­ger­jah­re.

Und wo bleibt in Kassel die Iro­nie? Da­ni­el Knorr lie­fert sie. Er lässt wie­der­keh­rend wei­ße Rauch­wölk­chen aus dem Turm des Fri­de­ri­cian­ums auf­stei­gen. „Ex­pi­ra­ti­on Mo­ve­ment“heißt das Werk, das wie ein sar­kas­ti­scher Kommentar auf den er­hitz­ten Kunst­be­trieb wirkt. Wei­ßer Rauch si­gna­li­siert in Rom die er­folg­rei­che Wahl ei­nes neu­en Paps­tes. In Kassel möch­te man nun aus­ru­fen: Ha­be­mus Do­cu­men­ta!

Bit­te nicht! Wel­che Do­cu­men­ta-Ex­po­na­te fal­len durch? Drei Wer­ke auf noz.de/do­cu­men­ta

Fo­to: dpa

Al­le Ge­sich­ter die­ser Welt? Die Vi­deo­in­stal­la­ti­on von Theo Es­he­tu do­mi­niert die Prä­sen­ta­ti­on in der Neu­en Haupt­post in Kassel.

Kör­per­bil­der von Mi­ri­am Cahn. Fo­to: ©_Ro­man Ma­erz

Zwei Tor­wa­chen un­ter Ju­te­säcken. Fo­to: dpa

Bü­cher-Part­henon auf dem Fried­richs­platz. Fo­to: dpa

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