EU-Kol­leg für Mi­li­tärs

FDP for­dert Ge­ne­ral­stabs­aus­bil­dung auf eu­ro­päi­scher Ebe­ne

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Front Page - Von Thomas Lud­wig

Der Vi­ze­prä­si­dent des Eu­ro­päi­schen Par­la­ments, Alex­an­der Graf Lambs­dorff (FDP), regt mehr eu­ro­pa­über­grei­fen­de sol­da­ti­sche Aus­bil­dung an. „In der eu­ro­päi­schen Ver­tei­di­gungs­po­li­tik läuft auch des­halb so we­nig zu­sam­men, weil sich die han­deln­den Per­so­nen nicht ken­nen“, sag­te Lambs­dorff un­se­rer Re­dak­ti­on: „Al­so brau­chen wir für die Ge­ne­ral­stabs­aus­bil­dung ein Kol­leg auf eu­ro­päi­scher Ebe­ne, wo je­der jun­ge Ma­jor, der für hö­he­re Füh­rungs­po­si­tio­nen aus­er­ko­ren ist, ver­pflich­tend ein hal­bes Jahr mit an­de­ren Of­fi­zie­ren aus eu­ro­päi­schen Streit­kräf­ten aus­ge­bil­det wird.“Die EU be­nö­ti­ge in der Ver­tei­di­gungs­po­li­tik ko­or­di­nier­tes Han­deln, bis hin zur ge­mein­sa­men Ar­mee, sag­te der li­be­ra­le Eu­ro­pa­po­li­ti­ker.

Für den wahr­schein­li­chen Fall, dass die FDP wie­der in den Bun­des­tag ein­zieht, hat Lambs­dorff an­ge­kün­digt, von Brüs­sel nach Ber­lin zu wech­seln. Eu­ro­pa­po­li­ti­sche Al­lein­gän­ge Deutsch­lands wie bei der Ener­gie­wen­de und der Flücht­lings­po­li­tik dür­fe es un­ter ei­ner neu­en Re­gie­rung nicht ge­ben.

OS­NA­BRÜCK. Vor dem Lan­des­par­tei­tag der Li­be­ra­len in Nie­der­sach­sen am Wo­che­n­en­de blickt FDP-Prä­si­di­ums­mit­glied Alex­an­der Graf Lambs­dorff auf die neue Be­schei­den­heit sei­ner Par­tei, die Schuld der CDU am Auf­stieg der AfD und die Not­wen­dig­keit für mehr Si­cher­heit in der EU.

Wel­che Be­din­gun­gen stellt die FDP für Ko­ali­ti­ons­ver­hand­lun­gen nach dem 24. Sep­tem­ber?

Wir kom­men aus der au­ßer­par­la­men­ta­ri­schen Op­po­si­ti­on. Da bla­sen wir nicht die Ba­cken auf und stel­len Be­din­gun­gen. Un­ser Ziel ist es, in den Bun­des­tag ein­zu­zie­hen und den his­to­ri­schen Aus­nah­me­zu­stand zu be­en­den, dass in ei­nem deut­schen Par­la­ment kei­ne Li­be­ra­len sit­zen. Schließ­lich gibt es dort der­zeit nie­man­den, der mit Ent­schie­den­heit für Markt­wirt­schaft strei­tet und sich kon­se­quent da­für ein­setzt, die Macht an das Recht zu bin­den.

Ist das nicht fal­sche Be­schei­den­heit? Die FDP liegt in Um­fra­gen kon­stant bei rund acht Pro­zent . . . Viel­leicht ist es ei­ne neue Be­schei­den­heit. Sie ist das Er­geb­nis ei­nes lan­gen Denk­pro­zes­ses und in­ter­ner Selbst­ver­ge­wis­se­rung.

Wie kommt es zur Wie­der­auf­er­ste­hung der Li­be­ra­len?

Ers­tens ha­ben wir den ver­gif­te­ten Rat­schlag von 2013, nach rechts zu ge­hen, na­tio­na­lis­tisch und eu­ro­pa­feind­lich zu wer­den, zu­rück­ge­wie­sen. Zwei­tens gibt es ech­ten Te­am­geist. Der al­te Ruf der FDP als In­tri­gan­ten­sta­del ist weg. Drit­tens: the­ma­ti­sche Ba­lan­ce. Die Ve­ren­gung auf Steu­ern war falsch. Nun ist un­ser his­to­risch viel wich­ti­ge­res The­ma Bil­dungs­po­li­tik wie­der im Zen­trum, mit der Di­gi­ta­li­sie­rung als zwei­tem gro­ßem Mo­der­ni­sie­rungs­pro­jekt. Na­tür­lich blei­ben auch Fi­nan­zen ein The­ma, ei­ne fai­re Ba­lan­ce zwi­schen Staat und Bür­ger steht für Li­be­ra­le im­mer auf der Ta­ges­ord­nung.

Die neue FDP ist mehr als ihr rhe­to­risch star­ker Chef ? Ja klar. Aber mit Chris­ti­an Lind­ner ha­ben wir nun mal ei­nen dy­na­mi­schen Mann an der Spit­ze, der bei jun­gen Leu­ten sehr be­liebt ist. Er hat selbst Er­fah­run­gen als Star­tup-Un­ter­neh­mer ge­macht, ist auch mal ge­schei­tert und auf­ge­stan­den. Das bringt ihm Re­spekt ein, weil es für die un­ter­neh­me­ri­sche Kul­tur steht, die un­ser Land braucht. Ist die FDP das La­bel Kli­en­tel­par­tei end­gül­tig los? Im Ernst: Was heißt Kli­en­tel? Die SPD hat die Ge­werk­schaf­ten, die Grü­nen ih­re Um­welt­ver­bän­de, bei bei­den ist die Ver­qui­ckung bis ins Par­la­ment hin­ein viel stär­ker als bei uns. Uns wäh­len eben eher Mit­tel­ständ­ler, Hand­wer­ker, Frei­be­ruf­ler, Selbst­stän­di­ge, neu­er­dings auch Start-up-Un­ter­neh­mer. Wenn das un­se­re Kli­en­tel ist – in Ord­nung.

Stand heu­te, reicht es bei der Bun­des­tags­wahl nicht für Schwarz-Gelb. Könn­te die AfD Mehr­heits­be­schaf­fer wer­den?

Das ist aus­ge­schlos­sen. Die Par­tei ist eu­ro­pa­feind­lich, ho­mo­phob, wei­ner­lich, in Tei­len rechts­ra­di­kal – sie steht so ziem­lich für al­les, was wir Li­be­ra­le ge­ra­de nicht sind.

Ist der Auf­stieg der Po­pu­lis­ten auch das Re­sul­tat ei­ner zu lan­ge wäh­ren­den Zeit der Gro­ßen Ko­ali­ti­on? Ei­ne Gro­ße Ko­ali­ti­on ist im­mer ei­ne Not­lö­sung. Sie kann nütz­lich sein, wenn man für au­ßer­or­dent­li­che Pro­jek­te ei­ne Zwei­drit­tel-Mehr­heit be­nö­tigt. Sol­che Ent­schei­dun­gen sind in den letz­ten Jah­ren aber nicht ge­trof­fen wor­den. Au­ßer­dem ist ei­ne Gro­ße Ko­ali­ti­on de­mo­kra­tisch un­er­freu­lich, weil dann die Op­po­si­ti­on stark an die Rän­der ge­drängt wird. Die AfD hat vor al­lem des­halb Er­folg, weil die kon­ser­va­ti­ve Wur­zel der CDU ver­dorrt ist. Die CDU ver­sagt da­bei, die kon­ser­va­ti­ve und na­tio­nal ori­en­tier­te Wäh­ler­schaft im de­mo­kra­ti­schen Spek­trum zu hal­ten. Das ist aber die staats­po­li­ti­sche Auf­ga­be der Uni­on seit Be­ginn der Bun­des­re­pu­blik.

Kön­nen eu­ro­pa- und au­ßen­po­li­ti­sche The­men in die­sem Herbst wahl­ent­schei­dend sein?

Das In­ter­es­se an die­sen Fra­gen ist je­den­falls deut­lich grö­ßer als noch vor Jah­ren. Russ­land und die Sank­tio­nen, Er­do­gan und sei­ne au­to­ri­tä­re Po­li­tik – all das be­wegt die Men­schen. Sie ha­ben rie­si­ge Fra­gen zur Flücht­lings­po­li­tik. Und viel dreht sich um die zen­tra­le Fra­ge: Wie wird Do­nald Trump das in­ter­na­tio­na­le Sys­tem ver­än­dern? All das be­schäf­tigt die Men­schen sehr, sie wol­len kom­pe­ten­te Ant­wor­ten.

Was muss sich in der deut­schen Eu­ro­pa­po­li­tik än­dern?

Als größ­tes Land in der EU ha­ben wir die Ver­ant­wor­tung, an­de­re in Ent­schei­dungs­pro­zes­se ein­zu­bin­den. Da ha­ben die Al­lein­gän­ge die­ser Bun­des­re­gie­rung bei der plötz­li­chen Ener­gie­wen­de und der Flücht­lings­po­li­tik eu­ro­pa­po­li­tisch ge­scha­det. Ich möch­te zu dem zu­rück, was Hel­mut Kohl und Hans-Dietrich Gen­scher prak­ti­ziert ha­ben, näm­lich den Um­gang mit an­de­ren Staa­ten auf Au­gen­hö­he. Deutsch­land muss füh­ren, ja, aber nicht im Al­lein­gang.

Mehr Eu­ro­pa mit der FDP? Wir wol­len nicht um je­den Preis mehr Eu­ro­pa auf je­dem Po­li­tik­feld. Da, wo die Zu­sam­men­ar­beit aber zu ei­ner Ver­bes­se­rung führt, da sind wir da­für. Bei der Si­cher­heit ist das ein­deu­tig so. Und es gilt auch für die Ver­tei­di­gung. Wir brau­chen ko­or­di­nier­tes Han­deln, bis hin zu ei­ner ge­mein­sa­men Ar­mee. Und aus Eu­ro­pol, das als Da­ten­sam­mel­stel­le ein zahn­lo­ser Ti­ger ist, soll­ten wir ei­ne ech­te eu­ro­päi­sche Er­mitt­lungs­be­hör­de ma­chen. Denn Ter­ro­ris­ten und Kri­mi­nel­le sind längst grenz­über­schrei­tend un­ter­wegs.

Fo­to: Gert West­dörp

Alex­an­der Graf Lambs­dorff

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