Mehr als 800 Asyl­be­wer­ber ab­ge­lehnt

Aus­wir­kun­gen des neu­en Ge­set­zes für un­se­re Re­gi­on – 444 Rück­kehr­pflich­ti­ge in Os­na­brück

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Front Page - Von Je­an-Charles Fays Mehr zur Si­tua­ti­on der Flücht­lin­ge in der Re­gi­on le­sen Sie auf noz.de/flu­echt­lin­ge

En­de Ju­li trat das Ge­setz zur bes­se­ren Durch­set­zung der Aus­rei­se­pflicht in Kraft. Wel­che Aus­wir­kun­gen hat es auf die 444 Aus­rei­se­pflich­ti­gen in der Stadt Os­na­brück und wel­che auf die 369 Aus­rei­se­pflich­ti­gen im Land­kreis? Bis­lang ist die Zahl der voll­zo­ge­nen Ab­schie­bun­gen im Land­kreis von 16 im Jahr 2016 auf 20 Ab­schie­bun­gen bis Ju­li 2017 an­ge­stie­gen. In Os­na­brück gab es bis Mai 2017 vier Ab­schie­bun­gen. Im ge­sam­ten Jahr 2016 gab es in Os­na­brück neun Ab­schie­bun­gen. Die Po­li­zei­di­rek­ti­on Os­na­brück zählt in ih­rem Zu­stän­dig­keits­be­reich Ge­fähr­der oder re­le­van­te Per­so­nen aus der is­la­mis­ti­schen Sze­ne „im un­te­ren ein­stel­li­gen Be­reich“. Von Ge­fähr­dern ist die Re­de, wenn von Per­so­nen die Ge­fahr ei­ner schwe­ren Straf­tat bis hin zur Ge­fahr ei­nes ter­ro­ris­ti­schen An­schlags aus­geht.

En­de Ju­li trat das Ge­setz zur bes­se­ren Durch­set­zung der Aus­rei­se­pflicht in Kraft, mit dem die schwarz-ro­te Bun­des­re­gie­rung un­ter an­de­rem auf den Ter­ror­an­schlag auf den Ber­li­ner Weih­nachts­markt re­agiert hat­te. Wel­che Aus­wir­kun­gen hat das Ge­setz auf Stadt und Land­kreis?

Aus­rei­se­pflich­ti­ge, von de­nen ei­ne er­heb­li­che Ge­fahr für Leib und Le­ben oder die in­ne­re Si­cher­heit aus­geht, kön­nen durch das neue Ge­setz ein­fa­cher in Ab­schie­be­haft ge­nom­men wer­den. So­ge­nann­ten Ge­fähr­dern kann ei­ne elek­tro­ni­sche Fuß­fes­sel an­ge­legt wer­den. Zu­dem kann der Be­we­gungs­spiel­raum die­ser Aus­rei­se­pflich­ti­gen ein­ge­engt wer­den. Ins­ge­samt sol­len au­ßer­dem An­rei­ze für Per­so­nen oh­ne Blei­be­per­spek­ti­ve re­du­ziert wer­den. Asyl­su­chen­de kön­nen ver­pflich­tet wer­den, län­ger als bis­her in den Erst­auf­nah­me­ein­rich­tun­gen zu blei­ben.

Wie vie­le Aus­rei­se­pflich­ti­ge gibt es ak­tu­ell in der Re­gi­on Os­na­brück? Die Zahl der rück­kehr­pflich­ti­gen Per­so­nen im Land­kreis Os­na­brück ist von 369 Per­so­nen (Jah­res­mit­tel des Jah­res 2016) um 32 auf 337 Per­so­nen im Ju­li 2017 ge­sun­ken. In der Stadt Os­na­brück gibt es ak­tu­ell 444 Aus­rei­se­pflich­ti­ge.

Wie hat sich die Zahl der Ab­schie­bun­gen ent­wi­ckelt? Die Zahl der voll­zo­ge­nen Ab­schie­bun­gen im Land­kreis Os­na­brück ist von 16 im Jahr 2016 auf 20 voll­zo­ge­ne Ab­schie­bun­gen bis Ju­li die­ses Jah­res an­ge­stie­gen. In den meis­ten Fäl­len spricht nach An­ga­ben des Land­krei­ses die Er­tei­lung ei­ner Dul­dung aus fa­mi­liä­ren Grün­den (Ar­ti­kel 6 Grund­ge­setz) ge­gen ei­ne Ab­schie­bung.

In der Stadt Os­na­brück gab es die­ses Jahr bis Mai vier Ab­schie­bun­gen. Im ge­sam­ten Jahr 2016 gab es in Os­na­brück neun Ab­schie­bun­gen.

Wel­che Straf­ta­ten ei­nes Flücht­lings füh­ren ak­tu­ell da­zu, dass ein Flücht­ling aus­rei­se­pflich­tig wird? Wird ein Aus­län­der straf­fäl­lig, muss ent­spre­chend der Vor­ga­ben des Auf­ent­halts­ge­set­zes ge­prüft wer­den, ob das Aus­wei­sungs­in­ter­es­se der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land hö­her zu be­wer­ten ist als das Blei­bein­ter­es­se des Straf­tä­ters. Es han­delt sich im­mer um ei­ne Ein­zel­fall­prü­fung. Die Aus­wei­sung kann nicht nach ei­nem Straf­maß­ka­ta­log sche­ma­tisch er­fol­gen. Es kann auch nicht pau­schal ge­sagt wer­den, wel­che Straf­ta­ten da­zu füh­ren, dass ein Flücht­ling aus­rei­se­pflich­tig wird. Nach An­ga­ben des Land­krei­ses wird ein Aus­län­der „grund­sätz­lich aus­ge­wie­sen, des­sen Auf­ent­halt die öf­fent­li­che Si­cher­heit und Ord­nung, die frei­heit­li­che de­mo­kra­ti­sche Grund­ord­nung oder sons­ti­ge er­heb­li­che In­ter­es­sen der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land ge­fähr­det, wenn die un­ter Be­rück­sich­ti­gung al­ler

Um­stän­de des Ein­zel­fal­les vor­zu­neh­men­de Ab­wä­gung der In­ter­es­sen an der Aus­rei­se mit den In­ter­es­sen an ei­nem wei­te­ren Ver­bleib des Aus­län­ders im Bun­des­ge­biet er­gibt, dass das öf­fent­li­che In­ter­es­se an der Aus­rei­se über­wiegt“.

Gibt es Ge­fähr­der, die nach dem neu­en Ge­setz nun in un­se­rer Re­gi­on in Ab­schie­be­haft ge­nom­men wur­den oder de­nen ei­ne elek­tro­ni­sche Fuß­fes­sel an­ge­legt oder de­ren Be­we­gungs­raum ein­ge­schränkt wur­de? Ein Spre­cher der Stadt Os­na­brück konn­te da­zu auf An­fra­ge un­se­rer Re­dak­ti­on kei­ne An­ga­ben ma­chen. Ein Spre­cher des Land­krei­ses spricht da­von, dass es im Land­kreis der­zeit kei­ne Fäl­le die­ser Art gibt.

Wie stark ist die is­la­mis­ti­sche Sze­ne in der Re­gi­on Os­na­brück? Die Po­li­zei­di­rek­ti­on Os­na­brück zählt in ih­rem Zu­stän­dig­keits­be­reich Ge­fähr­der oder re­le­van­te Per­so­nen

aus der is­la­mis­ti­schen Sze­ne „im un­te­ren ein­stel­li­gen Be­reich“. Von Ge­fähr­dern re­den Po­li­zei­di­rek­ti­on und Lan­des­kri­mi­nal­amt, wenn von Per­so­nen die Ge­fahr ei­ner schwe­ren Straf­tat bis hin zur Ge­fahr ei­nes ter­ro­ris­ti­schen An­schlags aus­geht. Al­ler­dings liegt bei den Ge­fähr­dern noch kein kon­kre­ter Hin­weis für die­se Straf­tat vor. In ganz Nie­der­sach­sen wird laut Lan­des­kri­mi­nal­amt ei­ne Per­so­nen­an­zahl im mitt­le­ren zwei­stel­li­gen Be­reich als Ge­fähr­der ein­ge­stuft. Sala­fis­ti­sche Ten­den­zen gibt es mitt­ler­wei­le flä­chen­de­ckend in Nie­der­sach­sen. Grö­ße­re Städ­te sind Schwer­punk­te. Der Ver­fas­sungs­schutz er­klärt, dass der Sala­fis­mus die dy­na­mischs­te Strö­mung in­ner­halb des Is­la­mis­mus ist. Von 2015 bis 2017 ha­be sich die Zahl der An­hän­ger bun­des­weit von 8350 auf 10 100, nie­der­sach­sen­weit von 520 auf 730 er­höht. Die Pre­di­ger, die dort auf­tre­ten, sind in das na­tio­na­le sala­fis­ti­sche Netz­werk ein­ge­bun­den.

Für die Re­gi­on Os­na­brück lie­gen dem Ver­fas­sungs­schutz Er­kennt­nis­se zu Ein­zel­per­so­nen des sala­fis­ti­schen Spek­trums vor.

Wie re­agiert die Re­gi­on auf die von Ge­fähr­dern oder von Ein­zel­per­so­nen des sala­fis­ti­schen Spek­trums aus­ge­hen­de Ge­fahr? Der Land­kreis er­hält von den zu­stän­di­gen Si­cher­heits­be­hör­den Hin­wei­se auf sol­che Per­so­nen, so­fern es sich um Aus­län­der han­delt, da­mit ge­ge­be­nen­falls auf­ent­halts- und pass­recht­li­che Kon­se­quen­zen ge­zo­gen wer­den kön­nen.

Mit wel­chen Maß­nah­men beugt die Re­gi­on ei­ner Ra­di­ka­li­sie­rung vor? „Ge­lin­gen­de In­te­gra­ti­on ist die bes­te Prä­ven­ti­on ge­gen Kri­mi­na­li­tät“, sagt Land­kreis-Spre­cher Burk­hard Rie­pen­hoff. Der Land­kreis ver­ste­he In­te­gra­ti­on als ein ganz­heit­li­ches Ge­sche­hen, das so­wohl Zu­ge­wan­der­te als auch die ak­tu­el­len Be­woh­ner des Land­krei­ses an­ge­he und ge­mein­sa­me An­stren­gun­gen so­wie den Dia­log be­nö­ti­ge.

Der Land­kreis han­de­le nach dem Grund­satz „För­dern und for­dern“. Wich­ti­ge Eck­pfei­ler im In­te­gra­ti­ons­pro­zess sind dem­zu­fol­ge der Sprach­er­werb, gu­te Bil­dung vor al­lem für die Jün­ge­ren und Aus­bil­dungs- und Ar­beits­plät­ze als Grund­la­ge für ein selbst­be­stimm­tes Le­ben. Da­für sor­ge der Land­kreis mit Sprach­kurs­an­ge­bo­ten, er­gän­zen­den An­ge­bo­ten in den Schu­len und mit kom­mu­na­ler Ar­beits­markt­in­te­gra­ti­on. „Mit gu­ter Bil­dung und aus­kömm­li­cher Ar­beit sind An­ker ge­schaf­fen, die Ra­di­ka­li­sie­rung vor­beu­gen kön­nen“, be­tont Rie­pen­hoff. Be­son­de­res Au­gen­merk ha­be die Auf­ga­be, „Ge­flüch­te­ten kon­ti­nu­ier­lich und nach­hal­tig un­se­re Grund­wer­te als Ba­sis für ein fried­li­ches und kon­struk­ti­ves Zu­sam­men­le­ben zu ver­mit­teln“. Da sich Grund­hal­tun­gen und Wer­te nicht von heu­te auf mor­gen ent­wi­ckel­ten, sei­en in die­sem sen­si­blen Feld gleich­zei­tig in­ter­kul­tu­rel­le Sen­si­bi­li­tät und Wer­te­be­wusst­sein, To­le­ranz und kla­re Hal­tung so­wie ein lan­ger Atem ge­for­dert.

Zu­dem set­zen sich vie­le Eh­ren­amt­li­che in der Flücht­lings­hil­fe ein, und der Land­kreis stel­le Mit­tel für die Flücht­lings­so­zi­al­ar­beit be­reit. Kreis­weit ist un­ter an­de­rem der Ca­ri­tas­ver­band für Stadt und Land­kreis in der Flücht­lings­so­zi­al­ar­beit tä­tig und leis­tet et­wa mit dem Trau­ma-Netz­werk/Be­ra­tung psy­cho­so­zia­le Hil­fe.

Der Spre­cher der Stadt Os­na­brück, Sven Jür­gen­sen, ver­weist auf die Ko­or­di­nie­rungs­stel­le Flücht­lings­so­zi­al­ar­beit der Stadt, die ge­mein­sam mit Ca­ri­tas, Out­law, Exil und Dia­ko­nie of­fe­ne Sprech­stun­den und Ein­zel­fall-Be­glei­tung an­bie­tet. Flücht­lin­ge wür­den in al­len Fra­gen des An­kom­mens be­ra­ten und be­glei­tet. Die Flücht­lings­so­zi­al­ar­beit fin­det so­wohl in den Ge­mein­schafts­un­ter­künf­ten als auch in den Be­ra­tungs­stel­len statt.

Fo­to: dpa

Das Ge­setz zur bes­se­ren Durch­set­zung der Aus­rei­se­pflicht trat En­de Ju­li in Kraft. Asyl­su­chen­de kön­nen ver­pflich­tet wer­den, län­ger als bis­her in Erst­auf­nah­me­ein­rich­tun­gen wie et­wa der Lan­des­auf­nah­me­be­hör­de in Bram­sche-He­se­pe zu blei­ben.

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