Ein Hauch von „Hou­se of Cards“

Bei der De­bat­te um die Land­tags­auf­lö­sung wer­fen sich die La­ger ge­gen­sei­tig un­sau­be­re Me­tho­den vor Der Nie­der­säch­si­sche Land­tag steu­ert auf die Selbst­auf­lö­sung zu: Bei ei­ner Son­der­sit­zung wei­sen sich Ko­ali­ti­on und Op­po­si­ti­on je­weils die Schuld an der Re­gie

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Einblicke - Von Klaus Wie­sche­mey­er

Mi­nis­ter­prä­si­dent Ste­phan Weil wit­tert ei­ne Kam­pa­gne. Am Frei­tag der Aus­tritt der Ab­ge­ord­ne­ten El­ke Twes­ten aus der Re­gie­rungs­ko­ali­ti­on, „kei­ne 48 St­un­den spä­ter“ein Zei­tungs­be­richt über ei­ne von VW ge­gen­ge­le­se­ne Re­gie­rungs­er­klä­rung Weils: „An Zu­fäl­le mag glau­ben, wer will. Ich glau­be nicht dar­an“, sagt der SPD-Po­li­ti­ker.

Es geht an die­sem Don­ners­tag im Land­tag viel um schmut­zi­ge Tricks und wah­re Wer­te in der Po­li­tik. For­mal brach­te das Par­la­ment mit ei­ner De­bat­te die Selbst­auf­lö­sung des Land­tags auf den Weg, die am 15. Ok­to­ber mit vor­ge­zo­ge­nen Neu­wah­len en­den soll.

Doch vor al­lem die Ab­ge­ord­ne­ten von SPD und Grü­nen wol­len sich mit dem Wech­sel der Ab­ge­ord­ne­ten El­ke Twes­ten, die an die­sem Tag erst­mals in den Rei­hen der CDU sitzt, nicht ab­fin­den. Ein Wech­sel, der Ro­tG­rün die lan­ge eben­so knap­pe wie sta­bi­le Ein­stim­men­Mehr­heit ge­kos­tet hat.

Zwar be­to­nen Po­li­ti­ker al­ler Par­tei­en seit Ta­gen, dass man rhe­to­risch bald mal ei­nen Gang her­un­ter­schal­ten und in ei­nen sach­li­chen Wahl­kampf über­ge­hen soll­te. Doch der „Fall Twes­ten“mit sei­nen Ver­mu­tun­gen und Un­ter­stel­lun­gen do­mi­niert auch die­se Land­tags­sit­zung. Die War­nun­gen vor ei­ner Schlamm­schlacht im Wahl­kampf wer­den selbst zur An­ein­an­der­rei­hung ge­gen­sei­ti­ger Schuld­zu­wei­sun­gen.

De­mo­kra­tie be­schä­digt

Der Noch-Mi­nis­ter­prä­si­dent macht da kei­ne Aus­nah­me: „Das ist kein nor­ma­ler Vor­gang. Das ist nichts, was man ein­fach durch den Hin­weis durch das freie Man­dat ab­tun könn­te“, sagt Weil. Kurz zu­vor hat­te die SPDFrak­ti­ons­vor­sit­zen­de Jo­han­ne Mod­der Twes­ten be­reits per­sön­lich at­ta­ckiert.

Nicht al­les, was le­gal sei, sei auch le­gi­tim, sagt sie über den Über­tritt: „Sie ha­ben mit Ih­rem Ver­hal­ten der De­mo­kra­tie ei­nen ernst­haf­ten Scha­den zu­ge­fügt! Sie ha­ben sich ei­gen­mäch­tig und oh­ne in­halt­li­che Be­grün­dung über den Wil­len der Wäh­le­rin­nen und Wäh­ler in Nie­der­sach­sen hin­weg­ge­setzt“, schimpft Mod­der und setzt nach: „Ich fürch­te, Sie ha­ben tat­säch­lich Ih­ren in­ne­ren mo­ra­li­schen Kom­pass ver­lo­ren.“

Grü­nen-Frak­ti­ons­che­fin An­ja Piel fühlt sich nach VW und Twes­ten gar an die TVSe­rie „Hou­se of Cards“er­in­nert, in der ein ruch­lo­ser USPo­li­ti­ker mit Er­pres­sung und Mord zum US-Prä­si­den­ten auf­steigt. Als Be­weis we­delt Piel mit ei­ner Aus­ga­be der „Bre­mer­vör­der Zei­tung“, in der die da­mals noch Grü­ne Twes­ten am 10. Ju­ni noch schreibt, dass „kei­ne an­de­re Par­tei ak­tu­ell so sehr ge­braucht wird wie die Grü­nen“. „Ich ma­che mir kei­ne Il­lu­sio­nen: Der Wahl­kampf, der jetzt be­ginnt, wird hart. Sie, mei­ne Da­men und Her­ren von CDU und FDP, ha­ben ja be­reits den Pfad der Red­lich­keit ver­las­sen“, sagt Piel.

Die An­ge­grif­fe­nen ge­ben den Ball um­ge­hend zu­rück: Dass Twes­ten in den an­geb­lich „so­zia­len“Netz­wer­ken hef­tig an­ge­fein­det und hand­fest be­droht wird, ist für CDU-Frak­ti­ons­chef Björn Thüm­ler den Re­gie­rungs­frak­tio­nen zu ver­dan­ken. Im­mer­hin ha­be Weil am Frei­tag zu­erst von In­tri­ge ge­spro­chen Zwi­schen Harz und Küs­te: mehr Ar­ti­kel auf noz.de/nie­der­sach­sen Ein Por­trät Ste­phan Weils fin­den Sie auf noz.de/po­li­tik

und sich auf­ge­führt „wie ein Rum­pel­stilz­chen“. Für die „Kli­ma­ver­gif­tung sind vor al­lem So­zi­al­de­mo­kra­ten ver­ant­wort­lich“, schimpft Thüm­ler. Weil stri­cke mit Twes­ten be­reits an ei­ner Le­gen­de, der er das Schei­tern sei­ner Re­gie­rung un­ter­schie­ben kön­ne. Da­bei sei Rot-Grün schon längst in­halt­lich und per­so­nell am En­de: „Die­se Lan­des­re­gie­rung war lan­ge vor dem Schwar­zen Frei­tag ins Strau­cheln ge­ra­ten.“

Thüm­ler sieht in dem Twes­ten-Wech­sel ei­nen völ­lig nor­ma­len Vor­gang: „Liegt es wirk­lich au­ßer­halb Ih­rer Vor­stel­lungs­kraft, dass Ih­nen je­mand aus den Ko­ali­ti­ons­frak­tio­nen we­gen in­halt­li­cher Dif­fe­ren­zen am En­de die Ge­folg­schaft ver­wei­gern könn­te?“, fragt er Rich­tung Noch-Re­gie­rungs­frak­tio­nen. An die­ser Schlamm­schlacht wer­de sich die CDU nicht be­tei­li­gen.

Ver­ba­le Hetz­jagd

Die FDP schlägt in die­sel­be Ker­be: Das Re­gie­rungs­cha­os hal­te seit 2013 an, sagt FDPPar­tei­chef Ste­fan Birk­ner. Die Twes­ten-Kri­tik be­zeich­net Birk­ner als „Mit­leids­num­mer“. Weil sei an sich selbst ge­schei­tert – nicht an ei­ner ein­zel­nen Ab­ge­ord­ne­ten. Auch Birk­ner macht Re­gie­rungs­po­li­ti­ker für die „ver­ba­le Hetz­jagd in den so­zia­len Me­di­en“auf Twes­ten ver­ant­wort­lich.

Bei so viel schwarz-gel­ber Ei­nig­keit könn­te man auf die Idee kom­men, die bei­den Op­po­si­ti­ons­frak­tio­nen könn­ten mit ih­rer neu­en Mehr­heit durch­re­gie­ren. Doch Birk­ner ver­wahrt sich ge­gen die­se Vor­stel­lung. „Es gibt kei­ne Ko­ali­ti­on in der Op­po­si­ti­on“, sagt er. Es ge­he dar­um, mög­lichst schnell zu Neu­wah­len zu kom­men.

Dar­in sind sich al­le Par­tei­en ei­nig: Man will vom Wäh­ler kla­re Ver­hält­nis­se, und zwar so schnell wie mög­lich. „Das ist das Min­des­te, was jetzt ge­sche­hen muss, um den Scha­den zu be­gren­zen“, sagt Mi­nis­ter­prä­si­dent Weil.

Fo­tos: dpa

Ein Blick, der al­les sagt: Mi­nis­ter­prä­si­dent Ste­phan Weil schaut ge­nervt in den Land­tag. Aber auch der FDPFrak­ti­ons­vor­sit­zen­de Ste­fan Birk­ner (links), die SPDFrak­ti­ons­vor­sit­zen­de Jo­han­ne Mod­der und die neue CDULand­tags­ab­ge­ord­ne­te (rechts) wir­ken in der gest­ri­gen De­bat­te ernst.

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