Re­form-Er­leich­te­run­gen mit Ri­si­ken

Por­tu­gal pro­fi­tiert von ei­nem po­li­ti­schen Kurs­wech­sel – doch das zar­te Pf­länz­chen Auf­schwung könn­te Scha­den neh­men

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Politik - Von Ralph Schul­ze

So­gar Deutsch­lands stren­ger Bun­des­fi­nanz­mi­nis­ter Wolf­gang Schäu­b­le scheint über­rascht, wie sich die Por­tu­gie­sen aus dem Schul­den­tal her­aus­ar­bei­ten. Im ver­gan­ge­nen Jahr hat­te er noch ge­warnt, dass die so­zia­lis­ti­sche Re­gie­rung von An­tó­nio Cos­ta mit ih­rer Lo­cke­rung des Spar­kur­ses Por­tu­gal rui­nie­re und zu­rück in die Kri­se fah­re. Jüngst aber, kurz vor der Som­mer­pau­se, geiz­te Schäu­b­le in der Run­de des EU-Fi­nanz­mi­nis­ter­ra­tes (Eco­fin) nicht mit Lob und de­ko­rier­te sei­nen por­tu­gie­si­schen Amts­kol­le­gen Má­rio Cen­te­no so­gar mit dem Eh­ren­ti­tel „Ro­nal­do des Eco­fin“.

Auch die EU-Kom­mis­si­on in Brüs­sel ist of­fen­bar da­von an­ge­tan, wie die Por­tu­gie­sen ih­re Fi­nanz­haus­auf­ga­ben ma­chen und ihr Haus­halts­de­fi­zit auf fast wun­der­sa­me Wei­se sen­ken: Droh­te sie vor Jah­res­frist noch mit Stra­fen, be­lohn­te sie die Pflicht­er­fül­lung Por­tu­gals im Früh­som­mer mit der Be­en­di­gung des EU-De­fi­zit­ver­fah­rens. Der Op­ti­mis­mus kommt nicht von un­ge­fähr. Denn die Bi­lanz des Lan­des an Eu­ro­pas Süd­west­zip­fel kann sich se­hen las­sen.

Fi­nanz­mi­nis­ter Cen­te­no schaff­te es, die Neu­ver­schul­dung von 4,4 Pro­zent in 2015 auf zwei Pro­zent des Brut­to­in­lands­pro­duk­tes (BIP) im Jahr 2016 zu drü­cken. Das ist ein his­to­ri­scher Tief­stand. Vor sie­ben Jah­ren wies Por­tu­gal noch ein Mi­nus von mehr als elf Pro­zent auf und rutsch­te da­mit in die Staats­plei­te. We­nig spä­ter muss­te der Eu­ro-Ret­tungs­fonds die Sü­d­eu­ro­pä­er mit ei­nem Not­kre­dit von 78 Mil­li­ar­den Eu­ro stüt­zen. Und nun? Ist das Land über den Berg?

„Wir ha­ben Grund, zu­frie­den zu sein“, freut sich Mi­nis­ter­prä­si­dent Cos­ta. Sei­ner so­zia­lis­ti­schen Min­der­heits­re­gie­rung wa­ren an­fangs von den Brüs­se­ler Spar­kom­mis­sa­ren kei­ne gro­ßen Er­folgs­chan­cen ein­ge­räumt wor­den. Nun zeigt Cos­ta, dass Haus­halts­dis­zi­plin und So­zi­al­po­li­tik sehr wohl ver­ein­bar sind. Er­mu­tigt durch die gu­ten Wirt­schafts­zah­len, ver­sprach Cos­ta der Na­ti­on: „Wir wer­den auf dem ein­ge­schla­ge­nen Weg wei­ter­ge­hen.“Die Sa­nie­rung des Staats­haus­hal­tes sei „das Ver­dienst al­ler Por­tu­gie­sen“, die in den ver­gan­ge­nen Jah­ren ei­ne wahr­lich trau­ma­ti­sche Zeit durch­ge­macht hät­ten.

Schmerz­gren­ze er­reicht

Tat­säch­lich hat­te die Gläu­bi­ger-Troi­ka aus EU, Eu­ro­päi­scher Zen­tral­bank und In­ter­na­tio­na­lem Wäh­rungs­fonds dem Land har­te Auf­la­gen ge­macht: Steu­ern rauf, Staats­aus­ga­ben run­ter – Spa­ren bis zur Schmerz­gren­ze. Bis die äch­zen­de Na­ti­on auf die Stra­ße ging, „Troi­ka raus“rief und bei der Par­la­ments­wahl 2015 die da­ma­li­ge kon­ser­va­ti­ve Re­gie­rung in die Wüs­te schick­te. Cos­ta be­müh­te sich dann, die Le­bens­qua­li­tät der Por­tu­gie­sen wie­der zu er­hö­hen, und ver­such­te ei­nen po­li­ti­schen Kurs­wech­sel: Die Steu­er­last wur­de et­was ver­rin­gert, ei­ni­ge so­zia­le Wohl­ta­ten ver­teilt, ein Spar­kurs light ge­fah­ren.

Dass die­ses Re­zept auf­ging, hat Cos­ta zwei­fel­los auch der güns­ti­gen Kon­junk­tur zu ver­dan­ken: Der Tou­ris­mus, wich­tigs­tes Kon­junk­tur­stand­bein, boomt wie noch nie. Die Ur­laubs­in­dus­trie Por­tu­gals, das als si­che­res Rei­se­land gilt, wuchs 2016 um spek­ta­ku­lä­re 13 Pro­zent, schob die Wirt­schaft stär­ker an als er­war­tet und ließ die Steu­er­ein­nah­men spru­deln.

Auch die Aus­sich­ten für das lau­fen­de Jahr sind or­dent­lich. Für 2017 er­war­ten Volks­wir­te ein sta­bi­les all­ge­mei­nes Wirt­schafts­wachs­tum von deut­lich mehr als zwei Pro­zent. Die Ar­beits­lo­sig­keit, die auf dem Hö­he­punkt der Eu­rok­ri­se bei 17,5 Pro­zent lag, ist un­ter die ZehnPro­zent-Mar­ke ge­sun­ken.

Da­mit ist aber noch längst nicht al­les gut. „Ein Rück­dre­hen der Re­for­men, wie wir es in Por­tu­gal be­ob­ach­ten, ist be­denk­lich – hier wur­den et­wa Ein­spa­run­gen bei Be­am­ten­ge­häl­tern wie­der rück­gän­gig ge­macht“, sag­te der Au­ßen­wirt­schafts­chef des Deut­schen In­dus­trie- und Han­dels­kam­mer­ta­ges, Vol­ker Trei­er, un­se­rer Re­dak­ti­on – zu­mal sich die güns­ti­gen Rah­men­be­din­gun­gen schnell wie­der än­dern könn­ten.

Die ho­hen Ge­samt­schul­den Por­tu­gals las­sen die Ana­lys­ten an den Fi­nanz­märk­ten noch an der nach­hal­ti­gen Er­ho­lung des Lan­des zwei­feln. Die drei gro­ßen in­ter­na­tio­na­len Ra­ting­agen­tu­ren stu­fen die Staats­an­lei­hen Por­tu­gals im­mer noch als „spe­ku­la­ti­ve An­la­ge“ein, ei­ne Be­wer­tung ge­mein­hin Ram­schni­veau be­zeich­net.

Mit 130 Pro­zent des BIP hat­te Por­tu­gal im ver­gan­ge­nen Jahr den dritt­höchs­ten Schul­den­berg der ge­sam­ten EU – nur Grie­chen­land und Ita­li­en ste­hen noch schlech­ter da. Ein Rück­fall in Kri­sen­zei­ten scheint al­so nicht aus­ge­schlos­sen.

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