„Ich er­tei­le nie­man­dem die Ab­so­lu­ti­on“

Do­ping­fahn­der Schän­zer über Ana­ly­sen, Kon­trol­len und den Fall Bau­mann

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Sport - Von Chris­toph Fi­scher und Jürgen Beck­gerd

Fast 40 Jah­re lang war Wilhelm Schän­zer an der Deut­schen Sport­hoch­schu­le Köln, da­von hat der 65-Jäh­ri­ge fast 22 Jah­re lang das In­sti­tut für Bio­che­mie ge­lei­tet. Jetzt tritt der Bio­che­mi­ker in den ver­dien­ten Un­ru­he­stand.

Im In­ter­view spricht der re­nom­mier­tes­te deut­sche An­ti­do­ping-Ex­per­te über die Ge­schich­te des Kamp­fes ge­gen Do­ping im Sport, mo­derns­te Ana­ly­se-Me­tho­den, den Fall Ben John­son und Schän­zers be­rühm­ten Vor­gän­ger, Manfred Do­ni­ke.

Herr Pro­fes­sor, das Köl­ner La­bor und Do­ping im Spit­zen­sport ist in al­ler Mun­de, auch dank Ih­rer Per­son. Of­fen­bar sind Sie so et­was wie ei­ne Iko­ne im Kampf ge­gen Do­ping.

Ich ha­be mich im­mer ge­wun­dert über die Ar­ti­kel in den Zei­tun­gen. In wel­cher Spra­che, in wel­cher Aus­drucks­wei­se, sa­gen­haft. Und im­mer ging es um mich, um ei­nen Wis­sen­schaft­ler.

Ha­ben Sie schlaf­lo­se Näch­te?

Nein, hat­te ich ei­gent­lich nie. Auf­ge­regt war man im­mer, aber schlaf­los? Nein. Da­mals war man jün­ger, klar, aber auch bei spek­ta­ku­lä­ren Do­ping­fäl­len, nein. Es war nicht im­mer an­ge­nehm, man hat sich ge­är­gert, wie das so ist.

Ben John­son müs­sen Sie dank­bar sein. War­um?

Weil seit den Olym­pi­schen Spie­len 1988 in Seo­ul und dem Fall Ben John­son der Kampf ge­gen Do­ping end­gül­tig in den öf­fent­li­chen Fo­kus ge­rückt ist.

Und da­für sol­len wir dank­bar sein? Ana­bo­li­ka sind 1974 ver­bo­ten wor­den, Sti­mu­lan­zi­en seit 1972. Das IOC hat ge­sagt, wir kön­nen Din­ge erst dann ver­bie­ten, wenn wir sie nach­wei­sen kön­nen. 1976 in Mon­tre­al, 1980 in Mos­kau, 1984 in Los An­ge­les ist da­nach ge­fahn­det wor­den, wir ha­ben vor Ort die La­bo­re ein­ge­rich­tet. Im Kel­ler der Olym­pia­sta­di­en. In Los An­ge­les ist erst­mals auf Tes­to­ste­ron ge­tes­tet wor­den, ob­wohl es da­ge­gen in den USA er­bit­ter­ten Wi­der­stand gab. Ben John­son war dann der Grund für die Eta­b­lie­rung von Do­ping­tests au­ßer­halb des Wett­kamp­fes. Trai­nings­kon­trol­len, wie sie Do­ni­ke im­mer ge­for­dert hat.

Was ist heu­te die gro­ße Her­aus­for­de­rung?

Welt­weit wird im­mer noch in­ten­siv mit Ana­bo­li­ka ge­ar­bei­tet, vor al­lem da, wo nicht kon­trol­liert wird. 98 Pro­zent der Po­si­tiv­fäl­le in Pe­king 2008 und Lon­don 2012 sind Ana­bo­li­ka­fäl­le. Die Nach­kon­trol­len ha­ben im Grun­de nur ge­zeigt, in wel­chen Län­dern es aus­ge­spro­chen schlech­te bis we­nig ent­wi­ckel­te Kon­troll­sys­te­me gibt. Das gilt ins­be­son­de­re für Län­der in Ost­eu­ro­pa. Wenn die Lang­zeit­la­ge­rung von Pro­ben frü­her ein­ge­führt wor­den wä­re, hät­ten wir noch we­sent­lich mehr po­si­ti­ve Fäl­le nach­wei­sen kön­nen. Vor al­lem auch im Rad­sport.

Der im­mer wie­der mit EPO in Ver­bin­dung ge­bracht wer­den muss.

EPO hat das Ei­gen­blut­do­ping ab­ge­löst En­de der 80er-Jah­re. Es ist mas­siv ein­ge­setzt wor­den. Erst als EPO von uns ab 2000 nach­weis­bar war, sind 2004 in Frank­reich Pro­ben von 1998 und 1999 nach­ana­ly­siert wor­den. Von 70 Tests der Skan­dal­tour 1998 wa­ren 40 EPO-po­si­tiv, von 80 Pro­ben 1999 wa­ren aber nur noch zwölf in der Nach­ana­ly­se EPO-po­si­tiv. 2005 wur­de dann be­kannt, dass von die­sen zwölf Po­si­tiv­tests al­lein sechs Lan­ce Arm­strong be­tra­fen. Wahn­sinn. Die Ab­schre­ckung war da, aber Arm­strong hat das of­fen­bar we­nig be­ein­druckt. Auch als das Blut­pass­pro­gramm ein­ge­führt wur­de, war Arm­strong im­mer bes­tens vor­be­rei­tet. Er wuss­te im­mer, was er tun konn­te, oh­ne auf­zu­fal­len.

Was ist ak­tu­ell das Haupt­pro­blem der Ana­ly­tik?

Kör­per­ei­ge­ne Sub­stan­zen sind grund­sätz­lich im Nach­weis im­mer schwie­ri­ger. Das gilt für Tes­to­ste­ron, für die Wachs­tums­hor­mo­ne, auch für Ery­thro­po­ie­tin. Nach­weis­zei­ten sind ge­rin­ger, wir müs­sen schnel­ler kon­trol­lie­ren, weil die Nach­weis­fens­ter klei­ner, Ma­ni­pu­la­ti­ons­mög­lich­kei­ten hö­her sind. Grund­sätz­lich kann die Ana­ly­tik im­mer nur so gut sein wie die Gü­te der an­ge­lie­fer­ten Kon­trol­len. Wenn das La­bor ma­ni­pu­lier­te Kon­trol­len be­kommt, nutzt die bes­te Ana­ly­tik nichts. Es gibt Län­der, da wis­sen die Ath­le­ten, wann die Kon­trol­leu­re kom­men, wir wis­sen auch, dass Pro­ben aus­ge­tauscht wer­den. Das La­bor in Mos­kau hat po­si­ti­ve Be­fun­de gar nicht wei­ter­ge­ge­ben.

Ana­ly­tik be­dingt Kon­trol­len, nur was die Ana­ly­se her­vor­bringt, kann auch kon­trol­liert wer­den.

Ich ha­be nie ver­stan­den, dass das IOC nicht zur Start­auf­la­ge bei Olym­pia macht, dass die Ath­le­ten über Jah­re kon­se­quent ge­tes­tet wer­den. Geld für die Kon­trol­len ist da, das ist nicht das Pro­blem, es fehlt am Wil­len.

Hat man ir­gend­wann bei Ih­nen ein­mal ver­sucht, ei­ne Pro­be un­ter den Tisch fal­len zu las­sen?

Nein. Ich kann mich nur an ei­nen Fall er­in­nern aus Ost­eu­ro­pa, als ei­ner ge­fragt hat nach ei­nem Po­si­tiv­be­fund, ob dar­an noch et­was zu ma­chen sei (lacht). Nein, ha­be ich ge­sagt, nichts zu ma­chen.

Oft dis­ku­tiert, Fuß­ball steht im öf­fent­li­chen Fo­kus. Hat der Fuß­ball ein Do­ping­pro­blem?

Der Fuß­ball hat ein Pro­blem mit Do­ping. Ha­rald Schu­ma­cher hat über Cap­t­a­gon ge­schrie­ben, der 1. FC Köln hat nach Ver­öf­fent­li­chung von Schu­ma­chers Buch die ers­ten vier Pro­ben vor­bei­ge­bracht. Das war An­fang 1988. Zu sa­gen, Do­ping bringt im Fuß­ball nichts, ist je­den­falls ba­rer Un­sinn.

Er­in­nern Sie sich noch an den Fall Bau­mann?

Aber ja. Un­glaub­lich, wie auf­wen­dig und ner­ven­auf­rei­bend das war. 1999 ging es um Nah­rungs­er­gän­zungs­mit­tel, das ganz gro­ße The­ma. Pro­hor­mo­ne flu­te­ten den Markt, sie wur­den schnell ver­bo­ten. Die­ter Bau­mann hat­te ei­nen Nan­d­ro­lon-Be­fund. 20 Na­no­gramm ei­nes Nan­d­ro­lon-Me­ta­bo­li­ten ha­ben wir ge­fun­den, wir und zwei Wo­chen spä­ter auch in Krei­scha. Die­ter Bau­mann blieb po­si­tiv. Wir ha­ben al­les ge­sam­melt, Bett­wä­sche in Tü­bin­gen, wir wa­ren über die Pro­duk­ti­on al­ler Metz­ge­rei­en in und um Tü­bin­gen in­for­miert. Und dann ha­ben wir in der Zahn­pas­ta das Pro­hor­mon ge­fun­den. Wir wuss­ten, dass das Mit­tel über Mund­schleim­häu­te auf­ge­nom­men

wur­de. Mir war früh klar, dass es sich nur um ei­ne Kon­ta­mi­na­ti­on han­deln konn­te. Und wir wuss­ten von An­schlä­gen die­ser Art in der ehe­ma­li­gen DDR. Und es muss ein An­schlag ge­we­sen sein. Dra­ma­ti­scher­wei­se wur­de das nie auf­ge­klärt. Die­ter Bau­mann tut mir heu­te noch leid.

Ha­ben Sie das Ver­trau­en in die Sport­ler ver­lo­ren?

Schwie­ri­ge Fra­ge. Den Fall Jan Ull­rich ha­be ich nicht für mög­lich ge­hal­ten, ge­ra­de auch, weil er von ei­nem Sport­me­di­zi­ni­schen In­sti­tut ei­ner Uni­ver­si­tät be­treut wur­de. Usain Bolt be­wun­de­re ich, ihn lau­fen zu se­hen, ist wun­der­schön. Aber ich glau­be selbst ihm nicht, der schon seit 15 Jah­ren läuft. Ich er­tei­le nie­man­dem im Sport die Ab­so­lu­ti­on.

Seit 40 Jah­ren Do­ping­jä­ger: der Bio­che­mi­ker Wilhelm Schän­zer im Jahr 2000 in sei­nem La­bor. Fo­to: im­a­go/Ko­s­ecki

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