Das „Raum­schiff Ber­lin“er­den

Thomas Thie­le (FDP) will ei­nen Staat, der sich nicht so stark in das Le­ben des Ein­zel­nen ein­mischt

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Osnabrück -

Zum zwei­ten Mal nach 2013 kan­di­diert Thomas Thie­le für den Bun­des­tag. Trotz ge­rin­ger Chan­cen auf ein Man­dat will der 60-jäh­ri­ge FDP-Rats­herr in Os­na­brück für li­be­ra­le Po­si­tio­nen kämp­fen. An Selbst­be­wusst­sein fehlt es nicht: „Ich hal­te mich für ei­nen gu­ten Haupt­dar­stel­ler un­se­rer Par­tei.“

Von Se­bas­ti­an Stri­cker

Was gro­ße Po­li­tik an­geht, hat der Na­me Thie­le in Os­na­brück Tra­di­ti­on. Carl-Lud­wig Thie­le, heu­te im Vor­stand der Bun­des­bank, saß von 1990 bis 2010 für die FDP im Bun­des­tag, war lan­ge Zeit so­gar Frak­ti­ons­vi­ze. „Er hat dort vie­le Din­ge auf den Weg ge­bracht“, sagt Thomas Thie­le über sei­nen äl­te­ren Bru­der. Dar­an wol­le er an­knüp­fen. Mehr noch: Wer den Frei­de­mo­kra­ten von der Il­los­hö­he nach sei­ner po­li­ti­schen Agen­da für Ber­lin be­fragt, be­kommt den Ein­druck, als ha­be er in der Haupt­stadt vor al­lem eins vor: mal rich­tig auf­räu­men. Thomas Thie­le, Haut­arzt und Bun­des­tags­kan­di­dat der FDP in Os­na­brück, ver­bringt oft mehr Zeit in sei­ner Pra­xis als zu Hau­se. Zwi­schen zwei Be­hand­lun­gen geht er ger­ne für ein paar Mi­nu­ten auf den Bal­kon.

Es wer­de zu viel tak­tiert in der Po­li­tik, klagt Thie­le, für kla­re An­sa­gen und kes­se Sprü­che be­kannt. Er wol­le lie­ber „ei­ne Ge­sell­schaft, die et­was nach vor­ne bringt“. So er­scheint dem Os­na­brü­cker vie­les von dem, was im Bund pas­siert, zu ab­ge­ho­ben. „Wir müs­sen bei den Men­schen sein und das Raum­schiff Ber­lin er­den.“Wel­che Strip­pen da­für zu zie­hen wä­ren, könn­te der ge­lern­te Ra­dio- und Fern­seh­tech­ni­ker mög­li­cher­wei­se her­aus­fin­den. Angst da­vor, hei­ße Ei­sen an­zu­fas­sen, hat der pro­mo­vier­te Haut­arzt, FDP-Mit­glied seit 1980, je­den­falls nicht. Über­haupt:

Wenn et­was brennt, dann an­geb­lich er selbst: „Ich bren­ne für die Par­tei, ich bren­ne für li­be­ra­le Ide­en. Und ich bren­ne für die­ses Land!“

Li­be­ral zu sein, das be­deu­tet für den 60-Jäh­ri­gen in ers­ter Li­nie: mög­lichst viel Spiel­raum für den Ein­zel­nen und mög­lichst we­nig Ein­mi­schung durch den Staat. „Thie­le steht für Trans­pa­renz, für Frei­heit in Ver­ant­wor­tung“, brach­te es der FDP-Kreis­ver­band bei sei­ner No­mi­nie­rung auf den Punkt. Chan­cen­ge­rech­tig­keit, Bil­dung, In­te­gra­ti­on lä­gen ihm, dem ver­hei­ra­te­ten Va­ter drei­er

Kin­der, be­son­ders am Her­zen. Gro­ße Bauch­schmer­zen be­rei­te­ten ihm hin­ge­gen „Po­pu­lis­mus, Kli­en­tel­po­li­tik, Kor­rup­ti­on und Auf­blä­hung der Ver­wal­tungs­ap­pa­ra­te“.

In man­chen Be­rei­chen hilft laut Thie­le nur noch Ta­bu­la ra­sa, ein rei­ner Tisch. Wenn es nach ihm gin­ge, ge­hört bei­spiels­wei­se das deut­sche Steu­er­sys­tem ra­di­kal ver­ein­facht, au­ßer­dem je­des Ge­setz, je­de Re­ge­lung, je­de Vor­schrift au­to­ma­tisch „nach vier Jah­ren in den Or­kus“. Nur was sich be­währt ha­be, wer­de neu be­schlos­sen – aber im­mer mit Ver­falls­da­tum.

Der Staat, er­klärt Thie­le, sei doch bloß ei­ne „Hül­le“, ein Mit­tel zum Zweck, und dür­fe des­halb nicht zu stark in das Le­ben sei­ner Bür­ger ein­grei­fen. „Der Mensch soll frei sein in sei­nen Mög­lich­kei­ten, und Po­li­tik muss ihn in die La­ge ver­set­zen.“

Sei­ne Par­tei sieht Thie­le nach dem To­tal­ab­sturz 2013, als die FDP erst­mals aus dem Bun­des­tag flog, im Auf­wind. Die Li­be­ra­len hät­ten un­ter Chris­ti­an Lind­ner ei­nen Er­neue­rungs­pro­zess durch­ge­macht. In­wie­fern auch der Os­na­brü­cker da­von pro­fi­tie­ren kann, wird sich bei der Bun­des­tags­wahl am 24. Sep­tem­ber zei­gen. Zweit­stim­men dürf­ten ihm kaum nüt­zen: Auf der Lan­des­lis­te der FDP Nie­der­sach­sen steht er auf ei­nem we­nig aus­sichts­rei­chen 18. Platz. An­de­rer­seits scheint ein Sieg im Wahl­kreis 39 erst recht aus­ge­schlos­sen. „Ich rech­ne mir nichts aus“, sagt Thie­le, „aber ich wer­de trotz­dem für Erst­stim­men kämp­fen.“

Im­mer­hin: Vor 21 Jah­ren schaff­te er es ei­ni­ger­ma­ßen über­ra­schend in den Rat der Stadt. Und 2013, als Thie­le sich erst­mals um ein Di­rekt­man­dat in Ber­lin be­wor­ben hat, ge­lang ihm ein re­la­ti­ver Ach­tungs­er­folg: 3934 Os­na­brü­cker (2,79 Pro­zent) stimm­ten da­mals für ihn. Es war das zweit­bes­te Erst­stim­men-Er­geb­nis für die FDP in Nie­der­sach­sen. „Aber un­term Strich trotz­dem de­so­lat“, weiß der Kan­di­dat.

Soll­te der Os­na­brü­cker dies­mal in den Bun­des­tag ein­zie­hen, wä­re das al­so ei­ne ech­te Sen­sa­ti­on. Und zu­gleich das En­de sei­ner be­ruf­li­chen und kom­mu­nal­po­li­ti­schen Tä­tig­keit in Os­na­brück. Oder? „Nein“, sagt Thie­le, „ich wür­de ver­su­chen, ei­nen Fuß in mei­ner Pra­xis zu las­sen und au­ßer­halb der Sit­zungs­wo­chen wei­ter­zu­ar­bei­ten. Und im Rat könn­te ich auch blei­ben. Dann aber viel­leicht nicht mehr an vor­ders­ter Front.“

Mor­gen le­sen Sie an die­ser Stel­le das Kan­di­da­ten­por­trät von Gie­se­la Bran­des-Steg­ge­w­entz (Link­s­par­tei)

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