Über­fahrt ins Un­ge­wis­se

Um den Flücht­lings­strom zu be­gren­zen, setzt Mer­kel auf Ko­ope­ra­ti­on mit Li­by­en

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Einblicke -

Ita­li­en sieht sich im Vor­ge­hen, bei der Be­wäl­ti­gung der Mi­gra­ti­ons­kri­se auch auf Li­by­en zu set­zen, be­stä­tigt. Su­chen sich Flücht­lin­ge nun ei­ne Rou­te über Spa­ni­en?

Von Heinz Krieger

Der Nach­mit­tag bot al­le Zu­ta­ten für ei­ne Stran­didyl­le. Die Son­ne schien, es weh­te ein leich­ter war­mer Wind von Afri­ka her über die Meer­enge von Ta­rifa, die Men­schen la­gen im Schat­ten un­ter Son­nen­schir­men. Plötz­lich tauch­te wie aus dem Nichts ein lan­ges Schlauch­boot mit et­wa 40 Men­schen an Bord auf. Flücht­lin­ge, die – kaum am Strand an­ge­kom­men – vor den ir­ri­tiert wir­ken­den Ur­lau­bern weg­rann­ten und ver­schwan­den. Ein zu­fäl­lig von den Tou­ris­ten per Smart­pho­ne ge­mach­tes Vi­deo ging be­reits kurz da­nach am Mitt­woch­nach­mit­tag um die Welt. Am sel­ben Tag wur­den zwölf Flücht­lin­ge auf Jet-Ski­ern vor der spa­ni­schen En­kla­ve Ceu­ta ge­sich­tet.

Ein an­de­rer Schau­platz: In den ers­ten zehn Au­gust-Ta­gen ist die Zahl der von Li­by­en ge­star­te­ten Flücht­lin­ge, die Ita­li­en er­reich­ten, um rund drei Vier­tel ge­gen­über dem Vor­jah­res­zeit­raum ge­sun­ken. Wa­ren es da­mals 6554 Men­schen, sind es nun 1572 ge­we­sen. Die­se Zah­len nann­te Ita­li­ens In­nen­mi­nis­ter Mar­co Min­niti im

Ge­spräch mit der On­line-Zeit­schrift „Po­li­ti­co“.

Ers­te An­zei­chen für ei­ne Ve­rän­de­rung der Mi­gra­ti­ons­mus­ter gab es dem­nach schon im Ju­li. „Die li­by­sche Küs­ten­wa­che ret­tet in­zwi­schen mehr Men­schen aus See­not als der ge­sam­te in­ter­na­tio­na­le Ap­pa­rat“, sag­te Min­niti. Am ver­gan­ge­nen Wo­che­n­en­de hat­te die li­by­sche Küs­ten­wa­che nach ei­ge­nen An­ga­ben 826 Mi­gran­ten auf See auf­ge­grif­fen und nach Nord­afri­ka be­för­dert.

Die ita­lie­ni­sche Ma­ri­ne un­ter­stützt die li­by­sche Küs­ten­wa­che seit ei­ni­ger Zeit da­bei, Flücht­lin­ge ab­zu­fan­gen, be­vor sie in in­ter­na­tio­na­len Ge­wäs­sern

an­ge­langt sind. Hilfs­or­ga­ni­sa­tio­nen wer­fen Rom vor, die Flücht­lin­ge in ein zu in­sta­bi­les Land zu­rück­zu­schi­cken. Zu­dem hat Ita­li­en NGOs, die als See­notret­ter im Mit­tel­meer ak­tiv sind, mit ei­nem Ver­hal­tens­ko­dex dar­auf ver­pflich­tet, Mi­gra­ti­ons­be­we­gun­gen kei­nen Vor­schub zu leis­ten, We­ni­ge hal­ten sich aber dar­an.

Am Don­ners­tag droh­te nun auch Li­by­en Flücht­lings­hel­fern im Mit­tel­meer mit ei­nem har­ten Vor­ge­hen. Die li­by­sche Ma­ri­ne er­klär­te, aus­län­di­sche Schif­fe dürf­ten die Küs­te des Lan­des oh­ne spe­zi­el­le Er­laub­nis der Be­hör­den nicht mehr an­fah­ren. Dies gel­te für ei­ne „Such- und Ret­tungs­zo­ne“für Flücht­lin­ge rund um die Küs­te. Wie weit sich die­se Zo­ne er­streckt, war zu­nächst un­klar.

Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel (CDU) hat dem Flücht­lings­hilfs­werk der Ver­ein­ten Na­tio­nen (UNHCR) und der In­ter­na­tio­na­len Or­ga­ni­sa­ti­on für Mi­gra­ti­on (IOM) bis zu 50 Mil­lio­nen Eu­ro für die Flücht­lings­hil­fe in Li­by­en in Aus­sicht ge­stellt. Ent­spre­chend äu­ßer­te sich Mer­kel ges­tern nach Ge­sprä­chen mit UN-Flücht­lings­kom­mis­sar Fil­ip­po Gran­di und IOM-Ge­ne­ral­di­rek­tor Wil­li­am La­cy Swing über die La­ge der Flücht­lin­ge im Mit­tel­meer­raum und Nord­afri­ka. Gran­di bat dar­um, die Zahl an Schutz­su­chen­den, die über Re­set­t­le­ment-Pro­gram­me dau­er­haft in die EU kom­men sol­len, von der­zeit 20 000 auf 40000 pro Jahr zu er­hö­hen. Der­zeit ge­lingt die ge­rech­te Ver­tei­lung in der EU nicht ein­mal an­satz­wei­se. Den­noch äu­ßer­te sich Mer­kel für Deutsch­land grund­sätz­lich da­zu be­reit, so­fern es ge­lin­ge, die il­le­ga­le Mi­gra­ti­on über das Mit­tel­meer in den Griff zu be­kom­men. Da­bei soll Li­by­en ei­ne hö­he­re Be­deu­tung zu­kom­men. Zu­nächst müs­se man aber die Schaf­fung ei­ner Ein­heits­re­gie­rung in Li­by­en un­ter­stüt­zen, sag­te Mer­kel.

Nach Schät­zun­gen der In­ter­na­tio­na­len Or­ga­ni­sa­ti­on für Mi­gra­ti­on sind in die­sem Jahr mehr als 111000 Flücht­lin­ge über das Mit­tel­meer in die EU ge­kom­men, da­von rund 96 000 nach Ita­li­en. Fast 2400 sind beim Ver­such er­trun­ken.

Zu­neh­mend nut­zen Mi­gran­ten in­zwi­schen auch den See­weg nach Spa­ni­en. Laut IOM ka­men seit Jah­res­be­ginn bis zum 6. Au­gust fast 8200 Flücht­lin­ge nach Spa­ni­en. Dies sei mehr als im ge­sam­ten Jahr 2016. Vie­le Men­schen aus west­afri­ka­ni­schen Län­dern wür­den in­zwi­schen an der Küs­te ent­lang über Ma­rok­ko ver­su­chen, nach Eu­ro­pa zu ge­lan­gen. In Grie­chen­land ka­men im glei­chen Zei­t­raum 11 713 Men­schen über das Mit­tel­meer an.

Dras­tisch: An ei­nem Strand in Spa­ni­en er­in­nern Kreu­ze und Bil­der an Men­schen, die beim Ver­such star­ben, übers Mit­tel­meer in die EU zu ge­lan­gen. Fo­to: AFP

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