Gro­ße Emo­tio­nen und ein­fa­che Weis­hei­ten: Wel­che Rol­le spielt Po­pu­lis­mus im Ki­no? Pro­pa­gan­da auf der Lein­wand

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Politik -

Von „Vom Win­de ver­weht“bis hin zu „Fah­ren­heit 9/11“: Wann be­ginnt Po­pu­lis­mus im Ki­no, wann wird er zu Pro­pa­gan­da? Und be­inhal­tet das ei­ne nicht auch im­mer das an­de­re?

Von Co­rin­na Berg­h­ahn

Die Schwar­zen? Im bes­ten Fal­le de­bi­le An­ge­stell­te, an­sons­ten Ver­ge­wal­ti­ger und Räu­ber. Die Nord­staat­ler? Oh­ne Tra­di­ti­ons­be­wusst­sein, rein auf Kom­merz aus. Und dann ver­schul­det der Trun­ken­bold aus dem Nor­den auch noch den Tod des ge­lieb­ten Va­ters der Hel­din, Scar­lett O’ Ha­ra!

Nein, die Welt in „Vom Win­de ver­weht“ist kei­ne, die in der heu­ti­gen Zeit als po­li­tisch kor­rekt ein­ge­stuft wür­de. Trotz­dem gilt der Film aus dem Jahr 1939 im­mer noch als ei­ner der gro­ßen Klas­si­ker der Film­ge­schich­te. Fast vier St­un­den lang zeigt er in schwel­ge­ri­schen Far­ben, wie die ver­meint­li­che hei­le Welt der Süd­staa­ten nach dem Bür­ger­krieg in den USA un­ter­geht.

Er war nicht der ers­te Film, der ein­fa­che Sicht­wei­sen – frü­her war al­les bes­ser, wir ge­gen die, Her­ren und Skla­ven – äu­ßerst po­pu­lär in die Welt trug, und er wird nicht der letz­te ge­we­sen sein. Denn das Me­di­um Film ist dank sei­ner Bild­spra­che und dem Ein­satz von Schnitt und Mu­sik her­vor­ra­gend da­zu ge­eig­net, Emo­tio­nen zu er­schaf­fen.

Zu­dem hat je­des Land sei­ne Grün­dungs­my­then, die das tat­säch­li­che his­to­ri­sche Ge­sche­hen der­art ver­ein­fa­chen, dass sie sich wun­der­bar in we­ni­ge St­un­den Hand­lung über­tra­gen las­sen. Frank­reich be­rief sich bei­spiels­wei­se in sei­nen klas­si­schen, pa­trio­ti­schen Fil­men im­mer wie­der ger­ne auf die Re­vo­lu­ti­on von 1789, spä­ter auf sei­ne Wi­der­stands­be­we­gung, die Re­sis­tan­ce, im Zwei­ten Welt­krieg, En­g­land hin­ge­gen auf den Se­gen des Ko­lo­ni­al­rei­ches und sei­ne das Land von Eu­ro­pa tren­nen­de In­sel-Exis­tenz.

Auf der gro­ßen Lein­wand kön­nen die­se My­then nun für mög­lichst vie­le Men­schen so dar­ge­stellt wer­den, dass sich bei den Zu­schau­ern ein ge­mein­sa­mer Nen­ner und ei­ne zu­sam­men­schwei­ßen­de Iden­ti­tät ge­gen „die an­de­ren“er­gibt.

Trotz­dem muss ein Film, der die Mas­sen ins Ki­no lo­cken und po­pu­lär sein will, nicht au­to­ma­tisch po­pu­lis­tisch sein, sagt Eck­hard Pabst im Ge­spräch mit un­se­rer Re­dak­ti­on. Doch ei­ni­ge Gen­res, so der Film­wis­sen­schaft­ler, der an der Chris­ti­an-Al­brechts-Uni­ver­si­tät zu Kiel lehrt, sind für po­pu­lis­ti­sche Ten­den­zen an­fäl­li­ger als an­de­re: „Po­pu­lis­tisch geht es ja dann zu, wenn et­was rich­tig­ge­stellt wird oder kor­ri­giert wird oder Wi­der­stand ge­gen et­was ge­leis­tet wird und die­ses Op­po­nie­ren dann Zü­ge da­von­trägt, ,End­lich ein­mal das Rich­ti­ge zu tun‘ . In­so­fern sind Ac­tio­nund Kriegs­fil­me vi­el­leicht häu­fi­ger po­pu­lis­tisch als bei­spiels­wei­se Tanz­fil­me.“

Brei­te Front ge­gen Fil­me

Dass Fil­me über­haupt ein­mal ir­gend­ei­ne Art von Ein­fluss ha­ben wür­den, war an­fangs noch gar nicht ab­seh­bar: Zu Be­ginn des 20. Jahr­hun­derts blick­ten ins­be­son­de­re in Deutsch­land vie­le noch ver­ächt­lich auf das zu­erst auf Jahr­märk­ten feil­ge­bo­te­ne Me­di­um Film.

Bis in die 1920er-Jah­re lehn­te so­gar ei­ne brei­te Front „Pan­zer­kreu­zer Po­tem­kin“(1925), „Hit­ler­jun­ge Quex“(1933), „Fah­ren­heit 9/11“(2004) und „Die Wel­le“(2008). von der So­zi­al­de­mo­kra­tie über das ge­ho­be­ne Bür­ger­tum bis hin zu den Kir­chen das Me­di­um kom­plett ab. Doch spä­tes­tens nach dem En­de des Ers­ten Welt­kriegs hat­ten die Ers­ten ver­stan­den, wie gut sich mit be­weg­ten Bil­dern Geld ver­die­nen lässt – und sie sich als Pro­pa­gan­da-Waf­fe ein­set­zen las­sen.

In den USA war man schon wei­ter: In „Die Ge­burt ei­ner Na­ti­on“von Da­vid W. Grif­fith wur­de be­reits 1915 das heu­te als ras­sis­tisch ein­ge­stuf­te Buch ei­nes Pre­di­gers über den Ame­ri­ka­ni­schen Bür­ger­krieg ver­filmt. In dem Film wur­de un­ter an­de­rem dem Ku-Klux-Klan die Rol­le als mo­ra­li­scher Stütz­pfei­ler der Süd­staa­ten zu­ge­wie­sen. Der Film war ein Kas­sen­schla­ger und gilt im­mer noch als der kom­mer­zi­ell er­folg­reichs­te Stumm­film al­ler Zei­ten.

Eben­falls kein ge­spro­che­nes Wort be­nö­tig­te man für die po­li­ti­sche Bot­schaft des rus­si­schen Klas­si­kers „Pan­zer­kreu­zer Po­tem­kin“aus dem Jahr 1925: Frei an­ge­lehnt an den Auf­stand rus­si­scher Ma­tro­sen ge­gen die Ob­rig­keit im Jahr 1905, schuf der Film des Re­gis­seurs Ser­gei Ei­sen­stein iko­ni­sche Sze­nen. Am meis­ten fil­misch zi­tiert – so­gar in ei­ner Wer­bung für Bier – ist wohl die Trep­pen­sze­ne: Za­ris­ti­sche Trup­pen schie­ßen auf De­mons­tran­ten, die­se flie­hen die im Film als un­end­lich lang dar­ge­stell­te Frei­trep­pe in Odes­sa her­un­ter. Ei­ne jun­ge Mut­ter wird von den Sol­da­ten er­schos­sen. Im Sturz stößt sie an den Kin­der­wa­gen, der un­ge­hin­dert die Trep­pen her­un­ter­rollt. Das Ba­by stirbt – der jun­ge Auf­stand der ein­fa­chen Men­schen, sym­bo­li­siert durch das Kind, eben­falls. Wer

konn­te nach die­ser Bar­ba­rei noch mit dem Za­ren und den Sei­ni­gen sym­pa­thi­sie­ren? Rund zehn Jah­re spä­ter soll­te wie­der­um ein to­tes Kind in „Hit­ler­jun­ge Quex“die Men­schen in Deutsch­land von dem das Volk ei­nen­den Na­tio­nal­so­zia­lis­mus über­zeu­gen. Hei­ni Völ­kel, des­sen Va­ter ein über­zeug­ter So­zia­list ist, fin­det Ge­fal­len an der Hit­ler­ju­gend, weil es ihm bei der so­zia­lis­ti­schen Ju­gend­grup­pe zu un­dis­zi­pli­niert zu­geht. Das bringt Hei­ni so­wohl Är­ger mit sei­nem Va­ter wie auch den ehe­ma­li­gen Ge­nos­sen ein. Von sei­nen neu­en, rechts­na­tio­na­len Freun­den an­er­ken­nend „Quex“ge­nannt, stirbt er schluss­end­lich ei­ne Art Hel­den­tod durch die Hän­de der Kom­mu­nis­ten.

Der Un­ter­ti­tel des Films lau­te­te so pa­the­tisch wie pro­phe­tisch: „Ein Film vom Op­fer­geist der deut­schen Ju­gend.“Nur we­ni­ge Jah­re nach Er­schei­nen des Films star­ben Tau­sen­de jun­ge Män­ner dann tat­säch­lich an den Fron­ten des von den Na­tio­nal­so­zia­lis­ten ge­star­te­ten Zwei­ten Welt­kriegs. Selbst im Jahr 2017 gilt die­ser Ju­gend­pro­pa­gan­da­film aus dem Jahr 1933 im­mer noch als so per­fi­de gut ge­macht, dass er als so­ge­nann­ter „Vor­be­halts­film“nur mit wis­sen­schaft­li­cher Be­glei­tung ge­zeigt wer­den darf. Sei­ne po­pu­lis­ti­sche Machart ging schnur­stracks in Pro­pa­gan­da über. Das muss nicht im­mer so sein, so Film­wis­sen­schaft­ler Pabst: „Pro­pa­gan­da­fil­me müs­sen Über­zeu­gungs­ar­beit leis­ten und Po­si­tio­nen ver­tre­ten, die nicht un­be­dingt je­dem ge­fal­len. Man den­ke an die Fil­me von Kon­rad Wolf (Film­re­gis­seur der DDR, Anm. der Re­dak­ti­on) – die sind teil­wei­se po­pu­lis­tisch, teil­wei­se über­haupt nicht, sind aber im­mer ideo­lo­gie­kon­form und mi­t­hin Pro­pa­gan­da.“

Eben­falls viel­schich­tig ist der Ein­satz po­pu­lis­ti­scher Mit­tel im Film: Ei­ner­seits kön­nen Film­fi­gu­ren po­pu­lis­tisch agie­ren und sich in­ner­halb der vor­ge­stell­ten Welt po­pu­lis­tisch Ge­hör und Gel­tung ver­schaf­fen – so wie der sich selbst op­fern­de Hit­ler­jun­ge. Zu­dem kön­nen die Fil­me selbst po­pu­lis­tisch funk­tio­nie­ren, in­dem sie ver­ein­fach­te, ein­sei­ti­ge Les­ar­ten ei­ner kom­ple­xen Kon­flikt­la­ge zei­gen. „Vom Win­de ver­weht“ist ein Bei­spiel hier­für.

Ei­ne gol­de­ne Ära

Dar­über hin­aus gibt es die Fil­me, die sich kri­tisch mit Po­pu­lis­mus aus­ein­an­der­set­zen. In­ter­es­san­ter­wei­se ba­sie­ren vie­le die­ser Fil­me auf li­te­ra­ri­schen Vor­la­gen, so wie die Ver­fil­mung des Ju­gend­buch­klas­si­kers „Die Wel­le“aus dem Jahr 2008 oder auch die „Tri­bu­te von Pa­nem“-Rei­he, die das Ent­ste­hen fa­schis­to­ider Ge­sell­schaf­ten und den Wi­der­stand ge­gen eben­die­se the­ma­ti­sie­ren.

Doch war­um funk­tio­nier­te Po­pu­lis­mus im Film auch noch nach dem Kal­ten Krieg? Schließ­lich le­ben wir in ei­ner Welt, in der ei­gent­lich gro­ße Skep­sis für all­zu ein­sei­ti­ge Welt­er­klä­run­gen herr­schen müss­te. Trotz­dem fin­den sich in Fil­men – an­ge­fan­gen von das Mi­li­tär glo­ri­fi­zie­ren­den Darstel­lun­gen wie „Trans­for­mers“bis hin zu do­ku­men­ta­ri­schen Po­le­mi­ken wie „Fah­ren­heit 9/11“– im­mer wie­der po­pu­list­sche Stil­mit­tel.

Letz­te­rer ist ein Pa­ra­de­bei­spiel für ei­ne un­ter­halt­sa­me, aber letzt­end­lich sehr ein­sei­ti­ge Darstel­lung: Micha­el Moo­res Film aus dem Jahr 2004 ist ei­ne so kri­ti­sche wie ein­sei­ti­ge Be­trach­tungs­wei­se der Politik des da­ma­li­gen US-Prä­si­den­ten Ge­or­ge W. Bush und di­ver­ser Ver­stri­ckun­gen der US-Au­ßen­po­li­tik um die Ter­ror­an­schlä­ge vom 11. Sep­tem­ber 2001. Bush, dar­an lässt Moo­re kei­nen Zwei­fel, ist der Buh­mann und Qu­ell al­len Übels.

Ist die ak­tu­el­le Zeit so­gar ei­ne neue, gol­de­ne Ära für den po­pu­lis­ti­schen Film? Da­für sprä­che, dass es für je­de po­li­ti­sche An­sicht auf­grund der Ver­net­zung durch das In­ter­net ei­ne Ge­mein­schaft gibt, die zu­sam­men dar­an glau­ben will. Film­wis­sen­schaft­ler Pabst sieht das an­ders: „Wenn das so wä­re, wür­de es mehr po­pu­lis­ti­sche Fil­me ge­ben. Der Po­pu­lis­mus hat mei­nes Erach­tens sei­ne Spiel­wie­se im In­ter­net, bei Blog­gern und Vi­deo-Blog­gern und den Sei­ten der ent­spre­chen­den Par­tei­en.“

Trotz­dem wer­den po­pu­lis­ti­sche Ten­den­zen im Ki­no im­mer wie­der an­zu­tref­fen sein. Denn im Grun­de ist es die al­te ci­ce­ro­ni­sche Fra­ge nach dem „Cui bo­no?“, al­so nach dem „Wem zum Vor­teil?“, die im­mer im Hin­ter­kopf her­um­schwir­ren soll­te, wenn man dem er­grei­fen­den Ge­sche­hen auf der Lein­wand folgt.

Al­le Tei­le un­se­rer Se­rie zum Po­pu­lis­mus le­sen Sie auf noz.de/ppp

Tief in die Au­gen se­hen sich Rhett But­ler (Clark Ga­ble) und Scar­lett O’Ha­ra (Vi­vi­en Leigh) im Film „Vom Win­de ver­weht“aus dem Jah­re 1939 kurz vor ih­rem le­gen­dä­ren Kuss. Das Süd­staa­ten-Epos zählt zu den Klas­si­kern der Ki­no­ge­schich­te – un­ge­ach­tet vie­ler un­ter­schwel­lig po­pu­lis­ti­scher Ten­den­zen. Fo­to: dpa

Po­pu­lis­mus in Fil­men: Fo­tos: Co­lour­box.de, obs, dpa, imago/ Uni­ted Ar­chi­ves (2)

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