Ita­li­ens Ju­gend oh­ne Hoff­nung

An­hal­ten­de Wirt­schafts­sta­gna­ti­on und per­ma­nent ho­he Ju­gend­ar­beits­lo­sig­keit

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Wirtschaft - Fin­den Sie un­ter noz.de/eu­ro­kri­se

Ita­li­en ist Eu­ro­pas neu­er Sor­gen­fall. So­gar die ita­lie­ni­sche Ju­gend sieht im ei­ge­nen Land kei­ne Zu­kunfts­per­spek­ti­ve mehr. Drei Vier­tel der bis zu 35Jäh­ri­gen glau­ben an ei­ne Chan­ce nur im Aus­land.

Von Wolf H. Wa­gner und Tho­mas Lud­wig

FLO­RENZ/OS­NA­BRÜCK. Ita­li­en ist wirk­lich kein jun­ges Land. Auf je 100 Ju­gend­li­che un­ter 15 Jah­ren kom­men 160 Men­schen über 65 – Ten­denz in den kom­men­den Jah­ren ex­po­nen­ti­ell stei­gend. Die de­mo­gra­fi­sche Struk­tur wird der­zeit durch die Flücht­lin­ge leicht kor­ri­giert: 1,9 Neu­ge­bur­ten kom­men sta­tis­tisch auf ein Paar, oh­ne die Mi­gran­ten lä­ge der Schnitt bei 1,3.

Doch nicht nur der Al­ters­über­hang macht dem Land zu schaf­fen. Die an­hal­ten­de wirt­schaft­li­che Sta­gna­ti­on und na­he­zu gleich­blei­ben­de Ju­gend­ar­beits­lo­sig­keit von den Al­pen bis Si­zi­li­en von 37,6 Pro­zent ma­chen Ita­li­en zu ei­nem Alb­traum­land für Ju­gend­li­che. Nicht nur vie­le Flücht­lin­ge se­hen Ita­li­en als ein Tran­sit­land an zur Pas­sa­ge nach Deutsch­land oder Groß­bri­tan­ni­en. Auch vie­le jun­ge Ita­lie­ner ma­chen das Bel­pa­e­se zum „Emi­gra­ti­ons­land“. 2016 ver­lie­ßen al­lein 106 000 Ju­gend­li­che zwi­schen 18 und 34 Jah­ren das Land, um im nord­al­pi­nen Aus­land ihr Glück zu su­chen.

Ri­si­ko Fi­nanz­sek­tor

Tat­säch­lich ist die dritt­größ­te Volks­wirt­schaft der Eu­ro-Zo­ne auf bes­tem We­ge, zum neu­en Sor­gen­fall Eu­ro­pas zu wer­den. Der Fi­nanz­sek­tor ist aus den Fu­gen, nur mit Steu­er­mil­li­ar­den für an­ge­schla­ge­ne Ban­ken hält er noch zu­sam­men. „Die Ri­si­ken im ita­lie­ni­schen Ban­ken­sek­tor schwe­len wei­ter“, sag­te DIHK-Au­ßen­wirt­schafts­chef Vol­ker Trei­er un­se­rer Re­dak­ti­on. Auch für die üb­ri­ge Wirt­schaft se­he es nicht ro­sig aus – sie wach­se zwar,

das Tem­po blei­be aber auch hier zu ge­ring.

Zu­dem nimmt die Kre­dit­fä­hig­keit Ita­li­ens seit 2010 un­un­ter­bro­chen ab. „Grund hier­für ist seit 2013 die Ero­si­on des Ka­pi­tal­stocks“, hat der Thinktank Cen­trum für Eu­ro­päi­sche Politik (CEP) fest­ge­stellt: „Sie ist auf die un­ge­lös­ten wirt­schaft­li­chen Pro­ble­me, die ho­he öf­fent­li­che Ver­schul­dung und die po­li­ti­sche Un­si­cher­heit zu­rück­zu­füh­ren.“Ita­li­en hat den größ­ten Schul­den­berg in Eu­ro­pa. Die EU-Kom­mis­si­on hat von Rom ge­for­dert, in die­sem Jahr 3,4 Mil­li­ar­den Eu­ro ein­zu­spa­ren – an­sons­ten droht ein Straf­ver­fah­ren.

Of­fe­ne Fi­nanz­trans­fers, um das Land zu sta­bi­li­sie­ren, gel­ten Ex­per­ten nicht als aus­ge­schlos­sen. „Man kann nur hof­fen, dass es Ita­li­en ge­lingt, die Wirt­schaft zu re­for­mie­ren und aus ei­ge­ner Kraft wie­der hö­he­res Wachs­tum zu er­rei­chen“, sagt Cle­mens Fu­est, Chef des Ifo-In­sti­tuts.

So man­cher jun­ge Mensch im Land will so lan­ge nicht

war­ten. Vie­le der be­reits Ab­ge­wan­der­ten sind mit ei­nem Dok­tor­ti­tel, ei­nem Hoch­schul­ab­schluss oder ei­ner qua­li­fi­zier­ten Be­rufs­aus­bil­dung aus­ge­rüs­tet. Ei­ner Um­fra­ge des Mei­nungs­for­schungs­in­sti­tuts De­mosCo­op zu­fol­ge se­hen 73 Pro­zent der zwi­schen 25- und 34-Jäh­ri­gen nur in ei­ner Kar­rie­re im Aus­land ei­ne Mög­lich­keit, ih­re be­ruf­li­chen Vor­stel­lun­gen zu rea­li­sie­ren. Bei den 15- bis 24-Jäh­ri­gen liegt die Ra­te et­was nied­ri­ger bei 59 Pro­zent. Die­se Ant­wort kor­re­liert mit je­ner auf die Fra­ge, ob die Zu­kunfts­aus­sich­ten sich bes­sern wer­den.

Von den 25- bis 34-Jäh­ri­gen glau­ben 63 Pro­zent, die La­ge ver­schlech­te­re sich wei­ter. Ähn­lich ur­teil­te der Be­völ­ke­rungs­durch­schnitt. Nur die Jün­ge­ren sind et­was op­ti­mis­ti­scher.

Die Hoff­nung stirbt zu­letzt, so das Sprich­wort. Doch den pes­si­mis­ti­schen Aus­sa­gen der jüngs­ten Um­fra­ge nach ist dies be­reits ge­sche­hen. Ge­fragt wur­de nach der Wer­tig­keit, die die jün­ge­ren Ita­lie­ner den Be­grif­fen „Hoff­nung“, „Fa­mi­lie“, „De­mo­kra­tie“, „Ita­li­en“, „Er­ho­lung“, „Ter­ro­ris­mus“und „Trump“zu­mes­sen. Der US-ame­ri­ka­ni­sche Prä­si­dent, so die Aus­sa­ge der 25- bis 34-Jäh­ri­gen, wach­se um 10 Pro­zent in der Be­deu­tung, gleich da­nach kam mit zwei Punk­ten Ab­stand der Ter­ro­ris­mus.

Die Wich­tig­keit der De­mo­kra­tie sank um zwölf, die Ita­li­ens um 15 Pro­zent. Und selbst in die Fa­mi­lie – einst der wich­tigs­te Kern der ita­lie­ni­schen Ge­sell­schaft – setz­te je­der Fünf­te der Be­frag­ten kein Ver­trau­en mehr.

Schluss­licht in die­ser Bewertung wur­de die Hoff­nung, 24 Pro­zent we­ni­ger jun­ge Ita­lie­ner ma­ßen die­sem Be­griff noch Be­deu­tung zu.

Die trau­ri­gen Um­fra­ge­er­geb­nis­se müs­sen auf die Zen­tral­re­gie­rung in Rom wie ei­ne schal­len­de Ohr­fei­ge wir­ken. Bei sei­nem Amts­an­tritt hat­te der in­zwi­schen ab­ge­tre­te­ne Mat­teo Ren­zi einst ei­ne bal­di­ge Er­ho­lung der ita­lie­ni­schen Wirt­schaft und des Ar­beits­mark­tes ver­spro­chen.

In den ver­gan­ge­nen drei Jah­ren sind 200 Mil­lio­nen Eu­ro in Be­schäf­ti­gungs­pro­gram­me für die Ju­gend ge­flos­sen. Manch ei­ner fragt sich bei der Wir­kungs­lo­sig­keit, wo­hin das Geld wirk­lich ge­gan­gen ist. Ar­beits­mi­nis­ter Gi­u­lia­no Po­let­ti be­schul­digt sei­ne Vor­gän­ge­rin, fal­schen Pro­gram­men ge­folgt zu sein – auch ei­ne Me­tho­de, von ei­ge­ner Ver­ant­wor­tung ab­zu­len­ken.

Wei­te­re Se­ri­en­bei­trä­ge

Der Schein trügt: Nach der gu­ten Lau­ne auf ei­nem Kon­zert in Mai­land droht Tris­tesse im All­tag. Fo­to: imago/Pa­ci­fic Press Agen­cy

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