Die Kehr­sei­te der Me­dail­le

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Dialog -

Zum Ar­ti­kel „Wie Frau Twes­ten die Ko­ali­ti­on zer­stört“(Aus­ga­be vom 5. Au­gust).

„Ego­is­mus wich­ti­ger als Moral: Breit ge­fä­cher­ter Par­tei­en­plu­ra­lis­mus, knapp 6,5 Mil­lio­nen Wahl­be­rech­tig­te, 137 Land­tags­sit­ze und das al­les tor­pe­diert von ei­ner Per­son: El­ke Twes­ten kol­la­bo­riert aus Sicht der rot-grü­nen Lan­des­re­gie­rung und wech­selt zur CDU, wo­mit die Ein­Stim­men-Mehr­heit der ak­tu­el­len Re­gie­rung in ei­ne Min­der­heits­re­gie­rung kippt.

Die Mo­ti­ve schei­nen recht klar auf der Hand, dass Frau Twes­ten bei der nächs­ten Wahl von der Grü­nen-Lan­des­lis­te ge­stri­chen und so­mit in die po­li­ti­sche Be­deu­tungs­lo­sig­keit ge­rutscht wä­re. Um ih­re Kar­rie­re zu ret­ten, hat die­se Frau das aus ih­rer Sicht ein­zig Lo­gi­sche ge­tan.

Nun kann man dies als amo­ra­lisch, ego­is­tisch, un­eh­ren­haft, op­por­tun und ganz be­son­ders als Schlag ins Ge­sicht für al­le Grü­nen-Wäh­ler kri­ti­sie­ren, denn all das ist es auch.

Je­doch soll­te man genau­so die Kehr­sei­te der Me­dail­le be­trach­ten: Wenn die rot­grü­ne Lan­des­re­gie­rung so sehr auf den ei­nen Platz an­ge­wie­sen ist, soll­te sie auch so re­s­pon­siv auf die Be­dürf­nis­se sei­ner Man­dats­trä­ger ein­ge­hen wie ir­gend mög­lich.

Schließ­lich ist es nichts Neu­es, dass die Moral im po­li­ti­schen Ta­ges­ge­schäft be­dau­er­li­cher­wei­se ei­ne genau­so klei­ne Rol­le spielt wie in der Pri­vat­wirt­schaft, in­so­fern das Ziel des Macht­er­halts ver­folgt wird. Dar­über phi­lo­so­phier­te be­reits Nic­co­lo Mac­chia­vel­li im 15. Jahr­hun­dert, Ke­vin Spacey zeigt es uns prag­ma­tisch im 21. Jahr­hun­dert.

Dass nun das Kar­ten­haus von ei­ner Per­son zum Ein­sturz ge­bracht wird und die Kar­ten neu ge­mischt wer­den, zeigt, wie wa­cke­lig es stand und ist fol­ge­rich­tig in dem de­mo­kra­ti­schen Di­lem­ma. Soll­te die CDU sug­ges­tiv auf Twes­ten ein­ge­wirkt ha­ben, wä­re dies zwar per­fi­de, aber lei­der ein sehr wirk­sa­mer Schach­zug.

Nun je­doch sei­tens der SPD/Grü­nen mit dem Fin­ger auf die CDU zu zei­gen und em­pört ein nicht be­wie­se­nes Kom­plott zu un­ter­stel­len, bringt ih­nen nichts. Statt­des­sen ist jetzt Wahl­kampf an­ge­sagt. Es müs­sen Ar­gu­men­te für ei­ne Wahl ge­lie­fert wer­den und nicht, war­um ei­ne an­de­re Par­tei nicht wähl­bar sei.“

Lars Magnus Os­na­brück

Der Über­tritt ei­ner Grü­nen-Ab­ge­ord­ne­ten zur CDU hat die rot-grü­ne Re­gie­rungs­ko­ali­ti­on von Mi­nis­ter­prä­si­dent Ste­phan Weil (SPD, Bild) zum Ein­sturz ge­bracht. Das zeigt aber auch, wie wa­cke­lig die­se da­stand, meint ein Le­ser. Fo­to: dpa

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