Die Wa­re Ath­let: Ein Tür­ke aus Aser­bai­dschan

Die Ge­schich­te hin­ter dem Sen­sa­ti­ons­sie­ger Gu­liy­ew – Über 500 Na­tio­na­li­tä­ten­wech­sel in 20 Jah­ren

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Sport -

Von Micha­el Jo­nas

Sprint ver­rückt in Lon­don: Erst wird Usain Bolt als 100-Me­ter-Welt­meis­ter ent­thront, dann ver­liert der als Nach­fol­ger des Ja­mai­ka­ners ge­han­del­te Way­de van Nie­kerk das 200-Me­ter-Fi­na­le. Der Tür­ke Ra­mil Gu­liy­ew hat­te dem Süd­afri­ka­ner die Show ge­stoh­len, steht aber trotz­dem nicht im Mit­tel­punkt.

Der 27 Jah­re al­te ge­bür­ti­ge Aser­bai­dscha­ner, der seit 2013 das Start­recht für die Tür­kei hat, tri­um­phier­te in 20,09 Se­kun­den. Van Nie­kerk kam nach ei­nem Fo­to-Fi­nish in 20,11 Se­kun­den vor Jee­rem Richards (Tri­ni­dad und To­ba­go) als Zwei­ter ins Ziel. Der Olym­pia­sie­ger aus Kap­stadt wuss­te gar nicht, wie ihm ge­sche­hen war. Be­dröp­pelt ver­ließ er das Sta­di­on und schäm­te sich sei­ner Trä­nen vor lau­fen­den TV-Ka­me­ras nicht. Nach ei­ni­gen Mo­men­ten hat­te er sich wie­der ge­fasst. „Die­ser Wett­be­werb war ei­ne mas­si­ve Ach­ter­bahn­fahrt für mich“, blick­te van Nie­kerk zu­rück, „Ich fah­re mit zwei Me­dail­len nach Hau­se, die gu­te Far­ben ha­ben: Gold und Sil­ber.“ Der Zwei-Flag­gen-Mann: Ra­mil Gu­liy­ew aus Aser­bai­dschan star­tet für die Tür­kei und ju­bel­te mit den Fah­nen bei­der Na­tio­nen.

Nach sei­nem 400-Me­terT­ri­umph hat­te der Mar­ke­ting-Stu­dent auch über 200 Me­ter auf ei­nen Sieg ge­hofft, um Le­gen­de Bolt nach­zu­ei­fern. Der war erst­mals seit der WM 2009 in Berlin über 200 Me­ter nicht am Start und be­en­det sei­ne Kar­rie­re nach der 4x100-Me­ter-Staf­fel am Sams­tag. Van Nie­kerk sieht er trotz der Nie­der­la­ge über die hal­be Sta­di­on­run­de als sei­nen Nach­fol­ger. „Er hat ge­zeigt, dass er be­reit ist für die Her­aus­for­de­rung. Wenn er so wei­ter­macht, wird er die Leicht­ath­le­tik über­neh­men“, glaubt Bolt.

Der zu­min­dest an bei­den Ar­men voll tä­to­wier­te Gu­liy­ew war so et­was wie der An­ti-Star. „Es war kein Schock für mich, es fühl­te sich aber auch nicht re­al an“, sag­te er über den Mo­ment des Sie­ges. „Das ist der bes­te Augenblick mei­ner Kar­rie­re.“Dass die Auf­merk­sam­keit nicht ihm galt, stör­te ihn nicht. „Vi­el­leicht wer­den sie beim nächs­ten Wett­kampf al­le auf mich schau­en.“

Kein gro­ßes The­ma mehr war Isaac Mak­wa­le. Der Welt­jah­res­bes­te, der we­gen des gras­sie­ren­den No­ro­vi­rus zu­nächst un­ter Qua­ran­tä­ne stand, lan­de­te nur auf dem sechs­ten Rang.

Van Nie­kerk wä­re mit dem 400-Me­ter-Tri­umph und ei­ner wei­te­ren Gold­me­dail­le der ers­te Ath­let seit 22 Jah­ren ge­we­sen, der wie­der ein Gold-Dou­ble auf die­sen bei­den Stre­cken ge­schafft hät­te. Zu­letzt war dies dem Ame­ri­ka­ner Micha­el John­son bei der WM 1995 in Gö­te­borg ge­lun­gen – und ein Jahr spä­ter bei den Olym­pi­schen Spie­len 1996 in At­lan­ta.

Dass der tür­ki­sche Staats­prä­si­dent Re­cep Tay­yip Er­do­gan dem ein­ge­bür­ger­ten Lands­mann per Twit­ter zum Sen­sa­ti­ons­gold gra­tu­lier­te, war mehr ei­ne po­li­ti­sche Bot­schaft denn ei­ne Eh­rer­wei­sung. Stolz kann er auf den WM-Tri­umph von Gu­liy­ew nicht sein, der zwar der ers­te männ­li­che Leicht­ath­le­ti­kWelt­meis­ter in der Ge­schich­te der Tür­kei ist, aber nach dem Sieg zeig­te, wem sein Herz ge­hört. Nach dem Lauf band er sich erst die Flag­ge Aser­bai­dschans um den Hals, dann prä­sen­tier­te er die Fah­ne mit dem Si­chel­mond.

Es war nur ei­ne Fra­ge der Zeit, wann die Tür­kei auf der Welt­kar­te der Leicht­ath­le­tik ein Fähn­chen mit dem Ver­merk „Welt­meis­ter“ste­cken wür­de. Die Tür­kei ist ei­nes je­ner Län­der, das Leicht­ath­le­ten ei­nen Na­tio­na­li­tä­ten­wech­sel schmack­haft macht. Bei den Eu­ro­pa­meis­ter­schaf­ten im letz­ten Jahr in Ams­ter­dam hol­ten 13 un­ter der Flag­ge der Tür­kei star­ten­de Sport­ler zwölf Me­dail­len. In der Tür­kei ge­bo­ren wur­den nur vier der Me­dail­len­ge­win­ner. Die vier Ti­tel für die Tür­kei er­ran­gen ei­ne Ke­nia­ne­rin, ein Ke­nia­ner und ein Ku­ba­ner. Gu­liy­ew hat­te Sil­ber über 200 Me­ter ge­holt. Me­dail­len­spie­gel wer­den so ad ab­sur­dum ge­führt – die rus­si­sche Do­ping­sys­te­ma­tik hier mal aus­ge­klam­mert.

Die „Wa­re Ath­let“wird ver­hö­kert von cle­ve­ren Sport­ma­na­gern. Fast 500 Na­tio­na­li­tä­ten­wech­sel in 20 Jah­ren führt der Leicht­ath­le­ti­kWelt­ver­band in sei­ner Sta­tis­tik. Es geht vor al­lem um Läu­fer aus Afri­ka. Ziel-Na­tio­nen: die Tür­kei, aber auch Aser­bai­dschan, Bah­rain und Ka­tar. Klar, dass an­de­re Ver­bän­de Wech­sel aus wirt­schaft­li­chen Grün­den ver­bie­ten wol­len. Der DLV geht mas­siv da­ge­gen vor.

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