„Bay­ern auf Jah­re als Meis­ter ge­setzt“

HSV-Vor­stands­chef Bruch­ha­gen über Mä­zen Küh­ne, die Ul­tras und 54 Jah­re Bun­des­li­ga

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Sport -

Für den Ham­bur­ger SV gab He­ri­bert Bruch­ha­gen den Ru­he­stand auf, den er im Som­mer 2016 nach 28 Jah­ren als Fuß­ball­ma­na­ger vol­ler Vor­freu­de ge­wählt hat­te. War­um er das tat, wer deut­scher Meis­ter wird und wie der Kon­flikt mit den Ul­tras ge­löst wer­den kann, sagt der 68-Jäh­ri­ge in die­sem In­ter­view.

Von Ralf Gei­sen­hans­lü­ke

HAM­BURG. Am En­de der ver­gan­ge­nen Sai­son zit­ter­te Bruch­ha­gen – wie schon ein Jahr zu­vor in sei­ner letz­ten Spiel­zeit bei Ein­tracht Frank­furt – bis zu­letzt um den Klas­sen­er­halt in der Bun­des­li­ga. Jetzt hofft der ehe­ma­li­ge Ober­stu­di­en­rat, der 1989 sei­ne A-14-Stel­le am Kreis­gym­na­si­um Hal­le auf­gab, dass mit dem Po­kal­spiel am Sonn­tag beim VfL Os­na­brück ei­ne ru­hi­ge­re Zeit für den HSV an­bricht.

Wel­ches Ziel ha­ben Sie für den HSV für die in ei­ner Wo­che be­gin­nen­de neue Sai­son aus­ge­ge­ben?

Die Mann­schaft soll so weit wie mög­lich von ei­nem Ab­stiegs­rang ent­fernt auf ei­nem Mit­tel­feld­platz ste­hen. Ich se­he et­wa zehn Ver­ei­ne, die für die Plät­ze 16, 17 und 18 in- fra­ge kom­men. Fa­vo­ri­ten gibt es für die­se letz­ten Rän­ge nicht. Die vor­de­ren Plät­ze ma­chen Bay­ern, Dort­mund Hof­fen­heim, Schal­ke, Leip­zig, Le­ver­ku­sen und Glad­bach un­ter sich aus. Da­bei wird Bay­ern auf Jah­re als Meis­ter ge­setzt sein. Und wel­ches mit­tel­fris­ti­ge Ziel for­mu­lie­ren Sie für den HSV über die nächs­ten Jah­re?

In der Ta­bel­le der Fern­sehGel­der sind wir 16., da ist es müh­sam, ei­nen kon­kur­renz­fä­hi­gen Etat auf­zu­stel­len, und nicht ein­fach, sich aus die­ser Si­tua­ti­on zu be­frei­en. Mit un­se­rem Etat von 55 Mil­lio­nen Eu­ro ist mit­tel­fris­tig ein Platz zwi­schen zehn und zwölf rea­lis­tisch. Lan­den wir ober­halb, ha­ben wir gut ge­ar­bei­tet, un­ter­halb nicht so toll. Die in­ter­na­tio­na­len TV-Gel­der sor­gen für ei­ne Zwei-Klas­sen-Ge­sell­schaft im Bun­des­li­ga-Fuß­ball.

Wel­che Rol­le spie­len der Trai­ner Mar­kus Gis­dol und Ma­na­ger Jens Todt? Der Trai­ner hat nach sei­nem Ga­li­ons­fi­gur des HSV: Ein­stieg am 25. Sep­tem­ber 2016 die rich­ti­gen Ent­schei­dun­gen ge­trof­fen, die auch nicht im­mer für al­le sym­pa­thisch wa­ren. In der Rück­run­den­ta­bel­le ist er mit der Mann­schaft Sieb­ter ge­wor­den, das spricht für sich. Üb­ri­gens hät­te ich das Team auch im­mer so auf­ge­stellt wie er. Jens Todt ha­be ich sel­ber aus­ge­wählt und ver­pflich­tet. Er passt sehr gut zum HSV.

Stim­men noch An­spruch und Wirk­lich­keit beim HSV über­ein?

Der HSV lei­det noch dar­un­ter, dass er an den Er­fol­gen der Acht­zi­ger­jah­re ge­mes­sen wird. Ei­ner Zeit, in der der Etat mit den Bay­ern auf Au­gen­hö­he lag. Die Münch­ner hät­ten da­mals ei­nen Horst Hru­besch, Manfred Kaltz oder Uli St­ein nie­mals weg­lo­cken kön­nen. In­zwi­schen ha­ben aber die Leis­tun­gen des HSV in den letz­ten fünf Jah­ren zu­neh­mend zu ei­ner rea­lis­ti­schen Ein­schät­zung ge­führt.

Stich­wort Mä­zen Küh­ne? Herr Küh­ne will für den HSV nur das Bes­te. Ope­ra­tiv greift er nicht ins Ge­schäft ein. Sei­ne Un­ter­stüt­zung hat uns in der ver­gan­ge­nen Sai­son beim Klas­sen­er­halt ge­hol­fen. Die durch ihn mög­li­chen Win­ter­trans­fers wa­ren für die gu­te Rück­run­de not­wen­dig.

53 Jah­re 352 Tage Bun­des­li­ga: Fluch oder Se­gen?

Wir sind oh­ne Aus­nah­me seit Grün­dung der Bun­des­li­ga 1963 da­bei. Die­se 53 Jah­re müss­ten ei­gent­lich An­er­ken­nung nach sich zie­hen. Lei­der ha­ben in den ver­gan­ge­nen Spiel­zei­ten vie­le ge­dacht, es wird höchs­te Zeit, dass der HSV mal ab­steigt. Hier fehlt mir ein­deu­tig der Re­spekt vor dem Ge­leis­te­ten.

Wel­che Be­deu­tung hat der HSV für die Men­schen im Nor­den?

Die Be­deu­tung des HSV für den Nor­den sieht man schon an den Num­mern­schil­dern der Au­tos un­se­rer Zu­schau­er. Über 50 000 Men­schen kom­men zu un­se­ren Heim­spie­len und vie­le da­von aus Dä­ne­mark, Schles­wig-Hol­stein, Nie­der­sach­sen und Meck­len­bur­gVor­pom­mern. Nach dem Tier­park Ha­gen­beck und nun der Elb­phil­har­mo­nie sind wir der größ­te Frei­zeit­an­bie­ter in Ham­burg.

Sie wa­ren En­de ver­gan­ge­nen Jah­res schon prak­tisch in der „Ma­na­ger-Ren­te“. War­um konn­ten Sie das An­ge­bot des HSV nicht ab­leh­nen?

Der HSV ist nun ein­mal der HSV. An­ge­bo­te an­de­rer Ver­ei­ne ha­be und hät­te ich ab­ge­lehnt.

Die Ge­walt durch die Ul­tras nimmt im­mer mehr zu, auch beim HSV gibt es ge­schätz­te 500 Ul­tras. Es­ka­liert die Ge­walt?

Das Ver­hält­nis zu die­sen Fans ist ei­ne gro­ße Her­aus­for­de­rung. Wir müs­sen die Ent­frem­dung die­ser Fans von den Ver­ei­nen ver­hin­dern. Kom­mu­ni­ka­ti­on und noch­mals Kom­mu­ni­ka­ti­on ist da un­ver­zicht­bar.

Wie kön­nen die Deut­sche Fuß­ball-Li­ga oder der DFB zur Pro­blem­lö­sung bei­tra­gen?

Dra­ko­ni­sche Stra­fen der Ver­ei­ne ha­ben bis­her nichts be­wirkt. Es geht nur mit ei­nem kom­mu­ni­ka­tiv ge­schlos­se­nen Auf­tritt der Li­ga und des DFB.

Zu­letzt ha­ben Sie den 19-jäh­ri­gen Nie­der­län­der Rick van Dron­ge­len ver­pflich­tet. Wer kommt noch bis zum Sai­son­start?

Van Dron­ge­len ist ein sehr ver­an­lag­ter Spie­ler, von dem wir ei­ni­ges er­war­ten kön­nen. Es könn­te sein, dass wir noch für die lin­ke Po­si­ti­on in der Ver­tei­di­gung je­mand su­chen, aber wir ha­ben kei­nen Zeit­druck.

Was ist Ih­re Er­war­tung für das Po­kal­spiel beim VfL Os­na­brück?

Ich er­war­te, dass wir uns durch­set­zen. Aber wir müs­sen auf der Hut sein. Ich bin nicht amü­siert über den mä­ßi­gen Sai­son­start des VfL, der ist kein Vor­teil für uns.

Wie schät­zen Sie den VfL ein?

Ich ken­ne Ál­va­rez noch aus der Frank­fur­ter Ju­gend. Ein gu­ter Jun­ge und gu­ter Fuß­bal­ler. Si­cher­lich war Wriedt ein wich­ti­ger Spie­ler, der gera­de den VfL zu Bay­ern München ver­las­sen hat. Aber es war und ist im­mer ge­fähr­lich, an der Bre­mer Brü­cke zu spie­len. Joe Enochs war zu sei­ner Zeit auch ein or­dent­li­cher Spie­ler, der sei­ne Sa­che als Trai­ner jetzt gut macht.

Vor­stands­chef He­ri­bert Bruch­ha­gen. Fo­to: dpa

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.