Das Fes­ti­val als Re­ak­ti­ons­test

„Spiel­trie­be“-Lei­ter Jens Pe­ters und Eli­sa­beth Zim­mer­mann spre­chen im In­ter­view über Rol­len­bil­der

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Kultur Regional -

Das Fes­ti­val „Spiel­trie­be“am Os­na­brü­cker Thea­ter setzt sich mit dem The­ma „Macht*Spiel*Ge­schlecht“aus­ein­an­der. Mit ei­ner Se­rie be­leuch­ten wir Pro­duk­tio­nen und ver­schie­de­ne Aspek­te. Die­ses Mal spre­chen wir mit der Fes­ti­val­lei­tung, mit Jens Pe­ters und Eli­sa­beth Zim­mer­mann.

Von Chris­ti­ne Adam

Was war der Aus­lö­ser, sich mit dem Fes­ti­valthe­ma aus­ein­an­der­zu­set­zen? Pe­ters: Das ist ei­gent­lich ei­ne schö­ne Ge­schich­te. Wir be­fan­den uns in der Fin­dungs­pha­se für das Fes­ti­val, hat­ten schon über be­stimm­te The­men dis­ku­tiert und ge­rie­ten an ei­nen Text, der sich mit Fe­mi­nis­mus aus­ein­an­der­setz­te. Über ihn ha­ben wir sehr ge­strit­ten un­ter den Kol­le­gen: Ist der gut, schlecht, was will der ei­gent­lich? Als wir uns das nächs­te Mal tra­fen, mein­te Ralf Wald­schmidt: „Gen­der war doch ei­gent­lich das The­ma. Da kam doch so­fort ei­ne Dis­kus­si­on im Gang.“Als das aus­ge­spro­chen war, wur­de so­fort al­len klar: Das ma­chen wir. Zim­mer­mann: Das The­ma wird da­bei nicht auf ir­gend­ei­ne In­ner­lich­keit re­du­ziert, son­dern es ist ein wirk­lich bri­san­tes The­ma, et­wa wenn man in Staa­ten schaut, in de­nen ho­mo­se­xu­el­le Part­ner­schaf­ten mit dem Tod be­straft wer­den.

Sieht sich vor die­sem Hintergrund ei­ne deut­sche In­sti­tu­ti­on wie das Thea­ter in der Pflicht, das Pro­jekt Auf­klä­rung mög­lichst schnell vor­an­zu­trei­ben? Zim­mer­mann: Ich fra­ge mich, ob es sich mo­men­tan um Kämp­fe ei­ner Gleich­be­rech­ti­gung han­delt, die es so­wie­so noch nie gab, oder um Vor­bo­ten ei­ner neu­en Zeit, ei­nen Back­lash von tra­dier­ten Mus­tern, die man ei­gent­lich schon als über­lebt wahr­ge­nom­men hat.

Pe­ters: Ver­mut­lich ist es bei­des. Es gibt Din­ge, die er­reicht wor­den sind und nun Spiel mit den Iden­ti­tä­ten: Eli­sa­beth Zim­mer­mann und Jens Pe­ters im Büh­nen­bild „Diens­tags bei Kauf­land“in der Thea­ter­pas­sa­ge. wie­der zu­rück­ge­nom­men wer­den, und Din­ge, die im­mer noch im Ar­gen lie­gen.

Lan­ge war Ho­mo­se­xua­li­tät das gro­ße The­ma und ist seit Jah­ren ei­ni­ger­ma­ßen in tro­cke­nen Tü­chern. Müs­sen wir nun auch das noch schwie­ri­ge­re The­ma Trans­se­xua­li­tät vor­an­brin­gen?

Pe­ters: Es ist ein Punkt er­reicht, an dem bei vie­len Leu­ten das Ge­fühl vor­herrscht: Wir ha­ben doch schon al­les mög­li­che ge­schafft, Frau­en sind gleich­be­rech­tig­ter, Schwu­le sind ak­zep­tiert, kann nicht ir­gend­wann mal Schluss sein? Lei­der ist es nicht so, dass die Welt frei ist, wenn das ei­ne The­ma ab­ge­schlos­sen ist. Dann wird meis­tens das nächs­te The­ma fäl­lig.

Das Fes­ti­val will zei­gen, dass uns das al­le an­geht?

Pe­ters: Das Fes­ti­val soll ja auch ein Dis­kurs sein. Das Ziel ist nicht, mit er­ho­be­nem Zei­ge­fin­ger die gro­ße Gen­der­auf­klä­rung zu be­trei­ben nach dem Mot­to „So macht man’ s rich­tig“. Denn die Ant­wor­ten ha­ben wir und die mit­wir­ken­den Künst­ler dann doch nicht pa­rat. Es gibt Hal­tun­gen, Mei­nun­gen da­zu und es gibt den neu­es­ten Stand der For­schung. Ein Be­su­cher hat im Vor­feld des Fes­ti­vals sei­ne Zu­kunfts­vi­si­on sinn­ge­mäß so for­mu­liert: Es wä­re schön, den Punkt zu er­rei­chen, an dem das Ge­schlecht nur ei­ne Iden­ti­fi­ka­ti­on von vie­len wä­re nach dem Mot­to, ich bin ein in­ter­es­sier­ter Le­ser, spie­le im Fuß­ball­ver­ein und ver­ste­he mich als Frau.

Gibt es nicht auch noch die kör­per­li­che Fest­le­gung? In ei­nem In­ter­view hat ein Mann, der frü­her Frau war, er­zählt, dass er vor

der Ge­schlechts­um­wand­lung und Hor­mon­the­ra­pie sen­si­bler ge­we­sen sei. Jetzt als Mann sei vie­les ein­fa­cher, kla­rer, aber er ha­be auch man­ches an Zwi­schen­tö­nen sei­nes Ge­fühls­le­bens ver­lo­ren.

Pe­ters: Es gibt ja auch das Buch „Tes­to-Jun­kie“, dar­über, wie je­mand sich im Selbst­test Tes­to­ste­ron­pflas­ter be­sorgt und be­schreibt, wie sich durch die­se Hor­mon­zu­ga­ben tat­säch­lich auch Denk­mus­ter und Ver­hal­tens­wei­sen ver­än­dern. Al­ler­dings be­steht auch hier die Ge­fahr, dass das wie­der als Rück­zugs­ort für Gr­a­ben­kämp­fe an­ge­se­hen wer­den kann mit dem Te­nor: Das Ge­schlecht ist bio­lo­gisch fest­ge­legt durch Hor­mo­ne.

Doch lebt uns nicht un­se­re Öf­fent­lich­keit, die Wer­bung et­wa, nach wie vor kras­ses männ­li­ches und kras­ses weib­li­ches Ver­hal­ten vor und legt uns da­mit na­he, sol­che Rol­len­bil­der ein­zu­lö­sen?

Pe­ters: Das ent­spricht aber nicht der Rea­li­tät. Wenn man die Be­völ­ke­rung fragt, dann emp­fin­den sich die meis­ten ir­gend­wo in der Mit­te zwi­schen den Ex­trem­po­len männ­lich und weib­lich.

Wenn man sich für Ak­zep­tanz ein­setzt in Sa­chen Trans­se­xua­li­tät, hat man sich da­mit nicht zugleich auch für Ak­zep­tanz Ge­flüch­te­ter ent­schie­den? Pe­ters: Prin­zi­pi­ell schon, doch span­nend wird es doch erst, wenn die ei­ne Ak­zep­tanz mit der an­de­ren in Kon­flikt ge­rät. Wie geht man da­mit um, wenn an­de­re Kul­tu­ren in Sa­chen Fe­mi­nis­mus oder Trans­gen­der auf ei­nem ganz an­de­ren Stand sind? Auch das müss­te wie­der ver­han­delt wer­den. Zim­mer­mann: Ich den­ke, da­zu braucht es gar nicht die wie auch im­mer kon­stru­ier­te Kon­trast­fo­lie: Auch in un­se­rer deut­schen Ge­sell­schaft ist das The­ma gar nicht so ak­zep­tiert. Da stößt man so schnell auf sehr de­zi­dier­te Mei­nun­gen, die ein gro­ßes Nein aus­spre­chen, wenn es um sol­che Öff­nungs­pro­zes­se geht.

Pe­ters: Da­rin se­he ich ei­nen Grund, war­um das The­ma Gleich­be­rech­ti­gung, so­bald man über Ge­flüch­te­te spricht, so schnell hoch­geht. Weil vie­le sich in der ei­ge­nen Ge­sell­schaft gar nicht so si­cher sind, was denn nun ei­gent­lich ihr Kon­sens ist. Des­halb ver­la­gert man das so ger­ne ins Frem­de und macht das dort zum Kampf­ge­biet, um Fra­gen aus­zu­han­deln, die man bei sich selbst noch nicht ge­klärt hat.

Wel­chen Part kann ein Fes­ti­val wie „Spiel­trie­be“da­bei spie­len? Zim­mer­mann: Es geht dar­um, in der Ge­sell­schaft ge­schütz­te Räu­me zu fin­den, in de­nen Ängs­te nicht nur theo­re­tisch durch­ge­spielt, son­dern ak­tiv aus­ge­han­delt wer­den kön­nen. Um wie bei ei­ner Feu­er­schutz­übung zu tes­ten: Wie re­agie­re ich? Pe­ters: Das ist ein in­ter­es­san­tes Ge­dan­ken­ex­pe­ri­ment, weil es ge­nau auch die Men­schen ein­be­zie­hen kann, die am we­nigs­ten mit den be­tei­lig­ten Per­so­nen zu tun und des­halb meist die größ­ten Vor­ur­tei­le ha­ben. Sol­che Räu­me fürs Pro­be­han­deln zu öff­nen, da­rin be­steht eben auch das be­son­de­re Po­ten­zi­al des Thea­ters.

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