War­nung vor fal­schen Po­li­zis­ten

Te­le­fon­be­trü­ger er­fin­den lau­fend neue Ma­schen – Hin­ter­män­ner sit­zen in der Tür­kei

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Osnabrücker Land -

Wenn man Trick­be­trü­gern ei­nes las­sen muss, dann ist es der Ein­falls­reich­tum, mit dem die meist un­be­kann­ten Tä­ter ver­su­chen, ih­re Op­fer um Geld oder Wert­sa­chen zu brin­gen. Ak­tu­ell in Mode: Be­trü­ger ge­ben sich am Te­le­fon als Po­li­zis­ten aus – mit der „110“im Dis­play.

Von Se­bas­ti­an Phil­ipp

OS­NA­BRÜCK. Die Ma­sche ist im Grun­de im­mer die glei­che, ih­rer Fan­ta­sie ha­ben die Be­trü­ger bei der Aus­ge­stal­tung aber an­schei­nend kei­ne Gren­zen ge­setzt. Am An­fang steht ein Ge­spräch, bei dem sich der An­ru­fer meist als Po­li­zist, in an­de­ren Fäl­len auch als Staats­an­walt aus­gibt. Gleich­zei­tig er­scheint im Dis­play die Vor­wahl des An­ge­ru­fe­nen und die 110. „Die Be­trü­ger ver­su­chen sich da­durch, das Ver­trau­en der Men­schen zu er­schlei­chen“, sagt An­ke Ham­ker von der Pres­se­stel­le der Os­na­brü­cker Po­li­zei­in­spek­ti­on.

Im Ver­lauf des Ge­sprächs ver­su­chen die Be­trü­ger, ih­re Op­fer da­von zu über­zeu­gen, Geld und Wert­sa­chen an ei­ne drit­te Per­son zu über­ge­ben. Bei­spiels­wei­se weil Ein­bre­cher in der Nach­bar­schaft un­ter­wegs sei­en, wer­de zeit­nah ein wei­te­rer Po­li­zei­be­am­ter vor­bei­kom­men und das Hab und Gut des An­ge­ru­fe­nen in Si­cher­heit brin­gen. „Die Tä­ter ha­ben ei­ne ge­schick­te Ge­sprächs­füh­rung und ver­ste­hen es, Druck auf­zu­bau­en“, so Ham­ker.

Wie er­scheint die 110 im Dis­play? Die Be­trü­ger nut­zen bei ih­ren An­ru­fen das „Cal­lID-Spoo­fing“, ein tech­ni­sches Ver­fah­ren zur Fäl­schung der an­ge­zeig­ten Num­mer. In der Ruf­num­mern­an­zei­ge des an­ge­ru­fe­nen Te­le­fons er­scheint nicht die Ori­gi­nal­ruf­num­mer, son­dern ei­ne von den Ur­he­bern des Be­tru­ges frei ge­wähl­te Num­mer. Hier­durch ge­lingt es den Be­trü­gern ei­ner­seits, ih­re Iden­ti­tät zu ver­schlei­ern, und an­de­rer­seits, durch die 110 das Ver­trau­en ih­rer Op­fer zu ge­win­nen.

Zu­nut­ze ma­chen sich die Kri­mi­nel­len da­bei die Mög­lich­kei­ten der In­ter­net­te­le­fo­nie. Für halb­wegs ver­sier­te Com­pu­ter­ken­ner ist es ein Leich­tes, Pa­ra­me­ter bei der Voice-over-IP-Tech­no­lo­gie zu ver­än­dern und ei­ne fal­sche Te­le­fon­num­mer in den Dis­plays der An­ge­ru­fe­nen an­zei­gen zu las­sen. In Deutsch­land ist das „Call-ID-Spoo­fing“üb­ri­gens schon seit ei­ni­gen Jah­ren ver­bo­ten.

Gibt es Fäl­le in der Re­gi­on Os­na­brück? Im­mer wie­der und im­mer mehr, wie An­ke Die Os­na­brü­cker Po­li­zei warnt vor Trick­be­trü­gern, die sich am Te­le­fon als Po­li­zis­ten aus­ge­ben, um sich das Ver­trau­en ih­rer Op­fer zu er­schlei­chen. Die Hin­ter­män­ner ver­mu­tet die Staats­an­walt­schaft in der Tür­kei.

Ham­ker be­rich­tet. Er­schre­ckend sei der An­stieg der Fall­zah­len: Wur­den in Stadt und Land­kreis Os­na­brück in 2016 noch 29 Fäl­le an­ge­zeigt, so sind es al­lei­ne in die­sem Jahr schon 109. Die Dun­kel­zif­fer dürf­te da­bei noch weit­aus hö­her lie­gen.

Für Auf­se­hen sorg­te ein Fall, der sich im Ju­li im Os­na­brü­cker Süd­kreis er­eig­ne­te: Nur dank der Auf­merk­sam­keit ei­ni­ger Bank­an­ge­stell­ter konn­te ver­hin­dert wer­den, dass ein äl­te­res Ehe­paar in Bad Ro­then­fel­de um sei­ne Er­spar­nis­se ge­bracht wur­de. Ein un­be­kann­ter An­ru­fer – eben­falls ein ver­meint­li­cher Po­li­zist – hat­te nach Wert­ge­gen­stän­den, Ver­mö­gens­wer­ten und Kon­ten ge­fragt. An­geb­lich füh­re sei­ne Di­enst­stel­le im Bun­des­kri­mi­nal­amt ver­deck­te Er­mitt­lun­gen ge­gen ei­ne Ver­bre­cher­ban­de. Das Ehe­paar wur­de an­ge­wie­sen, ein Wert­pa­pier­de­pot auf­zu­lö­sen und das Bar­geld mit nach Hau­se zu neh­men. Der Ehe­mann folg­te den An­wei­sun­gen und for­der­te sei­ne Bank auf, das De­pot auf­zu­lö­sen. Die Bank­an­ge­stell­ten Chris­ti­an Ba­gung, Staats­an­walt

wur­den je­doch stut­zig und in­for­mier­ten die Po­li­zei. Wie sich her­aus­stell­te, lief der Mann Ge­fahr, Op­fer ei­ner über­re­gio­nal agie­ren­den Be­trü­ger­ban­de zu wer­den.

Wer steckt hin­ter den Be­trugs­fäl­len? Die Staats­an­walt­schaft Os­na­brück er­mit­telt

nach ei­ge­nen An­ga­ben be­reits seit meh­re­ren Jah­ren in zahl­rei­chen Fäl­len von „Call-ID-Spoo­fing“und Te­le­fon­be­trug. Wäh­rend sich die Be­trugs­ma­schen in den ver­gan­ge­nen Jah­ren im­mer wie­der ver­än­der­ten, blieb ei­nes gleich: Ein Groß­teil der Tä­ter ope­riert of­fen­bar von der Tür­kei aus, wie Chris­ti­an Ba­gung, Spre­cher der Staats­an­walt­schaft, auf Nach­fra­ge un­se­rer Re­dak­ti­on er­klärt. Die be­trü­ge­ri­schen An­ru­fe wür­den von il­le­ga­len, teil­wei­se aber auch von le­ga­len Call­cen­tern ge­tä­tigt.

Mit gro­ßem Auf­wand ge­lin­ge es den deut­schen Straf­ver­fol­gungs­be­hör­den im­mer wie­der, Hin­ter­män­ner in der Tür­kei zu iden­ti­fi­zie­ren, sagt Ba­gung. Zu be­fürch­ten ha­ben die­se im Ge­gen­satz zu ih­ren in Deutsch­land agie­ren­den Mit­tä­tern mo­men­tan aber nicht viel. „Die Ver­fol­gung der Hin­ter­män­ner hat

ak­tu­ell in der Tür­kei an­schei­nend nicht die al­ler­höchs­te Prio­ri­tät“, sagt der Spre­cher. Zwar wur­de – auch nach Hin­wei­sen aus Deutsch­land – im Jahr 2014 ein be­trü­ge­ri­sches Call­cen­ter in Istan­bul aus­ge­ho­ben, im Zu­ge der be­las­te­ten Be­zie­hun­gen zwi­schen den bei­den Län­dern sei­en sol­che Er­fol­ge je­doch rar ge­wor­den. „Mo­men­tan kom­men wir an die Haupt­tä­ter in der Tür­kei schlicht­weg nicht ran, auch wenn wir wis­sen, wer sie sind“, so Ba­gung.

Wer ge­hört zur Ziel­grup­pe? In der Re­gel ha­ben sich die Be­trü­ger äl­te­re Men­schen als po­ten­zi­el­le Op­fer aus­ge­sucht, die ziel­ge­rich­tet und sys­te­ma­tisch an­ge­ru­fen wer­den. Die Tä­ter be­die­nen sich laut Ba­gung da­bei an Da­ten­sät­zen, die sie über le­ga­le und il­le­ga­le We­ge aus Deutsch­land be­zie­hen. Da­rin ge­spei­chert sind oft de­tail­lier­te In­for­ma­tio­nen über Adres­se,

Al­ter, Bank­ver­bin­dung und bei­spiels­wei­se so­gar abon­nier­te Zeit­schrif­ten der Op­fer. „Die Da­ten­ban­ken wer­den sys­te­ma­tisch aus­ge­wer­tet, und genau­so sys­te­ma­tisch wer­den die Op­fer dann an­ge­ru­fen“, sagt Ba­gung.

Äl­te­re Men­schen sind gleich aus meh­re­ren Grün­den bei den Tä­tern be­liebt, wie Po­li­zei­spre­che­rin Ham­ker er­klärt: „Sie ha­ben in der Re­gel gro­ßes Ver­trau­en in die Po­li­zei, ver­fü­gen recht häu­fig über ve­ri­ta­ble Geld­be­trä­ge oder Wert­ge­gen­stän­de und sind tech­nisch meist nicht so be­wan­dert wie jün­ge­re Per­so­nen.“Da­her sei­en sie fast schon per­fek­te Op­fer für die Be­trü­ger.

Wo­zu rät die Po­li­zei? Ham­ker emp­fiehlt, nie­mals mit Un­be­kann­ten über per­sön­li­che und fi­nan­zi­el­le Ver­hält­nis­se am Te­le­fon zu spre­chen: „Auch wenn die An­ru­fer über­zeu­gend klin­gen, soll­te man sich nicht un­ter Druck set­zen las­sen.“Am bes­ten sei es, das Ge­spräch ein­fach zu be­en­den und den Hö­rer auf­zu­le­gen. Auch wenn die 110 sym­bol­haft für die Po­li­zei ste­he, sei klar: „Die Po­li­zei ruft nie­mals un­ter der 110 an und wird auch nie­mals um Geld bit­ten“, sagt Ham­ker. Die Po­li­zei­spre­che­rin ap­pel­liert, in Fa­mi­li­en mehr über The­men die­ser Art zu re­den. „Es ist un­heim­lich wich­tig, gera­de äl­te­re Fa­mi­li­en­an­ge­hö­ri­ge zu sen­si­bi­li­sie­ren.“

Mehr zum The­ma Po­li­zei und Kri­mi­na­li­tät le­sen Sie im NOZ-The­men­por­tal auf noz.de/blau­licht Erst­mals bie­tet die Awi­go am heu­ti­gen Sams­tag, 12. Au­gust, ei­ne ge­heim­nis­wah­ren­de Ent­sor­gung von Da­ten­trä­gern an. In der Zeit von 9 bis 11 Uhr kön­nen Pri­vat­per­so­nen aus dem Land­kreis am Re­cy­cling­hof in Georgsmarienhütte (Nie­der­sach­sen­stra­ße 19, Zu­fahrt über die Os­ter­hei­de 16) al­te Da­ten­trä­ger vom Ak­ten­ord­ner bis zur Fest­plat­te da­ten­schutz­kon­form ent­sor­gen. Spe­zi­el­le Si­cher­heits­be­häl­ter wer­den da­für auf­ge­stellt. Die Awi­go ko­ope­riert hier­für mit der Reiss­wolf Ak­ten­und Da­ten­ver­nich­tung Gm­bH aus Har­se­win­kel. Vie­les lässt sich kos­ten­los ab­ge­ben. Für die Ent­sor­gung von Fest­plat­ten fällt hin­ge­gen ein Ent­gelt von fünf Eu­ro pro Stück an.

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