No­ma­den mit Pro­ble­men

Im Aus­land auf Ar­beits­su­che: Iri­sche Land­fah­rer in Deutsch­land un­ter­wegs

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Weltspiegel -

Wo sie cam­pen, sor­gen sie schnell für Auf­se­hen und Be­schwer­den von An­woh­nern – zu­letzt auch wie­der in Deutsch­land. Da­bei fol­gen sie nur ih­rer Tra­di­ti­on: Iri­sche Tra­vel­ler, die in die­sem Som­mer auch in den Nie­der­lan­den und in Bul­ga­ri­en un­ter­wegs sind, tref­fen vie­ler­orts auf Vor­ur­tei­le.

Da­bei sei das Aus­maß der Wan­der­be­we­gung ge­rin­ger, als es die Schlag­zei­len ver­mu­ten las­sen, be­tont ein Spre­cher der iri­schen Tra­vel­lerBe­we­gung ITM in Du­blin. „Ei­ni­ge Fa­mi­li­en mö­gen zum Ar­bei­ten ins Aus­land rei­sen, et­wa zum Tee­ren. Aber es gibt tra­di­tio­nell im Som­mer kei­nen all­ge­mei­nen Exo­dus.“

Dieb­stäh­le, Lärm, Sach­be­schä­di­gung, Müll­ber­ge nach il­le­ga­lem Cam­pen - so man­ches wird den Land­fah­rern auf ih­ren Rei­sen vor­ge­wor­fen, zu­letzt auch in Neuss, Düs­sel­dorf, Keve­la­er und Hürth. In Auch am Rhein nicht will­kom­men: Un­ter Be­ob­ach­tung der Po­li­zei müs­sen die iri­schen Land­fah­rer die Düs­sel­dor­fer Rhein­wie­se räu­men.

Iser­lohn im Sau­er­land wa­ren am Don­ners­tag rund 500 Tra­vel­ler auf­ge­taucht, zo­gen in die Kn­ei­pen, sol­len teil­wei­se durch ag­gres­si­ves Ver­hal­ten auf­ge­fal­len sein.

Die Po­li­zei nahm ei­nen 20-Jäh­ri­gen in Ge­wahr­sam, der den Hit­ler­gruß ge­zeigt ha­ben soll. Sie er­mit­telt we­gen Tank­be­trugs und Dieb­stahls, führ­te in der Nacht

groß­an­ge­leg­te Kon­trol­len durch. Die Grup­pe räum­te wie von der Stadt ge­for­dert Frei­tag­mit­tag das Feld. Meist be­kom­men die Wild­cam­per die Er­laub­nis der Städ­te, für ei­ne Nacht zu blei­ben.

„Viel Lärm um nichts“, sagt da­ge­gen der Be­trei­ber ei­nes Cam­ping­plat­zes in Eppstein na­he Frank­furt. Rund 60 bis 100 Land­fah­rer sei­en im Früh­ling wie je­des Jahr rund zwei Mo­na­te auf sei­nem Platz ge­we­sen. „Es ist wie im­mer harm­los ver­lau­fen.“

Laut ITM gibt es in Ir­land rund 25 000 Tra­vel­ler oder fast 4500 Tra­vel­ler-Fa­mi­li­en. Die­se Min­der­heit führt tra­di­tio­nell ein No­ma­den­le­ben. Mit­glie­der der Ge­mein­de ar­bei­ten üb­li­cher­wei­se als Klemp­ner, Blech­schmie­de, Huf­schmie­de, Pfer­de- und Schrott­händ­ler.

Nach ei­ner Stu­die des Uni­ver­si­ty Col­le­ge Du­blin von 2010 ist die Le­bens­er­war­tung ei­nes männ­li­chen Tra­vel­lers mit 61,7 Jah­ren rund 15 Jah­re nied­ri­ger als die ei­nes Man­nes aus der Ge­samt­be­völ­ke­rung. Tra­vel­ler-Frau­en wur­den im Schnitt 70,1 Jah­re alt. Die Sui­zid­ra­te ist sechs­mal so hoch wie in der Ge­samt­be­völ­ke­rung.

Vie­le glau­ben, dass die Tra­vel­ler in Ir­land wäh­rend der Hun­gers­not im 19. Jahr­hun­dert ih­res Lan­des ent­eig­net wur­den. Doch For­scher fan­den kürz­lich her­aus, dass die Tra­vel­ler schon um 1650 als se­pa­ra­te Grup­pe auf­tauch­ten. Wis­sen­schaft­ler des Roy­al Col­le­ge of Sur­ge­ons in Du­blin und der bri­ti­schen Uni­ver­si­tät Edin­burgh er­klä­ren ge­ne­ti­sche Un­ter­schie­de zwi­schen Tra­vel­ler-Ge­mein­de und sess­haf­ter Be­völ­ke­rung da­mit, dass die Land­fah­rer jahr­hun­der­te­lang iso­liert wa­ren.

Nach jah­re­lan­gen Kämp­fen er­kann­te das iri­sche Par­la­ment am 1. März die­ses Jah­res die Tra­vel­ler als eth­ni­sche Min­der­heit an.

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