Koll­witz-Mu­se­um ver­liert wohl Do­mi­zil im Ber­li­ner Wes­ten

Pri­vat­mu­se­um der in der NS-Zeit ver­fem­ten Künst­le­rin soll we­gen ei­ner neu­en Exil-Dau­er­aus­stel­lung wei­chen

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Kultur -

Es gibt im Ber­li­ner Wes­ten kaum ei­ne no­ble­re Kul­tu­r­adres­se als die Fa­sa­nen­stra­ße 24/25. Dort re­si­die­ren das re­nom­mier­te Kun­st­auk­ti­ons­haus „Vil­la Grie­se­bach“und seit 1986 das ein­zi­ge Ber­li­ner Käthe­Koll­witz-Mu­se­um – in nächs­ter Nä­he zum Li­te­ra­tur­haus. Doch bis zum Jah­res­en­de soll nun die Koll­witz-Samm­lung mit et­wa 200 Zeich­nun­gen und Druck­gra­fi­ken, 15 Ori­gi­nal­pla­ka­ten und vie­len plas­ti­schen Bild­wer­ken ei­nem ge­plan­ten Exil­mu­se­um wei­chen. Ein neu­er Stand­ort ist noch nicht ge­fun­den, der Trä­ger­ver­ein ver­sucht den Zwangs­um­zug zu ver­hin­dern.

Un­be­quem heu­te wie da­mals? Die ra­di­ka­le Pa­zi­fis­tin Koll­witz (1867–1945) hat mit ih­ren Li­tho­gra­fi­en, Ra­die­run­gen, Kup­fer­sti­chen, Holz­schnit­ten und Plas­ti­ken den „so­zi­al­kri­ti­schen Rea­lis­mus“ge­prägt. Sie ver­lieh dem Schmerz der Müt­ter über ih­re ge­fal­le­nen Söh­ne Aus­druck und gab der ver­ar­men­den Ar­bei­ter­schaft ei­ne Stim­me. Sie starb, nach­dem ih­re Ber­li­ner Woh­nung mit vie­len ih­rer Ar­bei­ten aus­brann­te, als ver­fem­te Künst­le­rin 1945 in Mo­ritz­burg. We­ni­ge Tage da­nach en­de­te das Hit­ler­re­gime.

Im März die­ses Jah­res er­öff­ne­te Bernd Schultz, Grün­der des Auk­ti­ons­hau­ses „Vil­la Grie­se­bach“und In­ha­ber des Ge­bäu­des in der Fa­sa­nen­stra­ße, dem Trä­ger­ver­ein des Koll­witz-Mu­se­ums, dass er das Haus bis zum Jah­res­en­de räu­men müs­se. Als Er­satz­quar­tier bot Schultz ein Mehr­zweck­ge­bäu­de in der Die Plas­tik

Neu­köll­ner Karl-Marx-Stra­ße an. In die­sen Ta­gen schei­ter­ten je­doch die Ver­hand­lun­gen. Das Ge­bäu­de sei, so der Trä­ger­ver­ein, bau­lich für ein Mu­se­um nicht ge­eig­net. Die Mie­te sei nicht be­zahl­bar.

Zu­dem droh­ten Leih­ge­ber, ih­re Wer­ke im Fal­le ei­nes Um­zu­ges zu­rück­zu­for­dern. Ge­hal­ten wer­den konn­te der teu­re bis­he­ri­ge Stand­ort in Char­lot­ten­burg nur, weil Schultz mit ei­ner Stif­tung das Mu­se­um bis vor Kur­zem mä­ze­na­tisch un­ter­stützt hat­te. Dass Schultz nun das Koll­witz-Mu­se­um um­sie­deln möch­te, stößt in Kul­tur­krei­sen auf Em­pö­rung. In der Ber­li­ner Kul­tur­sze­ne wird die­ser Vor­schlag kri­tisch ge­se­hen: Soll nun aus­ge­rech­net die­se po­li­tisch ver­folg­te Künst­le­rin wie­der wei­chen müs­sen?

Die Su­che nach ei­nem neu­en Stand­ort geht wei­ter. Gin­ge es nach Schultz, soll­te das Mu­se­um künf­tig in ei­nem ehe­ma­li­gen Ar­bei­ter­vier­tel wie dem Prenz­lau­er Berg be­hei­ma­tet sein. Dass dort be­reits der Koll­witz­platz ih­ren Na­men führt, wo die Künst­le­rin von 1891 bis 1943 leb­te, wird als Ar­gu­ment ein­ge­bracht. Doch der Pan­kower Orts­bür­ger­meis­ter fin­det kein Ge­bäu­de, das nicht durch teu­re Sa­nie­rungs­kos­ten je­den fi­nan­zi­el­len Rah­men spren­gen wür­de.

Der Trä­ger­ver­ein hat ein wei­te­res Pro­blem. Nicht nur die äu­ße­re Struk­tur des Mu­se­ums ist ge­fähr­det, auch die in­ne­re Struk­tur droht ins Wan­ken zu ge­ra­ten. Im Ju­li quit­tier­te die Mu­se­ums­lei­te­rin Iris Berndt ent­nervt ih­ren Di­enst. Der Schwe­be­zu­stand macht ih­rer An­sicht nach kei­ne qua­li­ta­ti­ve Mu­se­ums­ar­beit mehr mög­lich.

Ist Kä­the Koll­witz, wie es in der De­bat­te an­klingt, nicht längst sa­lon­fä­hig für den Wes­ten? Ihr En­kel Ar­ne Koll­witz ist em­pört: „In Char­lot­ten­burg ent­stand die Ber­li­ner Mo­der­ne, zu der mei­ne Groß­mut­ter zählt, die von den Kom­mu­nis­ten fälsch­li­cher­wei­se als Klas­sen­kämp­fe­rin ver­ein­nahmt wur­de.“Er hofft auf die Un­ter­stüt­zung des Ber­li­ner Se­nats.

„Selbst­bild­nis“von Kä­the Koll­witz. Fo­to: dpa

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