Wor­kaho­lis­mus: Ich kann nicht still sit­zen

Wenn Ar­beit zur Sucht wird, braucht es pro­fes­sio­nel­le the­ra­peu­ti­sche Hil­fe

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Jobwelt -

HAM­BURG. Bei dem Wort Sucht denkt man meist an Dro­gen­jun­kies oder vi­el­leicht Spiel­süch­ti­ge. Doch auch Ar­beit kann ab­hän­gig ma­chen, sagt die Psy­cho­lo­gin Ute Ra­de­ma­cher, Pro­fes­so­rin an der ISM In­ter­na­tio­nal School of Ma­nage­ment in Ham­burg. Sie hat ein Buch über den so­ge­nann­ten Wor­kaho­lis­mus ge­schrie­ben.

Den Be­griff Wor­kaho­lic gibt es schon län­ger. Aber ist Ar­beits­sucht ei­ne Krank­heit?

Stu­di­en be­le­gen, dass man auch nach Ar­beit süch­tig wer­den kann. Wenn wir die Kri­te­ri­en der Welt­ge­sund­heits­or­ga­ni­sa­ti­on an­le­gen, er­füllt die Ar­beits­sucht al­le Kri­te­ri­en. Sie ist ei­ne so­ge­nann­te sub­st­an­z­un­ab­hän­gi­ge Ver­hal­tens­sucht, ähn­lich wie Glücks­spiel- oder Sex­sucht. Kli­nisch und von den Kran­ken­kas­sen ist das zwar

Ute Ra­de­ma­cher von der In­ter­na­tio­nal School of Ma­nage­ment in Ham­burg. noch nicht an­er­kannt – ich ge­he aber da­von aus, dass sich das in Zu­kunft än­dern wird.

Woran er­ken­ne ich Ar­beits­sucht?

Das größ­te Alarm­zei­chen ist, wenn Sie sich nicht gut füh­len, wenn Sie nichts zu tun ha­ben. Wenn Sie nicht mehr ein­fach mal sit­zen und den Tag ge­nie­ßen kön­nen, wenn Sie heim­lich ar­bei­ten und da­für so­gar Ih­re Fa­mi­lie an­lü­gen oder wenn Sie Ar­beit mit nach Hau­se neh­men.

Was hilft da­ge­gen? Sport? Das wird oft ge­ra­ten – „Such dir ei­nen Aus­gleich.“Aber das ist auch nicht im­mer die Lö­sung. Denn vie­le Ar­beits­süch­ti­ge ma­chen dann nicht zwei­mal die Wo­che Yo­ga, son­dern trai­nie­ren sich in sechs Wo­chen fit für den Halb­ma­ra­thon. Das ist dann eher Teil der Sucht. Ich dre­he das ger­ne um und fra­ge „Wann ma­chen Sie ein­fach mal nichts? Und wie füh­len Sie sich da­bei?“Wenn Sie kei­ne Ant­wort wis­sen, wird es kri­tisch.

Es sind al­so Ma­na­ger und Füh­rungs­kräf­te, die be­son­ders ge­fähr­det sind?

Es gibt un­ter­schied­li­che Ty­pen von Ar­beits­süch­ti­gen. Sehr ge­fähr­det sind tat­säch­lich die, die viel Ver­ant­wor­tung tra­gen. Wenn im Job viel von mir ab­hängt, ist es na­tür­lich­schwe­rer, pünkt­lich den Stift fal­len zu las­sen. Aber da sind auch die Be­rufs­tä­ti­gen, die sich sehr mit ih­rem Job iden­ti­fi­zie­ren – in der Kran­ken- und Al­ten­pfle­ge gibt es das viel, un­ter Po­li­ti­kern auch. Für die­se Men­schen ist das Los­las­sen oft sehr schwer.

Das gibt es ja auch im Pri­vat­le­ben, da ist es so­gar po­si­tiv be­setzt.

Ar­beits­sucht hängt nicht nur mit Er­werbs­ar­beit zu­sam­men. Es gibt auch Müt­ter, die es schwer er­tra­gen kön­nen, wenn nicht al­les per­fekt ist. Und im Klein­gar­ten­und im Sport­ver­ein gibt es Leu­te, die sich über­all en­ga­gie­ren und da­bei ver­aus­ga­ben. Aber den größ­ten An­teil macht die Er­werbs­ar­beit aus.

Kön­nen die Un­ter­neh­men da ge­gen­steu­ern?

Da wird im Be­reich der be­trieb­li­chen Ge­sund­heits­vor­sor­ge schon viel ge­macht. Denn na­tür­lich kann man Ar­beits­be­din­gun­gen schaf­fen, um Sucht nicht zu för­dern. Das hängt et­wa von der Feh­lero­der Be­för­de­rungs­kul­tur ab: Wie per­fek­tio­nis­tisch muss ich sein, um nach oben zu kom­men? Wird eher viel Ar­beit be­lohnt oder gu­te Ide­en? Und na­tür­lich sind auch Vor­ge­setz­te und Kol­le­gen ge­fragt, ih­re Mit­ar­bei­ter zu un­ter­stüt­zen und ge­ge­be­nen­falls ein­zu­grei­fen.

Und was kann ich selbst tun, um mich zu schüt­zen?

Ich kann mehr Raum schaf­fen für Din­ge au­ßer­halb der Ar­beit. Ein gu­tes Um­feld mit Freun­den und Fa­mi­lie kann hilf­reich sein, weil es auch Alarm schla­gen kann. Das ist wich­tig. Denn wenn es mich er­wischt hat, kom­me ich oh­ne pro­fes­sio­nel­le the­ra­peu­ti­sche Hil­fe nicht mehr wei­ter. Das ist dann mit drei Coa­ching-St­un­den nicht aus der Welt, son­dern ein lan­ger Weg. Des­halb ist es wich­tig, Ar­beits­sucht mög­lichst früh­zei­tig vor­zu­beu­gen und bei Be­darf ein­zu­grei­fen.

Pro­fes­so­rin

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