Schö­ne Reiz­über­flu­tung

Zu Be­such bei den Clas­sic Days auf Schloss Dyck

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Kfzwelt -

Be­reits seit elf Jah­ren ge­hört ein Be­such der Clas­sic Days auf Schloss Dyck in Jüchen zum Muss für Au­to­be­geis­ter­te. Hier trifft bo­den­stän­di­ge, au­to­mo­bi­le Kost mit H-Kenn­zei­chen auf hoch­ka­rä­ti­ge Wa­re zum Mil­lio­nen­preis. Wir ha­ben uns der Ver­an­stal­tung mit ei­nem Ford Tau­nus der Fünf­zi­ger ge­nä­hert.

Von Patrick Broich

Dass Reiz­über­flu­tung auch et­was Schö­nes sein kann, dür­fen Au­to­fans Jahr für Jahr auf dem Old­tim­er­fes­ti­val Clas­sic Days auf Schloss Dyck er­fah­ren, wo aber­tau­sen­de Fahr­zeu­ge mit dem Charme des Ver­gan­ge­nen um Auf­merk­sam­keit buh­len. Wir ha­ben uns die­ses Jahr mit ei­nem Ford Tau­nus 12M selbst un­ter die Ol­die-Fah­rer ge­mischt, um die Re­ak­tio­nen der Be­su­cher durch das of­fe­ne Sei­ten­fens­ter ein­zu­fan­gen.

Die Vi­si­te beim Was­ser­schloss am Old­ti­mer-Wo­che­n­en­de ist so ei­ne Mi­schung aus Last und Lust – man muss schon die letz­ten zwei­ein­halb Ki­lo­me­ter Weg als Ziel be­trach­ten, dann macht es Spaß. Im Stau vor uns lässt ein Fah­rer den V6Mo­tor sei­nes Di­no 246 auf­heu­len und geht fast auf Tuch­füh­lung zum Vor­der­mann. Er steht mit sei­ner ras­si­gen Schön­heit eben­so im Stau wie wir mit un­se­rem schlich­ten Funk­ti­ons­fahr­zeug. JÜCHEN.

Jetzt stö­ren die be­schau­li­chen 38 PS we­nigs­tens nicht, die den mit Drei­gang-Schalt­ge­trie­be aus­ge­rüs­te­ten Vier­me­ter-Ford an­sons­ten al­ler­dings hur­ti­ger auf Tr­ab brin­gen, als man ver­mu­tet hät­te. Das heißt je­doch nicht, dass er für den heu­te quir­li­gen Ver­kehr sou­ve­rän mo­to­ri­siert wä­re – spä­tes­tens am Berg er­lei­det man noch ein­mal, was frü­her Usus war. Man­che Ver­kehrs­teil­neh­mer neh­men aber auch Rück­sicht, wenn sich der Au­to­r­ent­ner von 65 Jah­ren et­was lang­sa­mer als der Durch­schnitt, aber im­mer­hin be­harr­lich den Weg bahnt. Trotz­dem, das me­tall­ge­wor­de­ne Stück Er­in­ne­rung be­rei­tet Lau­ne.

Ziel­ge­ra­de er­reicht, der graue Tau­nus 12M mit der be­rühm­ten Welt­ku­gel im Küh­ler­grill und Köln-Wap­pen auf dem Lenk­rad hat es auf das Ge­län­de am Ran­de des Schloss­parks ge­schafft. Jetzt geht es im Schritt­tem­po, dicht um­ge­ben von Men­schen zu je­nem Platz, an dem auch die Au­to­her­stel­ler wer­ben dür­fen – frei­lich um Neu­wa­gen-Kun­den mit teils schi­cken Zelt-Kon­struk­tio­nen. Rund 40000 Be­su­cher zählt das Schloss an den Ta­gen der Au­to­nar­ren – ein schö­nes Ge­fühl, nicht al­lei­ne zu sein. Auf den Clas­sic Days füh­len sich nur we­ni­ge al­lei­ne, vor­aus­ge­setzt, sie kön­nen sich für rol­len­des Blech be­geis­tern. Und das gibt es hier in ziem­lich vie­len Va­ri­an­ten – auch der Old­ti­mer be­wegt sich in ei­ner plu­ra­lis­ti­schen Kul­tur und lie­fert Fas­zi­na­ti­on durch Viel­fäl­tig­keit. Ei­ne Ford Welt­ku­gel be­kommt man schon für un­ter 10 000 Eu­ro – das Ci­trö­en DS Ca­brio, das gleich ne­ben dem Köl­ner ge­parkt hat, kann auch schon mal das Drei­zehn­fa­che kos­ten.

Wir sind jetzt längst zu Fuß un­ter­wegs, schie­ben uns durch die Mas­sen von Men­schen. Die Clas­sic Days sind ein biss­chen wie ein gro­ßer Rum­mel­platz – nur eben für Au­to­freaks. So wie es auf der Kir­mes ei­ne Viel­zahl an Fahr­ge­schäf­ten gibt, fin­det man rund um das Was­ser­schloss ver­schie­de­ne The­men­zo­nen. Auf der Oran­ge­rie-Halb­in­sel un­mit­tel­bar am Haupt­ge­bäu­de prä­sen­tie­ren sich die „Je­wels“in vol­lem Glanz. Dort tum­meln sich Fahr­zeu­ge, so sel­ten, dass vie­le Be­su­cher sie noch nie­mals zu­vor auf der Stra­ße oder sonst wo ge­se­hen ha­ben. Man­che mit be­kann­tem Mar­ken­na­men, zum Bei­spiel der Fer­ra­ri 195 In­ter – man­che der All­ge­mein­heit aber auch eher un­be­kannt, dar­un­ter Ex­em­pla­re wie Al­vis oder Ro­sen­gart.

Bo­den­stän­di­ge Ver­tre­ter

Für den Marsch von der Oran­ge­rie-Halb­in­sel mit den teils mil­lio­nen­schwe­ren Pre­zio­sen bis zum Miscan­thus­feld (da­bei han­delt es sich um ei­ne be­stimm­te Schil­fart), wo bo­den­stän­di­ge Ver­tre­ter ver­schie­de­ner Mar­ken­clubs ne­ben ih­ren Fahr­zeu­gen aus­har­ren und bei Li­mo­na­de und Grill­wurst mit Fly­ern auf sich auf­merk­sam ma­chen, ver­ge­hen rund 15 Mi­nu­ten. Bei ei­nem sol­chen Streif­zug be­geg­net man noch den his­to­ri­schen Cam­pern, die ne­ben dem Zug­fahr­zeug aus Alt­blech auch noch ihr rol­len­des Zu­hau­se im Schlepp­tau ha­ben, in dem sie stil­echt auf dem Are­al über­nach­ten.

Knat­tern im Dau­er­takt

Und dann ist da ja auch noch die Renn­stre­cke. Da­zu wird ein­fach ein Teil der um­lie­gen­den Land­stra­ßen ge­sperrt, Heu­bal­len an die Kur­ven­rän­der ge­hievt und Bäu­me mit Mar­kie­rungs­stof­fen aus­staf­fiert. Hier knat­tern fast im Dau­er­takt al­te Mo­no­pos­to-Wa­gen, wuch­ti­ge Bent­ley oder Mer­ce­des mit Kom­pres­sor-Trieb­wer­ken – aber aus Spaß an der Freu­de eben auch die von Ford Köln mit­ge­brach­te Flot­te in­klu­si­ve Lie­fer­wa­gen und un­se­rer Welt­ku­gel, die sich ge­mäch­lich und den­noch wan­kend um die Spitz­keh­ren kämp­fen.

Die Clas­sic Days auf Schloss Dyck sind so um­fang­reich, dass selbst ein kom­plet­tes Wo­che­n­en­de kaum aus­reicht, um al­les Dar­ge­bo­te­ne zu er­fas­sen. Reiz­über­flu­tung auf schö­ne Wei­se. Ge­gen Nach­mit­tag steht ein Rol­len­tausch dop­pel­ter Art an. Zu­nächst wie­der vom Fuß­gän­ger zum Au­to­fah­rer. Dann er­folgt ein Zeit­sprung von den frü­hen Fünf­zi­gern zu den Mittacht­zi­gern: Das Ge­fährt für den Rück­weg ist ein 150 PS star­ker Ford Gra­na­da 2,8i Tur­nier aus dem Jahr 1984. Um vom Ge­län­de zu kom­men, wird noch ei­ne Schluss­run­de über die ei­gens ab­ge­steck­te Renn­stre­cke fäl­lig, be­vor der ge­schmei­dig agie­ren­de Sechs­zy­lin­der in Rich­tung Köln glei­tet. Zum Ab­schied zei­gen sich noch ein­mal breit grin­sen­de Ge­sich­ter und win­ken­de Hän­de. Das ist wohl Glück auf au­to­mo­bi­le Art.

Das Old­tim­er­festi­cal Clas­sic Days auf Schloss Dyck ist seit elf Jah­ren ein Muss für Au­to­be­geis­ter­te und im­mer ei­nen Be­such wert. Fo­tos: SP-X/Patrick Broich

Hin­ter ei­nem Fer­ra­ri Di­no geht es auf das Ge­län­de.

Der Kä­fer-Zug der Au­to­stadt.

Die „Je­wels“im Park.

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