Chi­ne­sisch-Kurs im Kin­der­gar­ten

Gren­zen der Früh­för­de­rung: Wie leis­tungs­ori­en­tiert soll, darf und muss Päd­ago­gik sein?

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - In Der Familie -

Ni hao, lie­be Co­rin­na!

Zu­erst mal vie­len Dank für Dei­ne An­re­gung, über Chi­ne­sisch-Kur­se in der Ki­ta zu schrei­ben. Was Kin­der ler­nen sol­len, ist ver­mut­lich noch hef­ti­ger um­strit­ten als die Fra­ge, was man ih­nen zu es­sen an­bie­tet, oh­ne sie mit Lak­to­se, Glu­ten oder Zu­cker zu ver­gif­ten. Herz­lich will­kom­men im We­s­pen­nest.

Na­tür­lich war auch ich selbst schon als Schü­ler ein ver­sier­ter Bil­dungs­po­li­ti­ker. Wenn wir uns vor der Kur­ven­dis­kus­si­on drü­cken woll­ten, war un­ser Stan­dar­dar­gu­ment die All­tags­fer­ne des Stoffs. Das scheint noch im­mer so zu sein; sonst wä­re vor zwei Jah­ren nicht der Tweet ei­ner 17-Jäh­ri­gen so durch die De­cke ge­gan­gen, die sich im Un­ter­richt lie­ber mit Steu­er­er­klä­run­gen be­schäf­ti­gen woll­te als mit Ly­rik. (Was für ein Wahn­sinn. Ich bin si­cher, das Mäd­chen hat­te statt bil­li­ger Jus­tin-Bie­ber-Pos­ter die ele­gan­ten Au­to­gramm­kar­ten cha­ris­ma­tischs­ter Steu­er­be­ra­ter im Ju­gend­zim­mer.) Ei­ne Stan­dard­ant­wort ist, dass man in der Schu­le vor al­lem das Ler­nen lernt – ei­ne Kom­pe­tenz, die auch dann noch bleibt, wenn man die vier Grund­re­chen­ar­ten längst wie­der glück­lich ver­ges­sen hat. Und es stimmt: Gera­de die Steu­er­er­klä­rung be­wäl­ti­ge ich heu­te nur dank mei­ner im Ma­the-Un­ter­richt er­wor­be­nen Fä­hig­keit, schick­sals­er­ge­ben ir­gend­wel­che Zah­len in un­ver­stan­de­ne Glei­chun­gen zu set­zen. Es geht nie nur um den Inhalt, son­dern im­mer auch um die Hal­tung.

Ge­nau das macht den Chi­ne­sisch-Kurs ja auch zum Hassthe­ma der früh­kind­li­chen För­de­rung – dass er für ei­ne Kar­rie­re­er­war­tung an Drei­jäh­ri­ge steht, die schon in der Win­del für den glo­ba­len Wett­be­werb ge­wapp­net sein sol­len. Bil­dungs­an­ge­bo­te sind Bot­schaf­ten. Mit Freun­den ha­ben wir so­gar bei Er­go- oder

Lo­go­the­ra­pi­en schon ab­ge­wo­gen, ob sie nun wirk­lich nö­tig sind – oder dem Kind nur das Ge­fühl ge­ben, nicht in Ord­nung zu sein.

Trotz­dem wun­dert mich, dass gera­de Chi­ne­sisch-Kur­se so ver­ach­tet wer­den. Ich ken­ne kein ein­zi­ges Kind, das ei­nen be­sucht. Wahr­schein­lich ist gera­de das der Grund da­für, dass man so un­ver­krampft über sie läs­tert. Grund­sätz­lich fän­de ich es aber gar nicht schlecht, wenn mei­ne Kin­der ir­gend­wann mal ei­nen be­le­gen. Ich selbst wä­re je­den­falls sehr viel leich­ter für ei­ne so auf­re­gen­de Fremd­spra­che zu be­geis­tern als für Fid­get Spin­ner, Nin­ja­gos oder die­se aus win­zi­gen, neon­bun­ten Gum­mi­bän­dern ge­knüpf­ten Arm­bän­der und all die an­de­ren ku­rio­sen Din­ge, mit de­nen

Kin­der sich sonst so be­schäf­ti­gen. Vi­el­leicht soll­te ich ein­fach selbst Chi­ne­sisch ler­nen, und sei es auch nur, um mir end­lich ein­zu­prä­gen, ob un­se­re Freun­din aus Hong­kong nun Man­da­rin oder Kan­to­ne­sisch spricht. Ei­ner­seits. An­de­rer­seits traue ich mich es auch wie­der nicht. Wo­mög­lich wür­de ich dann auch ver­ste­hen, was wirk­lich auf der Spei­se­kar­te un­se­res stil­voll ver­schmud­del­ten Stamm-Chi­ne­sen steht. Das kann ich nicht ris­kie­ren.

Herz­li­che Grü­ße Dein Da­ni­el

PS: Lang­wei­len sich Dei­ne Kin­der, wenn Du nicht mit­spielst? Und lang­weilst Du dich, wenn Du es dann doch tust?

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.