Oh­ne E-Gi­tar­ren kein Rock ’n’ Roll

Die Ge­schich­te des elek­tri­schen Sai­ten­in­stru­ments be­gann vor 80 Jah­ren

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Leserbriefe -

Von Micha­el Os­sen­kopp

Am 10. Au­gust 1937 er­hielt der ame­ri­ka­ni­sche Mu­si­ker und Er­fin­der Ge­or­ge Beauch­amp sein Pa­tent auf ein „elek­tri­sches Sai­ten­mu­sik­in­stru­ment“. Ei­nen ers­ten An­trag hat­te Beauch­amp be­reits 1932 ein­ge­reicht, im Ju­ni 1934 woll­te er ei­ne über­ar­bei­te­te Ver­si­on schüt­zen las­sen. Aber es soll­te noch mehr als drei Jah­re dau­ern, bis sei­ne An­sprü­che un­ter der Num­mer US 2,089,171 an­er­kannt wur­den.

Die Be­hör­de zö­ger­te so lan­ge, weil die Funk­ti­ons­wei­se des Ton­ab­neh­mers stark an exis­tie­ren­de Te­le­fon­mi­kro­fo­ne er­in­ner­te. Erst als Beauch­amp ei­ne Mu­sik­grup­pe nach Wa­shing­ton D. C. schick­te und den stren­gen Pa­ten­tie­rungs­be­am­ten mit E-Gi­tar­ren ein Ständ­chen gab, konn­ten sie vom neu­en Sys­tem über­zeugt wer­den. In­zwi­schen wa­ren längst auch elek­tri­sche Gi­tar­ren an­de­rer Fir­men auf dem Markt.

Den­noch war Beauch­amp der „Va­ter“der E-Gi­tar­ren­Ent­wick­lung. Be­reits in den 1920er-Jah­ren hat­te der ge­bür­ti­ge Texa­ner mit der Ver­stär­kung der akus­ti­schen Laut­stär­ke von Zupf- und Streich­in­stru­men­ten in der Fir­ma Na­tio­nal ex­pe­ri­men­tiert. 1925 kün­dig­te er sei­nen Job und bas­tel­te pri­vat wei­ter an der „Ha­waii­an Steel Gui­tar“– auch „Lap Steel Gui­tar“ge­nannt. Gi­tar­rist Beauch­amp war frus­triert, weil sein In­stru­ment bei Auf­trit­ten vor grö­ße­rem Pu­bli­kum im Orches­ter un­ter­ging. Von ihm ent­wi­ckel­te Schall­trich­ter brach­ten auch nicht den ge­wünsch­ten Er­folg, denn es han­del­te sich im­mer noch um ei­ne rein akus­ti­sche und kei­ne elek­tri­sche Laut­ver­stär­kung. Erst als er Adolph Ri­cken­ba­cker ken­nen­lern­te – der seit 1925 ei­ne Me­tall­ma­nu­fak­tur be­saß – kam er auf die rich­ti­ge Spur.

Ri­cken­ba­cker (sei­ne Freun­de nann­ten ihn Rick) stamm­te aus Ba­sel, hieß ei­gent­lich Ri­cken­ba­cher und war 1891 im Al­ter von vier Jah­ren mit El­tern und Ge­schwis­tern nach Ame­ri­ka aus­ge­wan­dert. Ei­nen in den USA be­kann­ten Na­men hat­te schon sein Cou­sin Ed­die, der als Au­to­renn­fah­rer in In­dia­na­po­lis mit 216 St­un­den­ki­lo­me­tern ei­nen Ge­schwin­dig­keits­re­kord auf­ge­stellt hat­te und im Ers­ten Welt­krieg mit 26 Ab­schüs­sen, dar­un­ter al­ler­dings vier Fes­sel­bal­lons, zum bes­ten ame­ri­ka­ni­schen Jagd­flie­ger auf­ge­stie­gen war. Spä­ter wur­de er Prä­si­dent der „Eas­tern Air­lines“.

1931 kon­stru­ier­te Beauch­amp zu­sam­men mit dem In­stru­men­ten­bau­er Paul Barth ei­nen Pro­to­typ der E-Gi­tar­re mit kreis­run­dem Kor­pus und schlan­kem, lan­gem Hals. Die Form er­in­ner­te an ei­ne Brat­pfan­ne (eng­lisch: „Fry­ing Pan“). Mit Kup­fer­draht fer­tig­te Beauch­amp ei­nen elek­tro­ma­gne­ti­schen „Huf­ei­sen-Ton­ab­neh­mer“(„Hor­ses­hoe Pick­up“), den Grund­stein der elek­tri­schen Gi­tar­re. Im glei­chen Jahr grün­de­ten er und Ri­cken­ba­cker die Fir­ma Ro-Pat-In, die sich kurz dar­auf in „Elec­tro String In­stru­ment Cor- po­ra­ti­on“um­be­nann­te und ab 1932 das elek­tri­sche Sai­ten­in­stru­ment in Se­rie bau­te.

Für die Pro­duk­ti­on wur­den die Gi­tar­ren aus ei­nem Alu­mi­ni­um­guss her­ge­stellt. Bis heu­te wird Beauch­amps Pick­up-Sys­tem von fast al­len E-Gi­tar­ren ver­wen­det.

Doch das Ti­ming für den Ge­schäfts­start hät­te schlech­ter nicht sein kön­nen. Zu Be­ginn der Gro­ßen De­pres­si­on hat­te kaum je­mand Geld für ei­ne neue Gi­tar­re. Zu­dem be­sa­ßen Mu­si­ker kei­ner­lei Er­fah­rung mit elek­tri­schen In­stru­men­ten und er­kann­ten auch nicht ihr künf­ti­ges Po­ten­zi­al. Oh­ne die elek­tri­schen Gi­tar­ren hät­te es aber spä­ter kei­nen Rock’n’ Roll und auch kei­ne Rock­mu­sik ge­ge­ben. Von den Beat­les und The Who über Tom Pet­ty bis zu R.E.M. und U2, al­le schwo­ren auf ei­ne „Rick“und mach­ten sie le­gen­där. Auch als Bass­gi­tar­re fand sie gro­ßen An­klang.

Na­tür­lich pro­du­zier­te „Elec­tro String“von An­fang an eben­falls Ver­stär­ker, oh­ne sie funk­tio­nier­ten die E-Gi­tar­ren nicht. Den­noch gin­gen Jah­re ins Land, bis sich ei­gen­stän­di­ge Her­stel­ler von Gi­tar­ren­ver­stär­kern eta­blier­ten. Fen­der, Vox und vor al­lem Mar­shall wur­den be­rühmt mit ih­ren Tür­men auf Rock­kon­zert­büh­nen. Schon kurz nach Ri­cken­ba­cker hat­te auch die Fir­ma Gib­son E-Gi­tar­ren an­ge­bo­ten, aus ei­ner akus­ti­schen Jazz-Gi­tar­re ent­wi­ckel­te sie die ES-150. Aus­nah­me-Gi­tar­rist Char­lie Chris­ti­an vom Ben­ny Good­man Orches­tra mach­te sie po­pu­lär. Da­ne­ben ent­lock­te eben­so Blues-Ve­te­ran T-Bo­ne Wal­ker dem In­stru­ment völ­lig neue Tö­ne.

Der Gi­tar­rist Les Paul, der ei­gent­lich Les­ter Pol­fus hieß, spiel­te wohl als ers­ter Stra­ßen­mu­si­ker ei­ne E-Gi­tar­re. Um sich mehr Ge­hör zu ver­schaf­fen, bas­tel­te er ei­ge­ne Ver­stär­ker. Spä­ter reg­te er dann bei Gib­son die Se­ri­en­fer­ti­gung von Gi­tar­ren an. Ob­wohl er ge­gen En­de der 1940er-Jah­re zu den be­kann­tes­ten Mu­si­kern Ame­ri­kas zähl­te, woll­te ihn die Fir­ma ent­las­sen, denn er hat­te ei­ne „So­lid­bo­dy“ge­for­dert. „Wir bau­en kei­nen Be­sen­stiel mit Sai­ten“, lau­te­te die Ant­wort. Erst 1952 än­der­te Gib­son sei­ne Pro­dukt­pa­let­te und bot ein Les-Pau­lMo­dell an. Sie ist ver­mut­lich die be­rühm­tes­te E-Gi­tar­re, die je­mals ge­baut wur­de.

Ab 1954 misch­te auch Leo Fen­der den Markt mit sei­ner „Es­qui­re“kräf­tig auf, die un­ter den Be­zeich­nun­gen „Tele­cas­ter“, „No­cas­ter“oder „Broad­cas­ter“ver­kauft wur­de. Kurz dar­auf kam die „Stra­to­cas­ter“in die Ge­schäf­te, sie hat­te maß­geb­li­chen Ein­fluss auf die Rock-, Pop-, Jazz- und Blues­mu­sik.

Ob­wohl die al­ten Mo­del­le von Les Paul und Fen­der in­zwi­schen mehr als 60 Jah­re auf dem Bu­ckel ha­ben, hat sich seit­dem im Be­reich der E-Gi­tar­re nichts Re­vo­lu­tio­nä­res mehr ge­tan. An­satz­wei­se Neue­run­gen gab es nur noch 1958 mit Gib­sons Se­mi-Acoustic-Rei­he und der Fi­re­bird-Se­rie von 1963.

Be­reits 1940 hat­te Beauch­amp sei­ne An­tei­le an Ri­cken­ba­cker ver­kauft und die Fir­ma ver­las­sen. Er starb im Jahr dar­auf im Al­ter von nur 42 Jah­ren beim Hoch­see­an­geln an ei­nem Herz­in­farkt. 1953 ver­kauf­te Ri­cken­ba­cher sein Un­ter­neh­men an Fran­cis C. Hall, des­sen Sohn John die Fir­ma noch heu­te führt.

Mitt­ler­wei­le ist der Um­gang mit ei­ner E-Gi­tar­re auch nicht mehr so fremd und ge­fähr­lich wie noch in den 1950er-Jah­ren. Aus En­g­land ist von An­ge­stell­ten in Mu­sik­ge­schäf­ten über­lie­fert, dass der Be­griff „elek­trisch“im Zu­sam­men­hang mit Gi­tar­ren of­fen­bar miss­ver­stan­den wur­de. Sie hat­ten das Gi­tar­ren­ka­bel statt in den Ver­stär­ker di­rekt in die Steck­do­se ge­stöp­selt …

Die Beat­les

Ge­or­ge Har­ri­son und John Len­non spiel­ten Ri­cken­ba­cker-Gi­tar­ren. Un­ten die USPat­ent­zeich­nung für die „Fry­ing Pan“, dar­un­ter die Fir­men­grün­der Adolph Ri­cken­ba­cker (l.) und Ge­or­ge Beauch­amp. Die mo­der­ne Rock­mu­sik, wie zum Bei­spiel von Bil­ly-Ta­lent-Gi­tar­rist Ian D’Sa (ein­ge­klink­tes Bild), wür­de es oh­ne sie nicht ge­ben.

Fo­tos: Ri­cken­ba­cker (3)/imago (2)

Rock-’n’-Roll-Le­gen­de Chuck Ber­ry mit ei­ner E-Gi­tar­re der Fir­ma Gib­son. Fo­to: wi­ki­me­dia/ Pick­wick Re­cor­ds

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