Die Un­zer­trenn­li­chen

Micha­el Her­big, Rick Ka­va­ni­an und Chris­ti­an Tramitz über Freund­schaft und Hu­mor

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Im Gespräch -

Von Chris­ti­an Lang

Zu­rück zu den Wur­zeln: Nach ih­ren Kas­sen­schla­gern „Der Schuh des Ma­ni­tu“und „T(R)aum­schiff Sur­pri­se“be­le­ben Micha­el „Bul­ly“Her­big, Chris­ti­an Tramitz und Rick Ka­va­ni­an in ih­rem neu­en Ki­no­film die TV-Show „bullyparade“wie­der, die sie einst be­rühmt ge­macht hat. Im In­ter­view spre­chen die drei Ko­mi­ker über ih­re Freund­schaft, die Macht der Quo­ten und die Angst vor dem Schei­tern.

Durch Ih­ren neu­en Film zieht sich sehr stark das The­ma Freund­schaft. In­wie­fern trifft auf Sie der Slo­gan zu „Gu­te Freun­de kann nie­mand tren­nen“? Tramitz:

Der passt sehr gut. Wir ha­ben lan­ge mit­ein­an­der durch­ge­hal­ten – zwar mit Pau­sen, aber ein ge­wis­ser Draht hat zwi­schen uns im­mer be­stan­den, nicht nur be­ruf­lich. Dass es nun noch mal zu ei­nem ge­mein­sa­men Film kommt, hät­te von uns trotz­dem wohl nie­mand ge­dacht.

In den sechs Jah­ren, in de­nen wir die TV-Show „bullyparade“pro­du­ziert ha­ben, wa­ren wir kaum zu Hau­se. Un­se­re Frau­en ha­ben uns in der Zeit we­ni­ger ge­se­hen als wir uns. Wir ha­ben per­ma­nent auf­ein­an­der­ge­hockt, ge­schrie­ben, ge­dreht, die Shows auf­ge­zeich­net, wie­der ge­schrie­ben und ge­dreht. Her­big:

Sie ha­ben da­mals und jetzt wie­der sehr viel Zeit mit­ein­an­der ver­bracht. Geht man sich da auch manch­mal ge­hö­rig auf die Ner­ven? Her­big:

Heu­te kön­nen wir dar­über la­chen, aber frü­her ist man sich schon mal auf den Keks ge­gan­gen. Zum Bei­spiel, wenn man Chris­ti­an wie­der al­les hin­ter­her­tra­gen muss­te – vom Schlüs­sel bis zum Schuh (lacht). Ir­gend­wann hat­te ich dar­auf kei­ne Lust mehr.

Gab es Mo­men­te, in de­nen Ih­re Freund­schaft tat­säch­lich auf der Kip­pe stand? Tramitz: Her­big: Klar gab es die.

Ich kann mich so­gar an ei­nen kon­kre­ten Fall er­in­nern. In wel­cher Staf­fel der „bullyparade“das pas­siert ist, kann ich nicht mehr ge­nau sa­gen, aber Rick und ich sa­ßen da­mals beim Abend­es­sen, und ich ha­be zu ihm ge­sagt: „Ent­we­der wir lö­sen das Pro­blem jetzt und rau­fen uns zu­sam­men, oder wir hö­ren mit der TV-Show auf.“Die Freund­schaft war mir wich­ti­ger als die Show. Ich wä­re am nächs­ten Tag zu Pro Sie­ben ge­fah­ren und hät­te den Ver­ant­wort­li­chen mit­ge­teilt, dass die Show vor­bei ist.

Wä­re Ih­re Freund­schaft zer­bro­chen, wenn die „bullyparade“noch wei­ter ge­lau­fen wä­re? Her­big:

Das ist schwer zu sa­gen. Von au­ßen ist es schwer nach­voll­zieh­bar, wie in­ten­siv die Zeit da­mals war. Wir muss­ten stän­dig krea­tiv sein, stän­dig für die Show vor- und nach­pro­du­zie­ren.

Und das Gan­ze noch un­ter im­men­sem Zeit­druck. Es gab Zei­ten, da sa­ßen wir stun­den­lang zu­sam­men, und uns ist nichts ein­ge­fal­len. Da war der Kopf ein­fach leer. Und das ist schlimm, weil man dann auch in Pa­nik ge­rät. Tramitz: Ka­va­ni­an:

Man ist pa­nisch, man ist ge­reizt, man ver­gisst da­bei auch die rich­ti­gen Um­gangs­for­men. Da­durch lei­det auch das Selbst­ver­trau­en. Das war mas­siv so in der ers­ten Staf­fel.

Trotz die­ser Un­stim­mig­kei­ten: War­um har­mo­nie­ren Sie so gut? Tramitz:

Vi­el­leicht, weil wir so un­ter­schied­lich sind.

Wir kön­nen über­ein­an­der la­chen. Es gibt Sa­chen, die sind ein­fach ty­pisch für Chris­ti­an – und dar­über schmei­ßen Rick und ich uns weg. Genau­so wie Her­big: Rick sei­ne lus­ti­gen Ei­gen­hei­ten hat. Und ver­mut­lich ha­be ich auch sol­che Ma­cken. Die an­de­ren zei­gen ei­nem die ei­ge­nen Schwä­chen. Tramitz:

Bei an­de­ren Pro­duk­tio­nen ist oft­mals die Kon­kur­renz das Pro­blem. Aber die gibt es bei uns nicht. Bei uns ist es voll­kom­men lo­gisch, wer wel­che Rol­le spielt – oh­ne dass wir dar­über dis­ku­tie­ren müss­ten.

Die Be­son­der­heit un­se­rer Kon­stel­la­ti­on hat mit un­se­rer Freund­schaft zu tun. Wir wis­sen, dass wir uns un­ter­ein­an­der ge­wo­gen sind und uns mö­gen. Es klingt zwar ein we­nig ro­man­tisch, aber man kann sich ein­fach fal­len las­sen. Ka­va­ni­an: Her­big:

Na ja, weil wir mitt­ler­wei­le die Er­fah­rung ha­ben, wie man ei­nen sol­chen Film pro­du­ziert. Man muss sich in die Zeit von da­mals hin­ein­ver­set­zen: Da­mals gab es kein Youtube, es gab auch kein So­ci­al Media. Was es da­mals gab, war ein Pri­vat­fern­se­hen, das sich et­was ge­traut hat. Die Ver­ant­wort­li­chen ha­ben ge­sagt: „Ja, wir ma­chen das. Wir mi­schen al­les auf.“Und ge­nau in die­ses Fahr­was­ser sind wir ge­ra­ten, so­dass wir uns aus­pro­bie­ren und aus­to­ben konn­ten.

Wie sehr hat sich die­se Aus­gangs­po­si­ti­on im Pri­vat­fern­se­hen ver­än­dert? Tramitz:

Heu­te zählt nur noch die Quo­te. Wenn ei­ne Sen­dung ge­tes­tet wird und die Quo­te schlecht ist, ist sie so­fort weg vom Fens­ter.

In der ers­ten Staf­fel hat­ten wir sehr über­schau­ba­re Ein­schalt­quo­ten. Auch die Zu­schau­er­re­so­nanz war ganz an­ders als heu­te. Um als Zu­schau­er mit dem Sen­der in Kon­takt zu tre­ten, muss­te man an­ru­fen, ein Fax oder ei­nen Brief schrei­ben. Da muss­te sich je­mand schon sehr auf­re­gen, um das zu ma­chen. Heu­te ist es ein Klick auf Face­book, und du wirst vom Hof ge­jagt. Her­big:

Nicht nur das Fern­se­hen hat sich in den ver­gan­ge­nen Jah­ren ver­än­dert, son­dern ein Stück weit auch der Hu­mor, der an­ge­sagt ist. Muss­ten Sie sich für den neu­en Film auch dar­an an­pas­sen? Tramitz:

Nein, das ha­ben wir nicht ge­macht. Wenn man mit so et­was an­fängt, wirkt man un­glaub­wür­dig.

Für ei­nen Künst­ler ist es sehr schwie­rig, wenn er ver­sucht, dem Pu­bli­kum nach dem Mund zu re­den. Das ist au­to­ma­tisch der Mo­ment, in dem man sei­ne Kunst ver­biegt.

Selbst, wenn man es ver­sucht, ist man zu dem Zeit­punkt, an dem der Film in den Ki­nos an­läuft, schon wie­der zu spät dran. Von der Pro­duk­ti­on bis zum Film­start hat sich der Hu­mor mög­li­cher­wei­se schon wie­der ver­än­dert. Dem Zeit­geist hin­ter­her­zu­lau­fen, ist ziem­lich idio­tisch. Ka­va­ni­an: Tramitz: Her­big:

Nun ja, es sind im­mer ei­ne ge­wis­se Sen­si­bi­li­tät und das ei­ge­ne Bauch­ge­fühl ent­schei­dend. Wenn man sich selbst auf den Arm neh­men kann und sich nicht so ernst nimmt, ist das schon mal ei­ne gu­te Gr­und­vor­aus­set­zung. Aber ei­nes ist klar: Die Wit­ze soll­ten nicht be­lei­di­gend sein.

Se­hen Sie der­zeit den Trend in der deut­schen Come­dy-Sze­ne da­hin, dass im­mer mehr Scher­ze auf Kos­ten an­de­rer ge­macht wer­den? Tramitz:

Es ha­ben sich vie­le Rich­tun­gen ent­wi­ckelt. Mit ei­ni­gen kann ich et­was an­fan­gen, mit an­de­ren nicht. Wenn man aber als Co­me­di­an denkt, dass man an­de­ren Men­schen zu sehr an den Kar­ren fah­ren muss, dann kann das ziem­lich lang­wei­lig sein – vor al­lem, wenn es al­le ma­chen. Das ödet die Zu­schau­er dann eher an.

Wir ha­ben das Glück, dass wir in ei­nem Teil der Welt le­ben, wo man grund­sätz­lich fast al­les sa­gen darf. In der Kunst darf man je­des The­ma ar­ti­ku­lie­ren, den­ke ich. Die ent­schei­den­de Fra­ge ist nur: Ist es lus­tig oder nicht? Hu­mor ist et­was sehr In­di­vi­du­el­les. Aber ich bin auch kein Fan von Be­lei­di­gun­gen. Ka­va­ni­an: Gibt es für Sie Ta­bus im Hu­mor, oder kann man über al­les Wit­ze ma­chen? Herr Her­big, von Ih­nen stammt das Zi­tat „Wenn die TV-Show ,bullyparade‘ heu­te im Fern­se­hen lau­fen wür­de, wä­re sie wohl schnell ab­ge­setzt.“War­um glau­ben Sie dann, dass der Film funk­tio­niert?

Kön­nen Sie sich vor­stel­len, auch noch in 10, 20 Jah­ren in die Rol­len von Win­ne­tou, Schrot­ty oder Kai­ser Franz zu schlüp­fen? Tramitz:

Das wird wohl sehr eng bei mir (lacht). Es gibt ja bio­lo­gi­sche Gren­zen. Ich fin­de, es ist im­mer ei­ne Ge­fahr, wenn man das­sel­be macht wie vor 15 Jah­ren. Man muss sich ent­wi­ckeln. Auch die Fi­gu­ren aus der „bullyparade“ha­ben wir für den neu­en Film et­was ge­dreht. Sie sind ein we­nig mit uns ge­al­tert.

Ich kann es, und ich möch­te es mir auch gar nicht vor­stel­len. Ich fin­de, dass dies jetzt ein gu­ter Ab­gang ist. Her­big:

Mit „Der Schuh des Ma­ni­tu“und „(T)Raum­schiff Sur­pri­se“ha­ben Sie die zwei er­folg­reichs­ten deut­schen Fil­me pro­du­ziert. Wird das Trepp­chen nun kom­plet­tiert? Her­big:

Das wä­re der Wahn­sinn, aber mit die­ser Er­war­tungs­hal­tung sind wir nicht an­ge­tre­ten. Ob ein Film er­folg­reich wird, hängt von so vie­len Fak­to­ren ab: Triffst du ei­nen Nerv, wie ist die Kon­kur­renz? Mit den Er­fol­gen der ver­gan­ge­nen Fil­me ha­ben wir prak­tisch kei­ne Chan­ce, noch ei­nen drauf­zu­set­zen.

Ha­ben Sie Angst zu schei­tern, oder sind Sie mit der Zeit ge­las­se­ner ge­wor­den? Ka­va­ni­an:

Ich glau­be schon, dass es am An­fang ein we­nig zwi­cken wür­de. Aber der Film ge­fällt mir. Ich ha­be ihn mir zu 99 Pro­zent so ge­wünscht. Wie das Pu­bli­kum ent­schei­det, dar­auf ha­ben wir nur be­dingt Ein­fluss.

Jetzt, wo der Pre­mie­ren­ter­min nä­her rückt, mer­ke ich schon, wie ich ein Grum­meln im Bauch be­kom­me. Ich re­gis­trie­re, wenn es ne­ga­ti­ve Kri­ti­ken gibt, und den­ke mir dann: „Vi­el­leicht war es doch Blöd­sinn, was wir ver­zapft ha­ben.“

Ich bin im Rei­nen mit dem Film. Es kann uns kei­ner vor­wer­fen, dass wir uns kei­ne Mü­he ge­ge­ben ha­ben. Da steckt viel Spaß und Ar­beit drin. Egal, wie es jetzt aus­geht, der Film be­wirkt et­was un­ge­mein Be­frei­en­des: Wenn es nicht funk­tio­niert, dann kön­nen wir erst recht end­lich ei­nen De­ckel drauf­ma­chen. Tramitz: Her­big:

Auf der Leind­wand wie­der­ver­eint: Rick Ka­va­ni­an, Chris­ti­an Tramitz und Micha­el Her­big (von links). Fo­to: Mar­co Na­gel

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