Im­biss-Ket­te statt Ta­pas-Bar

Im­mo­bi­li­en­boom und zu ho­he Miet­prei­se auf Mallor­ca ma­chen tra­di­tio­nel­len Ca­fés und Ge­schäf­ten den Gar­aus

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Einblicke - Mehr Ar­ti­kel auf noz.de/ver­misch­tes

Von Patrick Schir­mer

Sie ha­be auf Mallor­ca seit Jah­ren ei­ne Rou­ti­ne, er­zählt Yvon­ne Sie­ben­mann. Wenn sie vom Flug­ha­fen mit der Bus­li­nie 1 im Zen­trum Pal­mas an­kommt, geht sie als Ers­tes ge­gen­über in die Bar Cris­tal an der Pla­ça d’ Espanya und trinkt ein Glas Ca­va. „Dann fängt der Ur­laub an.“

Das Tra­di­ti­ons­lo­kal ist nicht nur der Schwei­ze­rin, son­dern un­zäh­li­gen Ein­hei­mi­schen und Be­su­chern sehr ans Herz ge­wach­sen. Lan­ge wird es die Bar Cris­tal mit ih­ren adrett in schwar­zer Ho­se und wei­ßem Hemd ge­klei­de­ten Kell­nern aber nicht mehr ge­ben.

Be­trei­ber To­lo Ra­mis sieht sich ge­zwun­gen, den La­den dicht­zu­ma­chen. „Ei­nen ge­nau­en Ter­min ha­be ich noch nicht“, er­zählt er. „Aber ich rech­ne, dass es im Sep­tem­ber oder Ok­to­ber so weit ist.“25 000 Eu­ro soll dem­nach die neue Mo­nats­mie­te be­tra­gen. „Plus Mehr­wert­steu­er“, sagt der 56-Jäh­ri­ge, der die Bar mit sei­ner Schwes­ter Mi­ta lei­tet. Zu viel für den Gast­wirt, des­sen Fa­mi­lie die 1930 er­öff­ne­te Bar im Jahr 1955 über­nom­men hat. „Bis jetzt ha­ben wir rund 5000 Eu­ro ge­zahlt, in­klu­si­ve der Steu­er.“Zehn Mit­ar­bei­ter wer­den ih­ren Job ver­lie­ren.

In Pal­ma gibt es ei­nen Im­mo­bi­li­en­boom. In den ver­gan­ge­nen sechs Mo­na­ten sei­en die Miet­prei­se für Ge­schäf­te in der Stadt um 15 Pro­zent ge­stie­gen, sagt To­ni Sam­pol, Spre­cher des Ver­ban­des für klei­ne und mit­tel­stän­di­sche Un­ter­neh­men auf Mallor­ca (Pi­mem). Al­ler­dings sei das nur der Durch­schnitt. In der Alt­stadt hät­ten sich die Miet­prei­se im ge­nann­ten Zei­t­raum lo­cker ver­dop­pelt. Das Schick­sal von To­lo und Mi­ta Ra­mis ist da­her kei­ne Aus­nah­me.

„Die Schlie­ßung der Bar Cris­tal be­deu­tet das En­de ei­nes wei­te­ren bei Ein­hei­mi­schen und Tou­ris­ten be­lieb­ten Or­tes, der un­se­re Stadt ge­prägt hat“, sagt Sam­pol. Und be­ginnt auf­zu­lis­ten: „En­de April hat das Ca­fé Lí­ri­co am Pass­eig del Born ge­schlos­sen, zu­vor der Kunst­han­del Art Oms in der gleich­na­mi­gen Stra­ße oder die Buch­hand­lung Ri­poll im Car­rer Sant Mi­quel.“Ei­ne ge­naue Sta­tis­tik über die ge­schlos­se­nen Tra­di­ti­ons­ge­schäf­te wer­de der­zeit er­stellt.

Die Pla­ça d’ Espanya ver­än­dert sich, ganz Pal­ma tut es. Zwei Häu­ser wei­ter von der Bar Cris­tal, wo frü­her die Kn­ei­pe „Cer­ve­ce­ria La Su­re­ña“war, ist erst vor ei­ni­gen Ta­gen ei­ne Im­biss-Ket­te ein­ge­zo­gen. Dort, wo Ra­mis (noch) Kaf­fee, Sand­wi­ches und mal­lor­qui­ni­sche Ta­pas ser­viert, soll Ge­rüch­ten zu­fol­ge ein Te­le­kom­mu­ni­ka­ti­ons­un­ter­neh­men oder ein Kin­der­be­klei­dungs­ge­schäft ein­zie­hen. In­ter­na­tio­na­le Mar­ken, die sich die Mie­ten leis­ten kön­nen.

Sie­ben­mann sitzt an die­sem son­ni­gen Mor­gen mit ih­rem Be­kann­ten Pe­ter Hau­den­schild bei Kaf­fee und Ge­bäck wie­der in der Bar Cris­tal vor dem ein­drucks­vol­len Ju­gend­stil-Ge­bäu­de des Ar­chi­tek­ten Gas­par Ben­nàs­sar aus dem Jahr 1916. „Hier fühlt man sich will­kom­men“, sagt der pen­sio­nier­te Öko­no­mie­pro­fes­sor Hau­den­schild. „Es ist ein au­then­ti­scher Ort. Ob Xis­co oder Llo­renç: Die Kell­ner sind über die Jah­re im­mer die­sel­ben. So­gar die Fri­su­ren ha­ben sich nicht groß ver­än­dert.“

Doch an­de­re Din­ge ha­ben sich ver­än­dert: „Der Mas­sen­tou­ris­mus und die un­si­che­re Si­tua­ti­on in an­de­ren Mit­tel­meer­län­dern ha­ben si­cher da­zu ge­führt, dass die In­ves­to­ren hier viel Geld bie­ten“, sagt Sam­pol. Die Ver­ant­wor­tung will er aber nicht nur bei den In­ves­to­ren su­chen. „Das ist klar ei­ne Sa­che der Ver­brau­cher. Wir kön­nen nicht je­den Tag in den Su­per­markt ge­hen und sich dann be­kla­gen, dass der Tan­te-Em­ma-La­den schließt.“

Neu­er Sub­ven­ti­ons­plan

Auch bei der Stadt Pal­ma gibt man sich be­trof­fen ob der Schlie­ßung der Bar Cris­tal. „Hier hat man sich gern auf ei­nen Kaf­fee ge­trof­fen“, heißt es aus dem Rat­haus. Ma­chen kön­ne man aber nicht viel. „Das re­geln die Ge­set­ze des Mark­tes.“Da­zu kom­men Ge­schäf­te, de­ren Be­trei­ber auf­hö­ren, weil sie kei­ne Nach­fol­ger fin­den, wie et­wa der Schreib­wa­ren­han­del Ca­sa Ro­ca, der 2016 nach 166 Jah­ren schloss. Auch da rei­ßen sich die In­ves­to­ren drum.

Die Stadt ist aber da­bei, ei­nen neu­en Sub­ven­ti­ons­plan zu er­stel­len, der – wie es heißt – auch tra­di­tio­nel­le Ge­schäf­te ein­schlie­ßen kön­ne. Da­mit sich we­nigs­tens das Stadt­bild nicht zu sehr ver­än­dert, hat man im Ju­ni 162 zu­sätz­li­che Ge­bäu­de und ar­chi­tek­to­ni­sche Ele­men­te un­ter Denk­mal­schutz ge­stellt, dar­un­ter auch die Ca­sa Ro­ca.

„Es ist ei­ne be­sorg­nis­er­re­gen­de Ent­wick­lung, die sich ge­ra­de hier voll­zieht“, klagt Yvon­ne Sie­ben­mann. „Die Stadt ver­liert lang­sam ih­re Iden­ti­tät.“Auch im Klei­nen: „Hier wird die Fla­sche Bran­dy noch auf den Tisch ge­stellt, wenn man ei­nen ‚re­ben­tat‘, ei­nen Kaf­fee mit Schuss, be­stellt“, er­zählt Hau­den­schild. „Das gibt es bei den neu­en Lo­ka­len nicht mehr.“

Lieb­lings­in­sel der Deut­schen:

Muss bald schlie­ßen: das Tra­di­ti­ons­ca­fé Bar Cris­tal an der Pla­ça d’Espanya in Pal­ma de Mallor­ca. Fo­to: dpa

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