Die deut­schen Dream Boys

Zehn­kämp­fer Frei­muth und Kaz­mi­rek zie­hen ihr Ding durch

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Sport -

Von Micha­el Jo­nas

LONDON. Das war ein Bild für die Zehn­kampf-Göt­ter. Mit blan­kem Ober­kör­per prä­sen­tier­ten sich fast al­le Fi­nal­teil­neh­mer der Welt­öf­fent­lich­keit zu ei­nem Grup­pen­bild. Und ei­ni­ge von ih­nen könn­ten es al­le­mal mit den Ca­li­for­nia Dream Boys auf­neh­men. Auch Kö­nig Ke­vin May­er. Doch der Fran­zo­se mit dem deut­schen Na­men bot sei­ne ei­ge­ne Show. Ri­co Frei­muth und Kai Kaz­mi­rek wa­ren des­we­gen noch lan­ge kei­ne Ne­ben­dar­stel­ler – im Ge­gen­teil.

Die bei­den Deut­schen zo­gen ihr Ding durch und ge­wan­nen Sil­ber und Bron­ze. Das hat­te es zu­vor nur bei der ers­ten Welt­meis­ter­schaft 1983 durch Jür­gen Hing­sen und Sig­gi Wentz ge­ge­ben. „Nach mei­nem schwie­ri­gen letz­ten Jahr hat­te ich ganz schön zu kämp­fen. Ich bin stär­ker denn je zu­rück­ge­kom­men und me­ga, me­ga stolz. Ich ha­be mir kei­ne gro­ße Pan­ne er­laubt“, strahl­te Vi­ze­welt­meis­ter Frei­muth, der 2016 leis­tungs­mä­ßig in ein Loch ge­fal­len war.

Der Kör­per streik­te, er konn­te kei­nen Zehn­kampf be­en­den. Auch bei Olym­pia in Rio muss­te er ver­letzt auf­ge­ben. An­schlie­ßend leg­te der ge­bür­ti­gen Pots­da­mer ei­ne vier­mo­na­ti­ge Pau­se ein. „Mein Kör­per brauch­te die­se Aus­zeit un­be­dingt“, sag­te Frei­muth rück­bli­ckend. Er­leich­tert be­dank­te sich der Drit­te der WM von Peking 2015 auch beim DLV für die „Für­sor­ge“. Nach dem Auf­tre­ten des No­ro­vi­rus wur­den die Zehn­kämp­fer ab­ge­schot­tet Star­kes Duo:

und se­pa­rat un­ter­ge­bracht. „Wir hat­ten ei­nen schwie­ri­gen An­fang in London, sind aber gut da­mit fer­tig ge­wor­den.“

Sei­ne Mo­ti­va­ti­on schöpf­te der Hal­len­ser aus dem ei­ge­nen Selbst­ver­trau­en. „Es geht dar­um, sich so zu mo­ti­vie­ren, dass du dich im Kopf für den Geils­ten hältst. Es geht um die­sen ex­tre­men Zu­stand.“Mit die­ser Ein­stel­lung ging Frei­muth in den Wett­kampf. Sei­ne star­ke Form wuss­te das deut­sche Duo fast aus­nahms­los an bei­den Ta­gen zu be­stä­ti­gen. Kaz­mi­rek bei­spiels­wei­se lie­fer­te das bes­te Hoch­sprun­g­er­geb­nis (2,11 m) al­ler WM-Teil­neh­mer ab, Frei­muth star­te­te mit ei­nem schnel­len 100-m-Lauf (10,53 Sek.), war zu­dem im Dis­kus­wurf der Bes­te. Le­dig­lich im Ku­gel­sto­ßen blie­ben bei­de deut­lich un­ter ih­ren Mög­lich­kei­ten, Kaz­mi­rek strahl­te über sei­ne ers­te in­ter­na­tio­na­le Me­dail­le: „Ich bin ein­fach nur hap­py. Die Kon­kur­renz war stark, aber ich ha­be mei­ne Chan­ce ge­nutzt. Mit so ei­ner Punkt­zahl ha­be ich nicht ge­rech­net. Bom­bas­tisch.“

Der 25 Jah­re al­te May­er be­herrsch­te die Kon­kur­renz fast nach Be­lie­ben. Bei sei­nem ers­ten Zehn­kampf in die­sem Jahr stell­te der Fran­zo­se über 100 und 400 m so­wie über 110 m Hür­den per­sön­li­che Best­leis­tun­gen auf. „Er ist der Bes­te“, zog Frei­muth den Hut vor dem ner­ven­star­ken Fran­zo­sen. Auch ei­nen „Wack­ler“beim St­ab­hoch­sprung über­stand May­er am En­de un­be­scha­det. „An ihn war schwer ran­zu­kom­men. Er konn­te sich nur selbst schla­gen. Der Fran­zo­se ist ei­ne Klas­se für sich, das wird auch in den nächs­ten Jah­ren so blei­ben“, er­klär­te Kaz­mi­rek.

Für den 26-Jäh­ri­gen von der LG Rhein-Wied war der Wett­kampf auch ei­ne Kopf­sa­che. „Das Schwie­rigs­te ist im­mer das Men­ta­le. Man darf nicht ver­kramp­fen und muss lo­cker blei­ben. Das hat ge­klappt.“ Von Micha­el Jo­nas

Die Sport­welt hielt den Atem an. Win­zi­ge Au­gen­bli­cke zwi­schen Höl­le und Him­mel. Erst der un­fass­ba­re Bolt-Schock, dann der to­sen­de Gold­ju­bel. Das Fi­na­le der Sprint­staf­feln schick­te vor al­lem die Bri­ten durch ein Wech­sel­bad der Er­re­gung. Der Se­kun­den­auf­tritt en­de­te mit ei­nem der spek­ta­ku­lärs­ten Dra­men der Leicht­ath­le­tik-Ge­schich­te.

Al­le hat­ten sich auf ein gol­de­nes Ab­schieds­ren­nen von Usain Bolt ein­ge­rich­tet. Der ja­mai­ka­ni­sche Aus­nah­me­sprin­ter, der in sei­nem letz­ten Ein­zel­ein­satz vom ame­ri­ka­ni­schen Ri­va­len Jus­tin Gat­lin be­siegt wor­den war, woll­te sich als Welt­meis­ter aus London ver­ab­schie­den. Se­kun­den vor dem En­de des Ren­nens wur­de sein Traum zer­stört. Bolt stopp­te, hum­pel­te und konn­te nicht mehr. Ein Ober­schen­kel­krampf ließ den schnells­ten Mann des Pla­ne­ten zur tra­gi­schen Fi­gur wer­den. Sein Di­lem­ma brach­te die En­g­län­der zu Gold und die Zu­schau­er an den Rand des Wahn­sinns.

Als um 22.03 Uhr Orts­zeit al­les aus und vor­bei war, da lag die Licht­ge­stalt der Leicht­ath­le­tik am Bo­den. Der sprin­ten­de En­ter­tai­ner über­nahm auf Bahn fünf als Schluss­läu­fer den Stab von Staf­fel­kol­le­ge Yo­han Bla­ke. Nach nur we­ni­gen Schrit­ten brüll­te er plötz­lich auf, hink­te noch ei­ni­ge Me­ter auf dem rech­ten Bein, ehe er vor 60 000 ent­setz­ten Fans zu Bo­den ging und sich mit schmerz­ver­zerr­tem Ge­sicht auf der Tart­an­bahn krümm­te. Dra­ma­ti­scher Ab­gang

Der gro­ße Bolt hum­pel­te aus der Are­na, ge­stützt von sei­nen drei Staf­fel­kol­le­gen.

Ein Hel­fer hat­te ihm ei­nen Roll­stuhl an­ge­bo­ten. Das lehn­te er ab. Bolt ver­ließ die Are­na als ge­schla­ge­ner, aber nicht als ge­bro­che­ner Mann. Der elf­fa­che Welt­meis­ter hat­te sich beim spek­ta­ku­lä­ren Aus in sei­nem letz­ten Kar­rie­re-Ren­nen nur leicht ver­letzt. „Es war ein Krampf in sei­ner lin­ken hin­te­ren Ober­schen­kel-Mus­ku­la­tur“, sag­te Ja­mai­kas Tea­m­arzt Ke­vin Jo­nes, „der Groß­teil der Schmer­zen kommt wohl von der Ent­täu­schung über die Nie­der­la­ge.“

Mit­strei­ter Yo­han Bla­ke hat­te Mit­leid: „Das tut schon weh, ei­ne ech­te Le­gen­de, ei­nen ech­ten Cham­pi­on so zu se­hen: wie er da raus­geht und dann so strau­chelt.“Bolts Dau­er­ri­va­le und ehe­ma­li­ge Do­ping­sün­der Gat­lin mein­te vol­ler Ehr­furcht: „Das tut mir leid mit der Ver­let­zung. Aber er ist im­mer noch der Bes­te auf der Welt.“ Dass das bri­ti­sche Quar­tett zu Gold sprin­te­te, war die um­ju­bel­te Sen­sa­ti­on, die Schlag­zei­len aber ge­hör­ten wie­der ein­mal dem Ja­mai­ka­ner. Die spa­ni­sche Zei­tung „Mar­ca“schrieb vom „Zu­sam­men­bruch ei­nes Im­pe­ri­ums“.

Ver­mut­lich war die ex­trem lan­ge War­te­zeit der Fi­nal­staf­feln bei abend­li­cher Küh­le schuld dar­an, dass Schluss­läu­fer Bolt schon nach we­ni­gen Me­tern ei­nen Krampf be­kam. „Mann, das war irr­wit­zig! Wir ha­ben wirk­lich ganz lan­ge ge­war­tet“, schil­der­te Start­läu­fer Omar McLeod, „ich ha­be zwei Fla­schen Was­ser ge­trun­ken.“Der Na­me Usain Bolt „wird für im­mer wei­ter­le­ben“.

Noch in der Nacht schick­te Bolt ei­ne emo­tio­na­le Bot­schaft an sei­ne An­hän­ger: „Dan­ke euch, mei­ne Leu­te. Unend­li­che Lie­be für mei­ne Fans“, schrieb er auf Twit­ter und Face­book. Bolt ist Ge­schich­te – ei­ne, die man nie ver­ges­sen wird.

Ri­co Frei­muth (r,) und Kai Kaz­mi­rek. Fo­to: dpa

von Le­gen­de Usain Bolt. Fo­to: AFP

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