Im Spa­zier­gang zum Frie­den

Stu­die zeigt: Das ge­mein­sa­me Wan­dern und Schlen­dern hilft beim Lö­sen von Kon­flik­ten

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Gut Zu Wissen - Von Jörg Zitt­lau

Zer­strit­te­ne soll­ten sich nicht nur auf­ein­an­der zu-, son­dern auch mit­ein­an­der be­we­gen: Ei­ne ak­tu­el­le Stu­die legt na­he, dass ge­mein­sa­mes Spa­zie­ren­ge­hen der Ver­söh­nung zu­träg­lich sein kann.

OS­NA­BRÜCK. Für Vol­taire stand fest: „Ein lan­ger Streit be­deu­tet, dass bei­de Sei­ten un­recht ha­ben.“Wes­we­gen es ei­gent­lich kei­nen Sinn hät­te, an ihm fest­zu­hal­ten. Doch wer hört schon auf Phi­lo­so­phen? Egal ob Politik, Wirt­schaft oder Ehe – im­mer wie­der ste­hen sich Streit­häh­ne un­ver­söhn­lich ge­gen­über. Viel­leicht soll­ten sie sich ein­fach mal zu ei­nem ge­mein­sa­men Spa­zier­gang durch­rin­gen. Denn das könn­te laut ei­ner ak­tu­el­len US-Stu­die we­sent­lich zu ih­rer Ver­söh­nung bei­tra­gen.

Ei­nen An­lass für ih­re Un­ter­su­chung fan­den die For­scher im all­ge­mei­nen Sprach­ge­brauch. So ist bei Strei­tig­kei­ten oft von Be­we­gungs­lo­sig­keit die Re­de, wie et­wa von Starr­sinn, ver­här­te­ten Fron­ten oder dass man in den Ver­hand­lun­gen fest­steckt. „Lö­sen sich hin­ge­gen Kon­flik­te auf, wird da­von ge­spro­chen, dass die Par­tei­en auf­ein­an­der zu­ge­hen und Be­we­gung in die Sa­che kommt“, er­klärt Stu­di­en­lei­te­rin Christine Webb. Wes­we­gen die Psy­cho­lo­gin und ihr Team be­schlos­sen, die wis­sen­schaft­li­che Da­ten­la­ge dar­auf ab­zu­klop­fen, in­wie­weit kör­per­li­che Be­we­gung tat­säch­lich zum Ab­bau von Kon­flik­ten bei­trägt.

Da­bei of­fen­bar­te sich Be­we­gung ge­ne­rell als Frie­dens­stif­ter. Aber die meis­ten Plus­punk­te ver­ei­nigt in die­ser Hin­sicht der ge­mein­sa­me Spa­zier­gang. „Er schafft so­wohl die in­tra- als auch in­ter­per­so­nel­len Vor­aus­set­zun­gen

zum Ab­bau von Kon­flik­ten“, re­sü­miert Webb. Die in­di­vi­du­el­le Psy­che der Strei­ten­den und ihr Ver­hält­nis zu­ein­an­der wür­den glei­cher­ma­ßen dar­auf ge­trimmt, wie­der zu­ein­an­der­zu­fin­den.

So hat man in Stu­di­en her­aus­ge­fun­den, dass die ru­hi­ge und gleich­för­mi­ge Vor­wärts­be­we­gung des Spa­zier­gangs die Ziel­stre­big­keit und Krea­ti­vi­tät ei­nes Men­schen för­dert. Er spürt dann, wie er lang­sam Schritt für Schritt vor­wärts­kommt – und die­se Er­fah­rung über­trägt sich of­fen­bar auch auf an­de­re Be­rei­che des Le­bens. Als man Stu­den­ten zu re­gel­mä­ßi­gen Per­pe­des-Ak­tio­nen an­reg­te, ent­wi­ckel­ten sie deut­lich mehr

Leis­tungs­mo­ti­va­ti­on, aber auch mehr Ge­duld und Be­reit­schaft für un­kon­ven­tio­nel­le Lö­sungs­we­ge. Und das kön­ne be­kannt­lich, wie Webb be­tont, auch beim Sch­lich­ten von Strei­tig­kei­ten hilf­reich sein.

Im Gleich­schritt

Den größ­ten frie­den­stif­ten­den Ef­fekt hat je­doch das Spa­zie­ren­ge­hen, wenn es die Streit­be­tei­lig­ten ge­mein­sam un­ter­neh­men. Denn sie wer­den dann schon nach we­ni­gen Mi­nu­ten im har­mo­ni­schen Gleich­schritt ge­hen, weil das in ih­rer Na­tur liegt. „Schon klei­ne Kin­der syn­chro­ni­sie­ren ih­re Be­we­gun­gen“, be­rich­tet Webb. Und

auch hier über­trägt sich die Er­fah­rung auf an­de­re Be­rei­che des Le­bens: Wenn wir uns syn­chron mit ei­nem an­de­ren Men­schen be­we­gen, ver­spü­ren wir we­ni­ger Nei­gung, uns mit ihm zu strei­ten. Und da­für mehr Be­reit­schaft, die per­sön­li­chen In­ter­es­sen zu­guns­ten der an­de­ren hint­an­zu­stel­len. „Das syn­chro­ne Mit­ein­an­der-Be­we­gen ver­bes­sert die Ko­ope­ra­ti­on“, be­tont Webb.

Ganz zu schwei­gen da­von, dass ge­mein­sa­me Spa­zier­gän­ge die Per­spek­ti­ve auf den Geg­ner ver­än­dern. Denn man steht oder sitzt ihm ja nicht mehr ge­gen­über, son­dern be­fin­det sich an sei­ner Sei­te. Auch das be­ein­flusst

das Ge­samt­ge­fühl ihm ge­gen­über. In der Sum­me der Effekte gibt es al­so kaum ein bes­se­res In­stru­ment zur Kon­flikt­schlich­tung. Nicht um­sonst lud Ma­hat­ma Gandhi im­mer wie­der zu Spa­zier­gän­gen ein. Und auch die Füh­rer der G-7-Staa­ten schlen­der­ten am letz­ten Tag ih­res dies­jäh­ri­gen Tref­fens ge­mein­sam durch die Stra­ßen von Taor­mi­na. Mit ei­ner Aus­nah­me: US-Prä­si­dent Do­nald Trump ließ sich die si­zi­lia­ni­sche Stadt im Au­to zei­gen.

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Mit­ein­an­der be­we­gen heißt auch auf­ein­an­der zu­be­we­gen. Das kann Streit­häh­ne wie­der ver­ei­nen, so ei­ne Stu­die. Fo­to: dpa

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