FERN­SE­HEN

Jo­nas Gernstl hat ei­ne Do­ku über die Le­bens­ent­wür­fe sei­ner Netz­werk-Be­kann­ten ge­dreht

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - VORDERSEITE - Von Ha­rald Kel­ler

665 Freun­de Jo­nas Gernstl hat ei­ni­ge sei­ner Face­book-Be­kann­ten ge­trof­fen und die Be­geg­nun­gen zu ei­nem Film ver­ar­bei­tet.

BR, 22.45 Uhr

Ist al­les gut, oder geht es noch bes­ser? Sess­haft wer­den oder mo­bil blei­ben? Fra­gen, mit de­nen sich vie­le Drei­ßig­jäh­ri­ge be­schäf­ti­gen. Auch der Fil­me­ma­cher Jo­nas Gernstl hat sie sich ge­stellt. Und zu ei­nem klu­gen Film ver­ar­bei­tet.

OSNABRÜCK. Der Blick ins heu­ti­ge Stu­den­ten­da­sein könn­te aus ei­ner schlech­ten deut­schen Ko­mö­die stam­men. Jo­nas Gernstl, an der Mün­che­ner Film­hoch­schu­le ein­ge­schrie­ben, stromert mit Freun­den durch das sams­täg­li­che Münch­ner Nacht­le­ben. Am Sonn­tag herrscht Ka­ter­stim­mung. Das gu­te Wetter nö­tigt ihm nur ein un­wil­li­ges Grun­zen ab. Er kaut Piz­za aus dem Kar­ton, öff­net sei­nen No­bel-Lap­top. Die Teil­ha­be am Le­ben an­de­rer kann heut­zu­ta­ge be­quem im Lie­gen er­fol­gen. Face­book macht’ s mög­lich. 665 Freun­de hat er dort, da gibt es im­mer et­was Neu­es. Die schwan­ge­re Mia prä­sen­tiert sich stolz mit ge­schwell­tem Bauch. Eu­gen hat ei­nen Film­preis ge­won­nen. Bas­ti ist schon wie­der im Ur­laub, ir­gend­wo in den Tro­pen. „Der Kai­ser“hat Tho­mas Gott­schalk ge­trof­fen, Me­li­na am Stadt­ma­ra­thon teil­ge­nom­men. Woll­te Jo­nas auch schon im­mer mal.

Gernstl, Sohn des hier als Pro­du­zent be­tei­lig­ten Do­ku­men­tar­fil­mers Franz X. Gernstl, steckt in ei­ner Kri­se. „Mit zwan­zig ha­be ich mir den drei­ßig­jäh­ri­gen Jo­nas ir­gend­wie an­ders vor­ge­stellt“,

Mö­bel­la­den statt Me­di­en­job: sin­niert er im Film. „Als Fa­mi­li­en­va­ter. Oder reich. Und er­folg­reich. Oder zu­min­dest mit ir­gend­ei­nem Plan.“

Jo­nas Gernstl rafft sich auf und be­schließt, ei­ni­ge Face­book-Be­kann­te zu be­su­chen. Man­che kennt er seit sei­ner Schul­zeit, an­de­ren ist er auf Par­tys oder im Be­ruf be­geg­net. An­nie zum Bei­spiel. Sie hat ih­ren al­ten Be­ruf beim Fern­se­hen auf­ge­ge­ben und sich mit ei­nem Ge­schäft für Re­tro­mö­bel selbst­stän­dig ge­macht. Sie be­geg­net Jo­nas in bes­ter Stim­mung, geht ganz in ih­rer neu­en Pro­fes­si­on als La­den­be­sit­ze­rin auf. Und ist ne­ben­bei auch noch frisch ver­liebt.

Auf Mar­co trifft Jo­nas zum ers­ten Mal seit fünf­zehn Jah­ren. Der frü­he­re Schul­ver­sa­ger führt in­zwi­schen zwei Hip-Hop-Clubs und ein ei­ge­nes Re­stau­rant. Als DJ nennt er sich Dan Ge­rous. Nach ei­ge­ner Aus­sa­ge hat er sich lan­ge Jah­re nur von Tief­kühl­piz­za er­nährt. Nun staunt er selbst, dass er ein gut ge­hen­des Re­stau­rant be­sitzt. „Da­bei woll­te ich doch im­mer nur DJ sein“, sagt er. Ähn­lich stellt Jo­nas Gernstl wei­te­re sei­ner Face­book-Freun­de vor, zu­nächst in ra­scher Fol­ge. Spä­ter kehrt er dann im­mer wie­der zu sei­nen Prot­ago­nis­ten zu­rück. Und je­des Mal ge­winnt das Bild an Kon­tu­ren. An­nie zum Bei­spiel, die fröh­li­che Mö­bel­händ­le­rin, blickt auf ei­ne ge­schei­ter­te Ehe und auf ei­ne de­pres­si­ve Pha­se zu­rück. Die bei­den Kö­che Ju­li­an Ga­ert­ner und Fe­lix Metz­ger, die einst ein Jahr lang durch Asi­en tramp­ten, um die dor­ti­gen Ess­ge­wohn­hei­ten zu stu­die­ren, und da­bei von Jo­nas Gernstl mit der Ka­me­ra be­glei­tet wur­den – „Gue­ril­la Kö­che“heißt ihr Film –, hat­ten nach ih­rer Rück­kehr ge­mein­sam ein er­folg­rei­ches Ca­te­ring-Un­ter­neh­men ge­grün­det. In­zwi­schen ge­hen sie ge­trenn­te We­ge. Der ei­ne kocht in gro­ßem Stil für mit­un­ter meh­re­re Hun­dert Per­so­nen, der an­de­re hat ein klei­nes ko­rea­ni­sches Re­stau­rant er­öff­net und be­rei­tet je­des Ge­richt lie­be­voll von Hand zu.

Man­che von Gernstls Freun­den ha­ben Ve­rän­de­run­gen be­wusst her­bei­ge­führt, weil sie mit ih­rem bis­he­ri­gen Le­ben un­zu­frie­den wa­ren. An­de­ren sind sie un­ver­hofft wi­der­fah­ren. Be­hut­sam nä­hert sich der Fil­me­ma­cher der Fra­ge: Sind sie glück­lich und wenn ja, wor­in be­steht die­ses Glück?

Jo­nas Gernstl hat aus der ei­ge­nen Kri­se ei­nen klu­gen Film ge­macht. Die in­zwi­schen ver­brei­te­te Un­sit­te, die ei­ge­ne Per­son ins Zen­trum ei­nes Do­ku­men­tar­films zu stel­len, hat in die­sem Fall ei­ne sinn­vol­le Funk­ti­on und er­gibt ei­ne si­cher nicht aka­de­misch re­prä­sen­ta­ti­ve, den­noch aus­sa­ge­kräf­ti­ge Be­stands­auf­nah­me der Ge­ne­ra­ti­on um die drei­ßig, für die die Ame­ri­ka­ner den Be­griff „Thir­ty­so­me­things“ge­prägt ha­ben. Er geht auf ei­ne er­folg­rei­che Fern­seh­se­rie zu­rück. In Deutsch­land hieß sie „Die bes­ten Jah­re“. Wirk­lich die bes­ten?

„665 Freun­de“, BR, 22.45

Fo­to: BR/me­ga­herz gm­bh/Stoll/Homm/Witt­ne­ben

Jo­nas Gernstl be­sucht An­net­te Weich­sel­baum, die frü­her beim Fern­se­hen ge­ar­bei­tet hat, in ih­rem neu­en Ge­schäft.

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