Kei­ne Waffen für an­geb­li­chen Ro­cker

Ver­wal­tungs­ge­richt: Klä­ger war Gre­mi­um-Mit­glied und ist des­halb un­zu­ver­läs­sig

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - VORDERSEITE - Von Diet­mar Krö­ger

OS­NA­BRÜCK. Ein Os­na­brü­cker muss sei­ne Jagd­waf­fen ab­ge­ben, weil er Mit­glied ei­ner Ro­cker­grup­pe ge­we­sen sein soll. Das hat das Ver­wal­tungs­ge­richt trotz dün­ner Be­weis­la­ge be­stä­tigt. Der Mann fühlt sich kom­plett miss­ver­stan­den.

„Das ist un­glaub­lich.“Mit Fas­sungs­lo­sig­keit quit­tier­te der Klä­ger ge­gen die Stadt Os­na­brück das Ur­teil des Ver­wal­tungs­ge­richts, dass sei­ne ehe­ma­li­ge Mit­glied­schaft im Ro­cker­club MC Gre­mi­um als er­wie­sen und da­mit die Ein­zie­hung sei­ner recht­mä­ßig er­wor­be­nen Waffen durch die Ord­nungs­be­hör­de als ge­recht­fer­tigt an­sah.

OS­NA­BRÜCK. Mit der Ent­schei­dung im Haupt­sa­che­ver­fah­ren hat das Os­na­brü­cker Ver­wal­tungs­ge­richt ei­nen vor­läu­fi­gen Schluss­strich un­ter ei­nen Pro­zess ge­zo­gen, der sich klas­si­schen Mus­tern ent­zieht – und dem Mann da­mit die Un­zu­ver­läs­sig­keit at­tes­tiert, Waffen zu füh­ren. Da­bei ist der Klä­ger zu­min­dest auf den ers­ten Blick kein Kut­ten­trä­ger. Sein Ha­bi­tus im Ge­richts­saal lässt kaum ei­nen Zwei­fel zu, dass der schwar­ze An­zug, den er an die­sem Di­ens­tag trägt, zu sei­ner All­tags­klei­dung ge­hört und nicht mit Em­ble­men ver­zier­tes Le­der. Mit meh­re­ren Be­weis­an­trä­gen ver­sucht denn auch sein An­walt, die ge­sell­schaft­li­che Stel­lung des Klä­gers als ge­set­zes­treu­er Bür­ger zu un­ter­strei­chen. Der An­ge­stell­te geht ei­ner ver­ant­wor­tungs­vol­len Tä­tig­keit in ei­nem gro­ßen Os­na­brü­cker Un­ter­neh­men nach. Er ist seit vie­len Jah­ren Mit­glied der Frei­wil­li­gen Feu­er­wehr. Er ist Prä­si­dent ei­nes Kar­ne­vals­clubs, und er ist ak­ti­ves Mit­glied in der CDU. Der An­walt fährt schwe­res Ge­schütz auf und bringt Ober­bür­ger­meis­ter Wolf­gang Grie­sert und den Land­tags­ab­ge­ord­ne­ten und Rats­mit­glied Burkhard Jasper (bei­de CDU) als mög­li­che Le­u­mun­de ins Ge­spräch.

Dar­auf mag sich die Kam­mer nicht ein­las­sen. Sie be­fragt den Klä­ger, der ver­sucht, dem Ge­richt sei­ne Nicht­mit­glied­schaft im Gre­mi­um eben­so zu er­klä­ren wie die Tat­sa­che, dass er den ehe­ma­li­gen Prä­si­den­ten und Vi­ze­prä­si­den­ten des Os­na­brü­cker Ch­ap­ters der Ro­cker­grup­pe kennt und mit ih­nen im wei­tes­ten Sin­ne freund­schaft­lich ver­bun­den war. Auch dass er maß­geb­lich an der An­mie­tung von Rä­um­lich­kei­ten für die Grup­pe be­tei­ligt war, was sei­ne Un­ter­schrift be­legt, er­läu­tert der Mann dem Ge­richt. Päch­ter war dem­nach der Club „Ro­cking Ma­chi­ne“, der von ins­ge­samt sie­ben Per­so­nen ge­grün­det wor­den sei, näm­lich dem Klä­ger, den bei­den Club­mit­glie­dern und vier wei­te­ren Per­so­nen, die sämt­lich gleich­zei­tig auch Mit­glied des Gre­mi­um MC ge­we­sen sei­en. Dass al­lein der Klä­ger kein Mit­glied im Gre­mi­um MC ge­we­sen sein soll, leuch­te vor die­sem Hin­ter­grund nicht ein, mein­te die Kam­mer. Sie glaub­te dem Klä­ger auch nicht, dass er zwar die zwei heu­te ver­nom­me­nen Zeu­gen aus dem Füh­rungs­zir­kel ken­ne, die an­de­ren Grün­dungs­mit­glie­der, die die Ver­eins­sat­zung mit ihm un­ter­schrie­ben hät­ten, je­doch nicht.

Ja, es war blau­äu­gig, das Pa­pier zu un­ter­schrei­ben, sagt der Klä­ger. Aber er sei des­we­gen noch lan­ge nicht Mit­glied, ge­schwei­ge denn Schatz­meis­ter des da­mals (2012) in der Grün­dungs­pha­se be­find­li­chen MC Gre­mi­um Os­na­brück ge­we­sen. Die Ein­stu­fung als Voll­mit­glied fußt denn auch nicht auf ei­nem Mit­glieds­aus­weis oder der Über­wei­sung von Mit­glieds­bei­trä­gen, son­dern auf ei­ner Stel­lung­nah­me der Po­li­zei, die die Stadt Os­na­brück ver­an­lass­te, die zwei Kurz- und drei Lang­waf­fen so­wie den Jagd­schein des Klä­gers ein­zu­zie­hen.

An Blau­äu­gig­keit mag das Ge­richt nicht glau­ben, wie der Vor­sit­zen­de Rich­ter spä­ter in sei­ner Ur­teils­be­grün­dung sa­gen wird. Mehr noch: Das Ge­richt ist über­zeugt, dass der Mann ein Full Mem­ber, al­so ein Voll­mit­glied, ge­we­sen sei. Wie sonst, so fragt sich die Kam­mer, lie­ße sich ein Fo­to er­klä­ren, auf­ge­nom­men zur 40-Jahr-Fei­er der bun­des­weit agie­ren­den Ro­cker­grup­pe, das vor dem Rat­haus ge­macht wur­de und das nach Über­zeu­gung der Ver­wal­tungs­rich­ter den Klä­ger auf der Rechts­au­ßen­po­si­ti­on zeigt? Die Zeu­gen­aus­sa­gen des ehe­ma­li­gen Os­na­brü­cker Gre­mi­um-Prä­si­den­ten und sei­nes Vi­ze, die den Klä­ger auf dem nach sei­nen Wor­ten eher un­schar­fen Fo­to nicht zu er­ken­nen ver­moch­ten, kön­nen das Ge­richt nicht über­zeu­gen.

Mehr Ge­wicht hat da of­fen­sicht­lich die Aus­sa­ge ei­nes Po­li­zei­be­am­ten, der in der Po­li­zei­di­rek­ti­on die Er­kennt­nis­se zu ge­walt­be­rei­ten Ro­cker­grup­pen, mit­hin al­so auch zum MC Gre­mi­um, sam­melt. Er trägt die Er­kennt­nis­se der „sze­ne­kun­di­gen Be­am­ten“, wie sie im Fach­sprech der Po­li­zei hei­ßen, vor. Dem­nach ist der Klä­ger Voll­mit­glied ge­we­sen. Für den Be­am­ten be­steht da kein Zwei­fel. Der Mann sei zu­nächst – im Ok­to­ber 2012 – „nicht mehr“Mit­glied in der ge­nann­ten Grup­pie­rung ge­we­sen und en­ga­gie­re sich je­doch nun­mehr – im Jahr 2014 – „wie­der“im Gre­mi­um MC. Im Jahr 2015 wa­ren Waffen und Jagd­schein von der Be­hör­de ein­ge­zo­gen wor­den. Der Be­am­te be­ruft sich auf Äu­ße­run­gen des Vi­ze­prä­si­den­ten bzw. des Prä­si­den­ten der Ro­cker­grup­pie­rung, die die­se ge­gen­über der Po­li­zei ge­macht hät­ten.

Dass der Ver­mie­ter der Club­räu­me of­fen­sicht­lich un­ter Druck des Ver­eins bei der Stadt vor­ge­spro­chen hat, wie es die Ver­tre­tung der Be­klag­ten vor Ge­richt an­führt, um das sei­ner­zeit be­reits in die We­ge ge­lei­te­te Ver­fah­ren zur Ein­zie­hung der Waffen und des Waf­fen­scheins des Klä­gers rück­gän­gig zu ma­chen, ist für die Sa­che des Klä­gers wohl kaum hilf­reich ge­we­sen.

Und so kommt die Kam­mer zu dem Er­geb­nis, dass es „nach der Ge­samt­schau sämt­li­cher In­di­zi­en“ge­wich­ti­ge An­halts­punk­te da­für ge­be, dass der Klä­ger zum maß­geb­li­chen Zeit­punkt bei Er­lass der an­ge­foch­te­nen Be­schei­de Mit­glied im Gre­mi­um MC ge­we­sen sei. Die Kam­mer folgt der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts zur Ro­cker­grup­pie­rung „Ban­di­dos“. Al­lein die Mit­glied­schaft in ei­nem ge­walt­be­rei­ten Ro­cker­club rei­che da­nach un­ge­ach­tet der sons­ti­gen straf- und waf­fen­recht­li­chen Un­be­schol­ten­heit aus, die Un­zu­ver­läs­sig­keit im waf­fen­recht­li­chen Sinn an­zu­neh­men.

Wei­te­re Pro­zess­be­rich­te le­sen Sie auch im In­ter­net auf noz.de/jus­tiz

Fo­to: Archiv/Eg­mont Sei­ler

Das Gre­mi­um-Club­haus an der Ha­fen­stra­ße.

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