Ak­ti­vis­ten ge­gen Ab­schie­bung

80 Os­na­brü­cker Ak­ti­vis­ten weh­ren sich ge­gen Ab­schie­bung ei­nes jun­gen Pa­kis­ta­ners

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - VORDERSEITE - Von San­dra Dorn

sdo OS­NA­BRÜCK. Ges­tern soll­te ein jun­ger Pa­kis­ta­ner aus Os­na­brück in sei­ne Hei­mat ab­ge­scho­ben wer­den. Das Bünd­nis ge­gen Ab­schie­bung harr­te die Nacht aus, um das zu ver­hin­dern. Er hat ei­nen Aus­bil­dungs­platz und soll trotz­dem ge­hen.

OS­NA­BRÜCK. Et­wa 80 Ak­ti­vis­ten ha­ben in der Nacht auf Don­ners­tag ver­sucht, die Ab­schie­bung ei­nes Pa­kis­ta­ners in Os­na­brück-Hel­lern zu ver­hin­dern. Trotz ei­nes Aus­bil­dungs­ver­trags soll er das Land ver­las­sen. Sei­ne Kla­ge auf Dul­dung wur­de ab­ge­wie­sen.

Ab jetzt ist der 34-Jäh­ri­ge il­le­gal in dem Land, in dem er sich seit Au­gust 2013 ein neu­es Le­ben auf­ge­baut hat­te. Erst am Don­ners­tag­vor­mit­tag ka­men Mit­ar­bei­ter der Lan­des­auf­nah­me­be­hör­de in Be­glei­tung ei­ner Po­li­zei­strei­fe zu sei­ner Wohn­ge­mein­schaft in Hel­lern, um ihn zum Frank­fur­ter Flug­ha­fen zu brin­gen, wie Po­li­zei­spre­che­rin An­ke Ham­ker un­se­rer Re­dak­ti­on be­stä­tig­te. Da wa­ren die vie­len Ab­schie­bungs­geg­ner längst schon wie­der zu Hau­se – der Ge­such­te aber nicht mehr. Auch bei sei­ner Ver­lob­ten tra­fen die Be­am­ten den 34-Jäh­ri­gen nicht an.

Lan­ge war es ru­hig ge­we­sen um die Grup­pe der Os­na­brü­cker Ab­schie­bungs­geg­ner, denn das Land kün­digt die Ter­mi­ne für Rück­füh­run­gen nicht mehr an. Doch die Te­le­fon­ket­te von frü­her funk­tio­niert noch. Mitt­woch­mit­tag er­fuh­ren der Pa­kis­ta­ner und sei­ne Freun­de, dass sei­ne Ab­schie­bung schon am Don­ners­tag per Sam­mel­char­ter­flug er­fol­gen soll­te, am Mitt­woch­abend ver­sam­mel­ten sich rund 80 Leu­te An­fang/Mit­te 20 bei ihm zu Hau­se, um die Ab­schie­bung durch fried­li­chen Pro­test zu ver­hin­dern – so wie frü­her.

Der Flücht­ling ist ei­ner der­je­ni­gen, de­ren Ab­schie­bung die Grup­pe „No La­ger“und das Bünd­nis ge­gen Ab­schie­bung im Som­mer 2014 ver­hin­der­ten, in­dem sie sich

vor den Un­ter­künf­ten ver­sam­mel­ten und den Be­hör­den den Zu­gang ver­sperr­ten. Er war ein Du­blin-Fall und soll­te nach Un­garn über­stellt wer­den – in das EU-Land, das er auf sei­ner Flucht als ers­tes be­tre­ten hat­te. Da­durch, dass die Ak­ti­vis­ten sei­ne Ab­schie­bung ver­hin­der­ten, ge­wann er Zeit, und die Über­stel­lungs­frist lief ab. Er durf­te sei­nen Asyl­an­trag in Deutsch­land stel­len.

Bes­tens in­te­griert

Er be­such­te Sprach­kur­se, spricht längst gut Deutsch, hat vie­le Freun­de in Os­na­brück

und mach­te ein Prak­ti­kum, be­rich­tet sei­ne Mit­be­woh­ne­rin Ma­ria Ne­un­teu­fel, die den Pro­test mit or­ga­ni­sier­te. Doch im Sep­tem­ber 2016 lehn­te das Bun­des­amt für Mi­gra­ti­on und Flücht­lin­ge (Bamf) sei­nen An­trag ab. Er klag­te – und ver­lor. Seit Ok­to­ber 2017 war er zur Aus­rei­se ver­pflich­tet und han­gel­te sich von Dul­dung zu Dul­dung, die ihm die Os­na­brü­cker Aus­län­der­be­hör­de aus­stell­te. Er hat­te sich mit ei­ner Os­na­brü­cke­rin ver­lobt und die nö­ti­gen Pa­pie­re zur Hoch­zeit aus Pa­kis­tan be­an­tragt, doch das kos­te­te Zeit.

Am 1. Au­gust 2018 soll­te zu­dem sei­ne Aus­bil­dung zum Elek­tro­in­stal­la­teur bei der Bram­scher Fir­ma Bor­ger­ding be­gin­nen. Er ver­such­te, mit dem Ver­trag ei­ne Aus­bil­dungs­dul­dung ein­zu­kla­gen – auch das oh­ne Er­folg.

An­trag ab­ge­lehnt

Am 14. Mai lehn­te das Os­na­brü­cker Ver­wal­tungs­ge­richt sei­nen An­trag ab, am 17. Mai soll­te er schon im Flug­zeug nach Pa­kis­tan sit­zen. Die Os­na­brü­cker Aus­län­der­be­hör­de hat­te näm­lich schon im Fe­bru­ar ein Ab­schie­bungs­er­su­chen an das Lan­des­kri­mi­nal­amt ge­rich­tet. Und weil die Ab­schie­bung schon ein­ge­lei­tet war, hat­te auch sein Här­te­fall­ge­such beim In­nen­mi­nis­te­ri­um kei­nen Er­folg, sagt sei­ne Mit­be­woh­ne­rin Ne­un­teu­fel. Sie wirft der Stadt vor, ih­ren Er­mes­sens­spiel­raum nicht aus­ge­nutzt zu ha­ben.

Die Be­hör­de hält sich be­deckt. Die Fra­ge un­se­rer Re­dak­ti­on, war­um die Stadt kei­ne Aus­bil­dungs­dul­dung aus­ge­stellt hat, blieb „aus da­ten­schutz­recht­li­chen Grün­den“un­be­ant­wor­tet. Stadt­spre­cher Sven Jür­gen­sen sag­te da­zu nur: „In der Re­gel wer­den al­le Mög­lich­kei­ten aus­ge­schöpft, die im Sin­ne des Be­trof­fe­nen sind.“Auch da­zu, wie es jetzt wei­ter­geht, er­teilt die Stadt als zu­stän­di­ge Be­hör­de kei­ne Aus­kunft.

Ab 23 Uhr ver­sam­mel­ten sich am Mitt­woch Freun­de

und das Bünd­nis ge­gen Ab­schie­bung im Wohn­zim­mer der sie­ben­köp­fi­gen WG in Hel­lern. Der jun­ge Pa­kis­ta­ner ließ sich nur zu Be­ginn ein­mal kurz bli­cken und zog sich dann zu­rück, mit un­se­rer Re­dak­ti­on woll­te er nicht spre­chen, rich­te­te Ne­un­teu­fel aus. „Für ihn ist es kaum zu er­tra­gen, dass so vie­le Leu­te we­gen ihm hier sind“, sag­te ei­ne Freun­din.

Die Ab­schie­bungs­geg­ner ver­sperr­ten die Zu­gän­ge von au­ßen, ver­bar­ri­ka­dier­ten sich im Haus, prob­ten, wie sie sich im Ernst­fall schüt­zend vor den Ein­gang stel­len woll­ten, und be­spra­chen, was sie tun soll­ten, wenn die Po­li­zei Pfef­fer­spray ein­setzt. „Mit der Bul­le­rei wird nicht ge­spro­chen“, lau­te­te die Pa­ro­le, aber fried­lich soll­te al­les blei­ben.

Stun­den­lang ge­war­tet

Dann war­te­ten sie. Lan­ge. Wäh­rend in der Kü­che ein Topf mit ve­ga­nem Chi­li vor sich hin kö­chel­te, las ei­ne Ab­schie­be­geg­ne­rin aus ei­nem Mär­chen­buch der Ge­brü­der Grimm vor, die üb­ri­gen ku­schel­ten sich zu­sam­men und schlie­fen nach und nach ein, die Ers­ten gin­gen. Al­les blieb ru­hig. Um sie­ben Uhr mor­gens bau­ten sie die Bar­ri­ka­den wie­der ab, be­rich­tet Ma­ria Ne­un­teu­fel. Erst am Vor­mit­tag ka­men dann Mit­ar­bei­ter der LAB und ein Strei­fen­wa­gen. Doch das Zim­mer des Pa­kis­ta­ners war leer.

Fo­to: Dorn

Fahr­rä­der, Au­tos und ein Hän­ger:

Mit all­dem ha­ben Freun­de des Pa­kis­ta­ners und Ab­schie­be­geg­ner in der Nacht auf Don­ners­tag sein Wohn­haus in Hel­lern ver­bar­ri­ka­diert, um fried­lich sei­ne Ab­schie­bung zu ver­hin­dern. Die Mit­ar­bei­ter der Lan­des­auf­nah­me­be­hör­de (LAB) und ei­ne Po­li­zei­strei­fe ka­men je­doch erst am Vor­mit­tag. Da war er schon nicht mehr da.

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