Gif­fey: Frank­reichs Frau­en­för­de­rung ist klas­se

„In Deutsch­land ha­ben wir ein Roll­back in al­te Zei­ten“/ Mi­nis­te­rin: 100 Jah­re Frau­en­wahl­recht Grund zum Fei­ern

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - POLITIK - Von Bea­te Ten­fel­de

BER­LIN Woran hakt es, dass so we­nig Frau­en im Bun­des­tag sit­zen? Fran­zis­ka Gif­fey, Bun­des­mi­nis­te­rin für Fa­mi­lie, Se­nio­ren, Frau­en und Ju­gend, fin­det Frank­reichs 50Pro­zent-Vor­schrift „klas­se“. War­um – das er­klärt die SPDPo­li­ti­ke­rin im In­ter­view.

Frau Gif­fey, 100 Jah­re Frau­en­wahl­recht in Deutsch­land: Knal­len über­mor­gen, am Tag des Ju­bi­lä­ums, die Kor­ken?

Na klar fei­ern wir das – so­gar bei ei­nem Fest­akt mit der Kanz­le­rin, den ehe­ma­li­gen Bun­des­frau­en­mi­nis­te­rin­nen und 350 Gäs­ten. Das Frau­en­wahl­recht ist ein Mei­len­stein in der Ge­schich­te der De­mo­kra­tie, und es war der ers­te Schritt zur Gleich­be­rech­ti­gung. Mu­ti­ge Frau­en und auch Män­ner ha­ben ge­gen vie­le Wi­der­stän­de an­ge­kämpft. Das sind Vor­bil­der auch heu­te noch, denn wir ha­ben zwar schon viel er­reicht, aber es bleibt auch noch ei­ni­ges zu tun: et­wa glei­cher Lohn für glei­che Ar­beit oder die Auf­wer­tung der so­zia­len Be­ru­fe. Un­ser Mot­to für die Kam­pa­gne zum 100. Jah­res­tag heißt des­halb auch „Strei­ten für glei­che Rech­te – Wo­für strei­test Du?“.

Seit Ok­to­ber 2017 be­trägt der Frau­en­an­teil im Bun­des­tag nur 30,9 Pro­zent. 2013 bis 2017 lag der Wert noch bei 37,1 Pro­zent. Wie er­klä­ren Sie sich das?

Es ist nicht gut, dass im Jahr 2018 ge­nau­so we­nig Frau­en im Bun­des­tag sit­zen wie vor 20 Jah­ren. Wir ha­ben hier ei­ne Art Roll­back in al­te Zei­ten. Im­mer­hin wird das heu­te aber als ein Pro­blem be­nannt und nicht ein­fach so ach­sel­zu­ckend zur Kennt­nis ge­nom­men. Es fällt je­den­falls auf, dass es zwi­schen den Frak­tio­nen gro­ße Un­ter­schie­de gibt. Gera­de die Frak­tio­nen ha­ben den höchs­ten Frau­en­an­teil, in de­nen es ei­ne in­ner­par­tei­li­che Quo­tie­rung gibt. Das zeigt, die Quo­te wirkt.

Ist es Zeit für ein Pa­ritéGe­setz wie in Frank­reich? Dort wer­den nicht pa­ri­tä­tisch be­setz­te Wahl­lis­ten als nicht ge­set­zes­kon­form zu­rück­ge­wie­sen …

Ich fin­de die Klar­heit und Ziel­stre­big­keit, mit der die Fran­zo­sen die­ses The­ma an­ge­hen, ein­fach klas­se. Wir be­ob­ach­ten das und müs­sen dann über­le­gen, was auf Deutsch­land über­trag­bar wä­re und was nicht. Dass auch hier stär­ker über die Fran­zis­ka Gif­fey

po­li­ti­sche Teil­ha­be von Frau­en dis­ku­tiert wird, ist not­wen­dig und mehr als zeit­ge­mäß. Gut auch, dass es ver­schie­de­ne Initia­ti­ven gibt da­zu, wie das recht­lich ver­an­kert wer­den könn­te.

Der ein­fachs­te An­satz wä­ren Quo­ten. Die aber wol­len jun­ge Frau­en nicht, oder?

So pau­schal kann man das nicht sa­gen. Es gibt jun­ge Frau­en, die am An­fang ih­rer Lauf­bahn sa­gen, sie brau­chen die Quo­te nicht, und spä­ter mer­ken, wie sie an die glä­ser­ne De­cke sto­ßen. Sehr vie­le ha­ben Lust, po­li­ti­sche Ver­ant­wor­tung zu über­neh­men und sich zu en­ga­gie­ren. Sie schei­tern aber im­mer noch an un­fle­xi­blen Struk­tu­ren, an ver­al­te­ten Rol­len­zu­schrei­bun­gen und auch an Män­ner­netz­wer­ken. Mit ei­ner kon­se­quen­ten Quo­ten­re­ge­lung in ei­ner Par­tei kann da man­ches auf­ge­bro­chen wer­den.

Neu­es The­ma: Ex­per­ten un­ter­stüt­zen Ihr Gu­te-Ki­ta-Ge­setz, wo­nach der Bund den Län­dern für den qua­li­ta­ti­ven Ki­ta-Aus­bau in den kom­men­den vier Jah­ren 5,5 Mil­li­ar­den Eu­ro ge­ben will. Aber Ex­per­ten kri­ti­sie­ren, dass die Fi­nan­zie­rung nach 2022 nicht ge­si­chert sei…

Wir von der SPD wol­len, dass der Bund die Län­der auch nach 2022 dau­er­haft und ver­läss­lich un­ter­stützt. Das steht auch so als Ziel im Ge­setz. Ich hal­te es für ei­ne na­tio­na­le Zu­kunfts­auf­ga­be, da­für zu sor­gen, dass Kin­der er­folg­reich ih­ren Weg in ein selbst­be­stimm­tes Le­ben ma­chen kön­nen. Die bes­te Vor­aus­set­zung da­für, dass die Mit­tel des Bun­des auch nach 2022 flie­ßen, ist, dass die Län­der das Ge­setz gut um­set­zen und die Gel­der so wie vor­ge­se­hen für mehr Qua­li­tät und we­ni­ger Ge­büh­ren nut­zen.

Die Gut­ach­ter un­ter­stüt­zen den An­trag der Grü­nen, die ei­ne Fach­kräf­te-Kin­dRe­la­ti­on von 1:3 bis 1:4 für un­ter Drei­jäh­ri­ge und 1:9 für über drei­jäh­ri­ge Kin­der for­dern. Ist das rea­lis­tisch?

Der Punkt ist ganz kon­kret vor­ge­se­hen im Gu­te-Ki­ta-Ge­setz und ei­ne Prio­ri­tät. Über­all in Deutsch­land müs­sen Ver­bes­se­run­gen er­reicht wer­den. Aber die Aus­gangs­la­ge ist ganz un­ter­schied­lich. Und die Fach­kräf­te müs­sen auch ir­gend­wo her­kom­men. Im Mo­ment feh­len uns ein­fach Er­zie­he­rin­nen und Er­zie­her. Des­halb star­ten wir im nächs­ten Jahr die Fach­kräf­te­of­fen­si­ve des Bun­des für Er­zie­he­rin­nen und Er­zie­her. Ins­ge­samt muss der Be­ruf so wie al­le so­zia­len Be­ru­fe auf­ge­wer­tet und mehr an­er­kannt wer­den: bes­se­re Ar­beits­be­din­gun­gen, bes­se­re Aus­bil­dungs­be­din­gun­gen – oh­ne Schul­geld und mit Aus­bil­dungs­ver­gü­tung – und ei­ne bes­se­re Be­zah­lung. Nur so wer­den wir den Fach­kräf­te­man­gel in den Griff be­kom­men. Da müs­sen al­le ran: Bund, Län­der, Ge­mein­den, Ta­rif­part­ner.

Wie vie­le Er­zie­her feh­len der­zeit?

Das ist schwer zu sa­gen. Die Schät­zun­gen, die es da­zu gibt, lie­gen sehr weit aus­ein­an­der. Das Deut­sche Ju­gend­in­sti­tut geht da­von aus, dass bis zum Jahr 2025 min­des­tens 39000 Fach­kräf­te feh­len wer­den. Für uns heißt das: Är­mel hoch­krem­peln und mehr Men­schen für den Er­zie­her­be­ruf ge­win­nen und im Be­ruf hal­ten.

Zum Schluss zur SPD: Was er­war­ten Sie vom De­bat­ten­camp an die­sem Wo­chen­en­de?

Beim De­bat­ten­camp wer­den ganz un­ter­schied­li­che Men­schen aus der Par­tei und auch von au­ßen über neue Ide­en dis­ku­tie­ren. Das kann wich­ti­ge Im­pul­se für die so­zi­al­de­mo­kra­ti­sche Po­li­tik der Zu­kunft ge­ben. Wich­tig ist, dass wir aber auch dar­über spre­chen und deut­lich ma­chen: Ja, die SPD re­giert, und in den letz­ten Mo­na­ten wä­ren vie­le Din­ge, die an­ge­sto­ßen und er­reicht wur­den, oh­ne die SPD nicht mög­lich ge­we­sen: nicht nur das Gu­te-Ki­ta-Ge­setz und das Star­keFa­mi­li­en-Ge­setz, son­dern et­wa auch Ver­bes­se­run­gen für Rent­ner und Mie­ter.

Es gibt Un­zu­frie­den­heit mit Par­tei­che­fin Nah­les. Kön­nen Sie das nach­voll­zie­hen?

Wir soll­ten auf­hö­ren, über Per­so­nen und Pos­ten zu dis­ku­tie­ren, und uns auf un­se­re Ar­beit kon­zen­trie­ren und ge­mein­sam an­pa­cken – mit Zu­ver­sicht und Tat­kraft.

Wort­füh­rer im O-Ton: mehr Ge­sprä­che auf noz.de/in­ter­view

Fo­to: dpa

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