Bei­trags­frei­heit en­det nach acht St­un­den

Stadt will Mehr­kos­ten in Hö­he von 180 000 Eu­ro nicht tra­gen / Emo­tio­na­le De­bat­te im Rat

Neue Osnabrucker Zeitung - Stadt Osnabruck - - VORDERSEITE - Bhav/Sei­te 17

OS­NA­BRÜCK Die Stadt Os­na­brück wird kei­ne 180000 Eu­ro pro Jahr be­reit­stel­len, um die Bei­trags­frei­heit von Kin­der­gär­ten auch über ei­ne täg­li­che Be­treu­ungs­zeit von acht St­un­den hin­aus si­cher­zu­stel­len. Statt­des­sen müs­sen Os­na­brü­cker El­tern, die ihr Kind län­ger als acht St­un­den in der Ki­ta las­sen möch­ten, künf­tig für je­de zu­sätz­li­che St­un­de 1,20 Eu­ro aus ei­ge­ner Ta­sche be­zah­len. Das be­schloss der Rat nach ei­ner emo­tio­nal ge­führ­ten De­bat­te mit den Stim­men von CDU/BOB, Grü­nen und UWG. Das Land Nie­der­sach­sen stellt für die ge­ne­rel­le Bei­trags­frei­heit von Ki­tas bis 2022 knapp 1,5 Mil­li­ar­den Eu­ro zur Ver­fü­gung. Kin­der ha­ben aber nur ei­nen An­spruch auf ei­ne täg­li­che Be­treu­ungs­zeit von ma­xi­mal acht St­un­den.

OS­NA­BRÜCK Der bei­trags­freie Kin­der­gar­ten wird in Nie­der­sach­sen ab dem Som­mer Rea­li­tät. El­tern, die ih­re Kin­der aber län­ger als acht St­un­den be­treu­en las­sen möch­ten, müs­sen in Os­na­brück da­für zah­len. Das hat der Rat mit ei­ner Mehr­heit aus CDU, Grü­nen, BOB und UWG be­schlos­sen.

180 000 Eu­ro hät­te die Stadt aus ei­ge­nen Mit­teln hin­zu­ge­ben müs­sen, um den Kin­der­gar­ten auch nach acht St­un­den kos­ten­frei an­zu­bie­ten. Der Rat ent­schied an­ders. Ab dem Som­mer müs­sen El­tern 1,20 Eu­ro für je­de wei­te­re St­un­de zah­len.

Dem Be­schluss vor­aus­ge­gan­gen war ei­ne emo­tio­na­le De­bat­te, bei der al­te Grä­ben sicht­bar wur­den. Es stand das klas­si­sche Rol­len­bild der Haus­frau, die sich um Kind und Kü­che küm­mert, ge­gen das Bild der Frau, die ih­ren Le­bens­un­ter­halt selbst fi­nan­ziert und die Kin­der­be­treu­ung par­al­lel stemmt.

„180 000 ist ei­ne Sum­me, die sich ei­ne Kom­mu­ne wie Os­na­brück leis­ten soll­te“, sag­te Kers­tin Lam­pert-Hodg­son von der SPD-Frak­ti­on. „Die Öff­nungs­zei­ten der Kin­der­gär­ten müs­sen sich an den Be­dürf­nis­sen der Bür­ger ori­en­tie­ren.“Die Ar­beits­welt wan­de­le sich, die Frau­en­be­rufs­tä­tig­keit neh­me zu, und mehr Men­schen wür­den in Schicht­dienst ar­bei­ten, dies müs­se sich auch bei den Be­treu­ungs­an­ge­bo­ten nie­der­schla­gen. Acht St­un­den sei­en des­halb zu we­nig. Lam­pert-Hodg­son for­der­te ih­re Rats­kol­le­gen auf, dem An­trag der Ver­wal­tung nicht zu­zu­stim­men.

Ge­gen­wind be­kam sie von CDU-Rats­herr Gün­ter Sand­fort. „Wenn für die SPD die ge­büh­ren­freie Bil­dung so selbst­ver­ständ­lich ist, war­um über­nimmt das Land nicht die kom­plet­ten Kos­ten?“Frank Hen­ning als SPD-Land­tags­ab­ge­ord­ne­ter hät­te doch die Mög­lich­keit ge­habt, Ein­fluss auf das Ge­setz zu neh­men. Sand­fort äu­ßer­te sich zu­dem skep­tisch, was die lan­ge Be­treu­ung für das Wohl der Kin­der be­deu­te. „Schon acht St­un­den sind für Kin­der ei­ne lan­ge Zeit.“Grund­sätz­lich lie­ge die Kin­der­be­treu­ung in der Ver­ant­wor­tung der El­tern, denn die Fa­mi­lie sei die wich­tigs­te So­zia­li­sie­rungs­in­stanz.

Kri­tisch äu­ßer­te sich auch Tho­mas Klein von der Grü­nen-Rats­frak­ti­on. „Die Bei­trags­frei­heit ist Geld­ver­schwen­dung“, sag­te er. Die SPD wol­le mit die­sem Wahl­ge­schenk nur ihr Pro­fil schär­fen. „Wenn die Lan­des­re­gie­rung wirk­lich den kos­ten­lo­sen Kin­der­gar­ten ha­ben will, dann soll sie ihn auch zah­len.“Ge­rech­ter wä­re ei­ne so­zia­le Staf­fe­lung, an­sons­ten wür­den auch Rei­che pro­fi­tie­ren. Klein zi­tier­te aus ei­ner Stu­die der Ber­tels­mann-Stif­tung, wo­nach die Hälf­te der be­frag­ten El­tern be­reit wä­ren, mehr Ge­büh­ren zu zah­len, wenn sich da­für mehr Fach­kräf­te um die Kin­der küm­mern wür­den.

Frank Hen­ning wies dies scharf zu­rück. Die Über­nah­me der Kos­ten über ei­ne acht­stün­di­ge Be­treu­ung hin­aus wer­de nicht zu­las­ten der Qua­li­tät ge­hen, ver­si­cher­te er. Er ver­ste­he auch nicht, war­um sich die CDU hier in die Bü­sche schla­ge. Sie sei schließ­lich Teil der Lan­des­re­gie­rung und tra­ge die Ent­schei­dun­gen in Han­no­ver mit. Hen­ning rech­ne­te vor, dass Os­na­brück von der Bei­trags­frei­heit pro­fi­tie­re. Ins­ge­samt be­kom­me die Stadt et­wa zwei Mil­lio­nen Eu­ro mehr vom Land. Da­von kön­ne man sich die 180000 Eu­ro lo­cker leis­ten. „Es ist be­schä­mend, dass die CDU das nicht ge­schnallt hat“, mein­te Hen­ning. Gün­ter Sand­fort be­strei­tet, dass die Stadt zwei Mil­lio­nen Eu­ro zu er­war­ten hat. Be­last­ba­re Zah­len lä­gen noch gar nicht vor.

Die FDP, die Lin­ken und die Pi­ra­ten­par­tei schlos­sen sich bei der an­schlie­ßen­den Ab­stim­mung der SPD an. CDU, Grü­ne, BOB und UWG vo­tier­ten für den El­tern­bei­trag.

Schon ab dem kom­men­den Au­gust sol­len El­tern in Nie­der­sach­sen für den Kin­der­gar­ten­be­such ih­rer Kin­der nichts mehr be­zah­len müs­sen. Da­für zahlt das Land knapp 1,5 Mil­li­ar­den Eu­ro bis zum Jahr 2022. Das ent­spre­chen­de Ge­setz soll im Ju­ni vom Land­tag ver­ab­schie­det wer­den. Laut Ge­setz­ent­wurf gibt es ei­nen An­spruch auf Bei­trags­frei­heit aber nur für ei­ne Be­treu­ungs­zeit von höchs­tens acht St­un­den täg­lich.

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