Je­men droht Ka­ta­stro­phe

Schlacht um Hu­dai­da be­ginnt / Be­völ­ke­rung könn­te von Hil­fe ab­ge­schnit­ten wer­den

Neue Osnabrucker Zeitung - Stadt Osnabruck - - POLITIK - Von Tho­mas Sei­bert (Mit AFP)

Im Krieg im Je­men rü­cken Re­gie­rungs­trup­pen auf die stra­te­gisch wich­ti­ge Ha­fen­stadt Hu­dai­da vor. Dort wird ein Groß­teil der Hilfs­lie­fe­run­gen für das Land um­ge­schla­gen – und be­reits jetzt hun­gern vie­le Ein­woh­ner.

ISTANBUL Mit dem Groß­an­griff auf die Ha­fen­stadt Hu­dai­da am Ro­ten Meer hat die bis­her größ­te Schlacht im seit drei Jah­ren an­hal­ten­den Krieg im Je­men be­gon­nen. Re­gie­rungs­trup­pen rück­ten ges­tern mit Un­ter­stüt­zung Sau­di-Ara­bi­ens und der Ver­ei­nig­ten Ara­bi­schen Emi­ra­te (VAE) wei­ter auf die Stadt vor, die von den mit dem Iran ver­bün­de­ten Huthi-Re­bel­len kon­trol­liert wird.

Die Al­li­anz ha­be meh­re­re wei­te­re Luft­an­grif­fe auf Ge­bie­te na­he Hu­dai­da ge­flo­gen, hieß es von­sei­ten der Re­bel­len. Die amt­li­che Pres­se­agen­tur Sau­di-Ara­bi­ens be­rich­te­te von der Ero­be­rung „neu­er stra­te­gi­scher Be­rei­che“. Bei Kämp­fen et­wa zwei Ki­lo­me­ter vor dem Flug­ha­fen wur­den nach An­ga­ben von Ärz­ten 30 Huthi-Re­bel­len und neun Sol­da­ten ge­tö­tet.

Hilfs­or­ga­ni­sa­tio­nen fürch­ten, dass die Schlacht neu­es Leid für die Zi­vil­be­völ­ke­rung her­auf­be­schwö­ren wird. Über den Ha­fen von Hu­dai­da, der bis­lang noch ge­öff­net ist, kom­men 70 bis 80 Pro­zent der in­ter­na­tio­na­len Hilfs­gü­ter ins Land. Zu­gleich dient er aber auch für Waf­fen­lie­fe­run­gen aus dem Iran an die Hut­his. Ge­büh­ren, Steu­ern und Zöl­le sind zu­dem ei­ne wich­ti­ge Geld­quel­le für die schii­ti­sche Mi­liz, die in den ver­gan­ge­nen Jah­ren gro­ße Lan­des­tei­le und auch die Haupt­stadt Sa­naa er­obert hat­te.

Der Kon­flikt ist zu ei­nem Stell­ver­tre­ter­krieg zwi­schen den sun­ni­ti­schen Golf­staa­ten Sau­di-Ara­bi­en und den VAE auf der ei­nen und den schii­ti­schen Ira­nern auf der an­de­ren Sei­te ge­wor­den. Die von Sau­di-Ara­bi­en und den VAE ge­stütz­te je­me­ni­ti­sche Exil­re­gie­rung er­klär­te, der An­griff auf Hu­dai­da sol­le „die Hand Irans ab­ha­cken“. Im Je­men geht es aber nicht nur um re­gio­nal­po­li­ti­sche Ri­va­li­tä­ten. Macht­kämp­fe zwi­schen di­ver­sen Grup­pen und Clans so­wie Ak­ti­vi­tä­ten is­la­mis­ti­scher Ex­tre­mis­ten in Tei­len des Lan­des las­sen ein kom­pli­zier­tes Ge­flecht aus vie­len Ein­zel­in­ter­es­sen ent­ste­hen, das die La­ge zu­sätz­lich de­sta­bi­li­siert. Auch wech­seln ei­ni­ge Ak­teu­re die Fron­ten, wenn es ih­nen rat­sam er­scheint. So kämpf­te der frü­he­re Prä­si­dent Ali Ab­dul­lah Sal­eh, ein Part­ner der Sau­dis, zu­nächst ge­gen die Hut­his, pak­tier­te spä­ter aber mit der Mi­liz. Als sich Sal­eh En­de ver­gan­ge­nen Jah­res er­neut von den Hut­his ab­wand­te, be­zahl­te er das mit sei­nem Le­ben. Heu­te führt ein Nef­fe Sal­ehs ei­ne Eli­te­trup­pe beim An­griff auf Hu­dai­da.

In der Schlacht kämp­fen auch süd-je­me­ni­ti­sche Se­pa­ra­tis­ten, lo­ka­le Mi­li­zen so­wie Sol­da­ten aus den VAE und dem Su­dan ge­gen die Hut­his. Die Re­bel­len dro­hen, als Re­ak­ti­on auf den An­griff die Schiff­fahrt auf dem Ro­ten Meer und da­mit den wich­ti­gen Han­dels­weg durch den Su­ez-Ka­nal zu stö­ren. Mi­li­zen­chef Mo­ham­med Ali alHuthi er­klär­te, sei­ne Kämp­fer hät­ten ein Schiff der Geg­ner im Ro­ten Meer mit Ra­ke­ten an­ge­grif­fen.

Stra­ßen­kämp­fe in Hu­dai­da wä­ren ei­ne Ge­fahr für rund ei­ne hal­be Mil­li­on Men­schen im Groß­raum der Ha­fen­stadt; nach ei­ner UN-Schät­zung könn­te es bis zu 250 000 To­te ge­ben. Zu­dem sind ins­ge­samt rund 20 Mil­lio­nen Men­schen im Je­men auf in­ter­na­tio­na­le Hil­fe an­ge­wie­sen, wes­halb ei­ne Un­ter­bre­chung des Ha­fen­be­triebs in Hu­dai­da schlim­me Fol­gen für die Ver­sor­gung der Zi­vil­be­völ­ke­rung im gan­zen Land ha­ben könn­te. Mehr als acht Mil­lio­nen Je­me­ni­ten lei­den schon jetzt un­ter Hun­gers­nö­ten.

Das Vor­ge­hen von Sau­diA­ra­bi­en und den VAE – min­des­tens 5000 Zi­vi­lis­ten sind im Je­men bis­her ge­tö­tet wor­den – trifft beim Bünd­nis­part­ner USA auf wach­sen­de Kri­tik: Se­na­to­ren und Ab­ge­ord­ne­te for­dern ein En­de des Krie­ges und ru­fen die Re­gie­rung auf, sie sol­le zur Zu­rück­hal­tung mah­nen. Al­ler­dings ist un­klar, ob die Ad­mi­nis­tra­ti­on dem fol­gen will oder kann: Ri­ad und Abu Dha­bi spie­len in der Nahost-Po­li­tik von Prä­si­dent Do­nald Trump ei­ne zen­tra­le Rol­le.

Foto: AFP/Na­bil Has­san

Ru­he vor dem Sturm: Kämp­fer der je­me­ni­ti­schen Exil­re­gie­rung auf den Zu­fahrts­stra­ßen nach Hu­dai­da.

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