St­ein­mei­er: Es le­be die De­mo­kra­tie

Ge­den­ken zum 9. No­vem­ber im Bun­des­tag / Bun­des­prä­si­dent: Han­deln statt Ri­tua­le

Neue Osnabrucker Zeitung - Stadt Osnabruck - - POLITIK - Von Bea­te Ten­fel­de

BER­LIN Bun­des­prä­si­dent Frank-Wal­ter St­ein­mei­er hat in ei­ner lei­den­schaft­li­chen Re­de da­zu auf­ge­ru­fen, die De­mo­kra­tie in Deutsch­land zu ver­tei­di­gen und ent­schie­den ge­gen Rechts­po­pu­lis­mus Stel­lung zu be­zie­hen. „Wer heu­te Men­schen­rech­te und De­mo­kra­tie ver­ächt­lich macht, wer al­ten na­tio­na­lis­ti­schen Hass wie­der an­facht, der hat ge­wiss kein his­to­ri­sches Recht auf Schwarz-Rot-Gold“, er­klär­te das Staats­ober­haupt ges­tern im Bun­des­tag in sei­ner Re­de zum Ge­den­ken an den 9. No­vem­ber.

St­ein­mei­er be­kam an die­ser Stel­le lang an­hal­ten­den Ap­plaus. In den Rei­hen der AfD-Frak­ti­on klat­schen al­ler­dings nur we­ni­ge Ab­ge­ord­ne­te. AfD-Frak­ti­ons­chef Alex­an­der Gau­land rühr­te die Hän­de de­mons­tra­tiv nicht. Am En­de von St­ein­mei­ers An­spra­che er­ho­ben sich die Kanz­le­rin, ih­re Ka­bi­netts­mit­glie­der wie auch al­le Ab­ge­ord­ne­ten – au­ßer der AfD – und wür­dig­ten so des­sen ein­drucks­vol­le Re­de.

St­ein­mei­er sag­te, der 9. No­vem­ber ste­he „für Licht und Schat­ten“. Er sei ein „Schick­sals­tag der Deut­schen“. Vor 100 Jah­ren hat­te der So­zi­al­de­mo­krat Phil­ipp Schei­de­mann vom Ber­li­ner Reichs­tags­ge­bäu­de aus die ers­te deut­sche Re­pu­blik aus­ge­ru­fen. Zu­gleich steht der 9. No­vem­ber auch für ei­nes der dun­kels­ten Ka­pi­tel in der deut­schen Ge­schich­te: Am 9. No­vem­ber 1938 in­sze­nier­ten die Na­tio­nal­so­zia­lis­ten die reichs­wei­ten Po­gro­me ge­gen die Ju­den. Die spä­te­re Ver­nich­tung der jü­di­schen Be­völ­ke­rung nahm da­mit ih­ren An­fang. Mit der DDR-Grenz­öff­nung am 9. No­vem­ber 1989 wie­der­um wur­de der fried­li­chen Ver­ei­ni­gung der bei­den deut­schen Staa­ten der Weg ge­eb­net.

St­ein­mei­er wür­dig­te die Aus­ru­fung der Re­pu­blik am 9. No­vem­ber 1918 als „Mei­len­stein der deut­schen De­mo­kra­tie­ge­schich­te“. Der 9. No­vem­ber 1918 ha­be in der Er­in­ne­rungs­kul­tur aber nie den Platz ge­fun­den, der ihm zu­ste­he, be­dau­er­te der Bun­des­prä­si­dent. Die Wei­ma­rer Re­pu­blik wer­de fast nie von ih­rem An­fang her ge­dacht, son­dern meist aus­ge­hend von ih­rem En­de im Jahr 1933 durch die Macht­über­nah­me der Na­tio­nal­so­zia­lis­ten.

„Vor ge­nau 80 Jah­ren, in der Nacht vom 9. auf den 10. No­vem­ber 1938, brann­ten in Deutsch­land die Sy­nago­gen. Jü­di­sche Ge­schäf­te wur­den ge­plün­dert und zer­stört. Hun­der­te Frau­en und Män­ner wur­den von Na­tio­nal­so­zia­lis­ten ge­tö­tet, be­gin­gen Selbst­mord oder star­ben, nach­dem sie in Kon­zen­tra­ti­ons­la­gern miss­han­delt wor­den wa­ren“, rief St­ein­mei­er in Er­in­ne­rung. Die No­vem­ber­po­gro­me von 1938 mar­kier­ten „den un­ver­gleich­li­chen Bruch der Zi­vi­li­sa­ti­on, für den Ab­sturz Deutsch­lands in die Bar­ba­rei“. Die Ver­ant­wor­tung da­für ken­ne kei­nen Schluss­strich.

Viel­mehr knüp­fe sich dar­an die „ wohl schwie­rigs­te und schmerz­haf­tes­te Fra­ge“der deut­schen Ge­schich­te. „Wie konn­te es sein, dass das­sel­be Volk, das am 9. No­vem­ber 1918 den Auf­bruch in de­mo­kra­ti­sche Selbst­be­stim­mung wag­te, in­ner­halb we­ni­ger Jah­re in de­mo­kra­ti­schen Wah­len den De­mo­kra­tie­fein­den zur Mehr­heit ver­half ?“, er­klär­te St­ein­mei­er. Die Ant­wort kön­ne kein His­to­ri­ker­kon­gress ge­ben. „Son­dern wir kön­nen sie nur durch un­ser Han­deln ge­ben“, rief St­ein­mei­er zu Wach­sam­keit auf. „Er­in­ne­rung, die pflicht­be­wusst an Ge­denk­ta­gen un­se­re Lip­pen be­wegt, die aber nicht mehr un­ser Han­deln prägt, er­starrt zum Ri­tu­al“, warn­te das Staats­ober­haupt ein­dring­lich. „Trau­en wir uns“, for­der­te der Bun­des­prä­si­dent. Ein de­mo­kra­ti­scher Pa­trio­tis­mus sei „kein woh­li­ges Ru­he­kis­sen, son­dern ein be­stän­di­ger Ansporn“. Er be­en­de­te sei­ne Re­de mit den Wor­ten „Es le­be die De­mo­kra­tie“, wor­auf sich die gro­ße Mehr­heit der Par­la­men­ta­ri­er er­hob und ap­plau­dier­te.

Bun­des­tags­prä­si­dent Wolf­gang Schäu­b­le (CDU) warn­te zu­vor vor wach­sen­dem An­ti­se­mi­tis­mus. Ak­tu­el­le Über­grif­fe auf Men­schen jü­di­schen Glau­bens zeig­ten, wie nö­tig de­ren be­son­de­rer Schutz im 21. Jahr­hun­dert im­mer noch sei. „Die Fir­nis der Zi­vi­li­sa­ti­on ist dünn“, mahn­te Schäu­b­le.

Fo­to: dpa

Lan­ger Ap­plaus: Frank-Wal­ter St­ein­mei­er.

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