Blu­men für die „Kö­ni­gin der Her­zen“

Von Nach­rich­ten aus dem Jen­seits bis zu frag­wür­di­gen Sta­tu­en: Der bri­ti­sche Hy­pe um „Di“nimmt kein En­de

Neue Osnabrucker Zeitung - Wallenhorst - - VORDERSEITE - Von Ka­trin Pri­byl

Vor dem 20. To­des­tag von Prin­zes­sin Dia­na ha­ben vie­le Bri­ten an ihr Idol er­in­nert. Vor dem Ken­sing­ton-Pa­last in Lon­don leg­ten Pas­san­ten am Mitt­woch Blu­men ab oder zün­de­ten Ker­zen an. Die Prinzen Wil­li­am (links) und Har­ry schau­ten sich bei strö­men­dem Re­gen das Blu­men­meer vor dem Pa­last an und be­such­ten den Ge­denk­gar­ten für ih­re Mut­ter auf dem Pa­last­ge­län­de. La­dy Di war am 31. Au­gust 1997 im Al­ter von 36 Jah­ren nach ei­ner Ver­fol­gungs­jagd mit Pa­pa­raz­zi in Pa­ris bei ei­nem Un­fall ums Le­ben ge­kom­men. Bis heu­te lie­fert ihr Le­ben aber Stoff für die bri­ti­sche Pres­se. An ih­rem To­des­tag gibt es kei­ne of­fi­zi­el­le Ze­re­mo­nie.

Auch 20 Jah­re nach ih­rem Tod be­schäf­tigt „La­dy Di“die bri­ti­schen Roy­al-Fans. Das hat teils skur­ri­le Aus­wir­kun­gen.

LON­DON. Ein Phä­no­men, ge­wiss, was sich seit Wo­chen im Kö­nig­reich ab­spielt. Dia­na, heu­te genau 20 Jah­re tot, wird me­di­al in die Öf­fent­lich­keit zu­rück­ge­holt. Ihr Le­ben, ihr Lei­den, ihr Ver­mächt­nis – er­zählt in Son­der­bei­la­gen und be­bil­dert auf Ti­tel­sei­ten des schril­len Bou­le­vards. Auf TV-Sen­dern folgt ei­ne Do­ku­men­ta­ti­on auf die an­de­re, im­mer kom­men ech­te oder ver­meint­li­che Dia­na-Ken­ner zu Wort, de­nen plötz­lich nach zwei Jahr­zehn­ten ei­ne neue Ge­schich­te ein­fal­len will, wo doch längst al­les ge­sagt, ge­schrie­ben und ge­deu­tet schien. Leib­wäch­ter mel­den sich mit re­cy­cel­ten Er­in­ne­run­gen ge­nau­so wie der Bio­graf oder der Stimm­trai­ner der Prin­zes­sin, der Auf­nah­men wei­ter­gab, in de­nen sich Dia­na über ihr Sex­le­ben mit Charles aus­ließ.

„Br­ex­i­teer Dia­na“

Als be­son­ders be­mer­kens­wer­te Epi­so­de die­ses Som­mers dürf­te je­ne gel­ten, mit der es ei­ne Frau na­mens Si­mo­ne Sim­mons „ex­klu­siv“in die Zei­tung schaff­te, weil sie doch noch im­mer in Kon­takt mit der Freun­din von da­mals ste­he. Das selbst er­nann­te „Me­di­um“hö­re Dia­nas Stim­me aus dem Jen­seits, die ihr bei­spiels­wei­se ein­ge­flüs­tert ha­be, dass Ka­te, die Ehe­frau von Sohn Wil­li­am, schlicht per­fekt sei und La­dy Di der Frak­ti­on Br­ex­i­teers an­ge­hö­re. Ja, es sind sol­che Din­ge, die das Som­mer­loch auf der In­sel fül­len.

Der Dia­na-Hy­pe in den bri­ti­schen Blät­tern nahm zu­letzt ab­sur­de Zü­ge an. „Die Auf­merk­sam­keit ist kom­plett von den Me­di­en ge­trie­ben“, sagt In­grid Se­ward, selbst äu­ßerst be­schäf­tigt in die­sen Ta­gen in ih­rer Funk­ti­on als Her­aus­ge­be­rin des „Ma­jes­ty Ma­ga­zi­ne“und Au­to­rin von „Dia­na, the Last Word“– ein Buch, das sie im Üb­ri­gen mit Me­di­um Si­mo­ne Sim­mons ver­öf­fent­licht hat. So schließt sich der Kreis. Ein biss­chen er­in­nert al­les an die Mas­sen­hys­te­rie von 1997, die von Groß­bri­tan­ni­en in die Welt schwapp­te. Tau­sen­de Men­schen pil­ger­ten nach Lon­don, leg­ten Sträu­ße, in Zel­lo­phan ge­wi­ckelt, vor dem Bucking­ham-Pa­last und Ken­sing­ton-Pa­last und über­all da ab, wo noch Platz für Blu­men oder Bei­leids­kar­ten war. Wild­frem­de Men­schen nah­men sich trös­tend in die Ar­me, wein­ten um ei­ne Frau, die sie doch nie ge­trof­fen ha­ben, aber de­ren tra­gi­scher Un­fall­tod in Pa­ris mit nur 36 Jah­ren so­gar die jahr­hun­der­te­al­te Mon­ar­chie ins Wan­ken brach­te. Kö­ni­gin Eliz­a­beth II. re­agier­te nach dem Ge­schmack der Men­schen zu zö­ger­lich und zeig­te so nur noch deut­li­cher den Kon­trast zwi­schen dem tra­di­ti­ons­be­wuss­ten, auf Selbst­be­herr­schung po­chen­den Esta­blish­ment und dem of­fe­nen und nah­ba­ren Stil, den Dia­na als Roy­al ver­kör­per­te.

Das bri­ti­sche Volk in kol­lek­ti­ver Trau­er stand kurz vor dem Ner­ven­zu­sam­men­bruch und war ir­gend­wie selbst über­rascht über die Wo­gen der Ge­füh­le, die auf­wall­ten. „Das Trau­ern wur­de ei­ne öf­fent­li­che Ak­ti­vi­tät, ein Grup­pen­er­eig­nis und ein biss­chen wett­ei­fernd“, er­in­nert sich der „Guar­di­an“. Im Lon­do­ner Hy­de­park sitzt an die­sem Di­ens­tag­nach­mit­tag

die 52-jäh­ri­ge An­na am Ran­de des kreis­för­mi­gen Prin­zes­sin-Dia­na-Ge­denk­brun­nens, der zu­erst an ei­ne Was­ser­rut­sche den­ken lässt, aber ei­gent­lich das tur­bu­len­te Le­ben der Prin­zes­sin sym­bo­li­sie­ren soll, in­dem das Was­ser mit un­ter­schied­li­cher Ge­schwin­dig­keit in zwei Rich­tun­gen fließt. „Es war, als ha­be uns al­le der Wahn­sinn ge­packt“, sagt die En­g­län­de­rin über je­ne Wo­che An­fang Sep­tem­ber 1997, und mitt­ler­wei­le ist ihr die Er­in­ne­rung dar­an, wie sie täg­lich mit Ro­sen zum Pa­last spa­zier­te, pein­lich.

„Ihr Tod feg­te ei­ne al­te, ak­zep­tier­te Ord­nung von Pro­to­kol­len und Höf­lich­keit weg und lei­te­te ei­ne neue Ära, ge­prägt von Mit­ge­fühl und Li­be­ra­lis­mus, ein“, be­fand ge­ra­de erst die „Mail on Sun­day“. Pre­mier­mi­nis­ter To­ny Blair tauf­te Dia­na „Prin­zes­sin des Vol­kes“, und Mil­lio­nen Men­schen präg­te sich das herz­zer­rei­ßen­de Bild ein, wie der 15-jäh­ri­ge Prinz Wil­li­am und der zwölf Jah­re al­te Prinz Har­ry am Tag der Be­er­di­gung mit ge­beug­tem Haupt hin­ter dem Sarg der Mut­ter her­gin­gen, be­glei­tet vom Schluch­zen aus der Men­ge.

In den ver­gan­ge­nen Wo­chen ha­ben sich die bei­den Män­ner un­ge­wöhn­lich of­fen über die Te­enager­zeit ge­äu­ßert, über ih­ren Schmerz und die über­wäl­ti­gen­de Re­ak­ti­on der Be­völ­ke­rung. Die jun­ge Ge­ne­ra­ti­on lässt hin­ter die Fas­sa­de bli­cken und er­in­nert

da­mit an die Mut­ter, die mit ih­rer un­kon­ven­tio­nel­len Art häu­fig im Hau­se Wind­sor, des­sen roya­le Mit­glie­der für ih­re „stei­fe Ober­lip­pe“be­rühmt sind, an­eck­te.

Schwie­ri­ge Spu­ren­su­che

Da­bei ist es ab­seits der Me­di­en nicht ein­fach, die Kö­ni­gin der Her­zen zu fin­den – trotz der in den As­phalt ein­ge­las­se­nen Pla­ket­ten, die im Zen­trum Lon­dons auf den Dia­na Me­mo­ri­al Walk hin­wei­sen, je­nen fast zwölf Ki­lo­me­ter lan­gen Er­in­ne­rungs­weg durch vier Parks. Ih­re Spu­ren

im All­tag schei­nen ver­wischt und ver­blasst von zwei Jahr­zehn­ten. Ih­re letz­te Ru­he fand Dia­na auf ei­ner In­sel in ei­nem See des Land­guts Alt­horps bei Nort­hamp­ton, weit weg vom Ge­tö­se der Me­tro­po­le. Wäh­rend der Bou­le­vard ihr Denk­mal in Form von Schlag­zei­len ze­men­tiert, fehl­te bis­lang ei­ne Sta­tue, sieht man ein­mal von dem ge­schmack­lich streit­ba­ren Mo­nu­ment im Kauf­haus Har­rods ab, das Dia­na mit ih­rem eben­falls bei dem Un­fall ge­tö­te­ten Part­ner Do­di AlFay­ed in fast ver­stö­ren­der Form zeigt. Die Söh­ne Har­ry und Wil­li­am wol­len den Um­stand zum 20. To­des­tag än­dern und ih­re Mut­ter mit ei­nem Denk­mal in ei­nem öf­fent­li­chen Be­reich der Gär­ten des Ken­sing­ton-Pa­lasts wür­di­gen.

Im Bucking­ham-Pa­last, der im Som­mer für ei­ne Schau auch dem Fuß­volk ge­öff­net ist, be­wun­dern Be­su­cher den Holz­schreib­tisch von Dia­na, dar­auf ge­rahm­te Bil­der ih­rer Liebs­ten, Brief­pa­pier und ein Kof­fer mit al­ten Mu­sik­kas­set­ten. Sie hör­te ger­ne Dia­na Ross, Ge­or­ge Micha­el, Lio­nel Ri­chie und na­tür­lich El­ton John – sie­he „Cand­le in the Wind“, wie sich der Sän­ger mu­si­ka­lisch bei der Be­er­di­gung von sei­ner Freun­din, „En­g­land’ s ro­se“, ver­ab­schie­de­te.

Es war ei­ne schwe­re Zeit auch für Ab­dul Daoud, den Be­trei­ber des Ca­fés Dia­na, nur we­ni­ge Me­ter vom Ken­sing­ton-Pa­last ent­fernt. Er hat­te das Ge­fühl, ei­ne gu­te Freun­din ver­lo­ren zu ha­ben. Der 61-Jäh­ri­ge kam vor 40 Jah­ren aus Bag­dad in die bri­ti­sche Haupt­stadt, bau­te 1989 sein Lo­kal auf und nann­te es Dia­na, weil er sie ein­mal in Po­li­zei­es­kor­te vor­bei­fah­ren sah. Beim nächs­ten Mal ent­deck­te sie das Schild über dem Ein­gang, wink­te, und ir­gend­wann kam sie so­gar vor­bei, be­dank­te sich für die Na­mens­ge­bung und be­stell­te Cap­puc­ci­no so­wie Crois­sants für die Söh­ne. Es wur­de zur Re­gel. Im In­nern des Ca­fés fühlt man sich wie beim Blät­tern durch ein rie­si­ges Fo­to­al­bum, schreinar­tig hän­gen Bil­der und Zei­tungs­ar­ti­kel von der Kö­ni­gin der Her­zen an den Wän­den. „Mit je­dem Tag, an dem ich mei­nen La­den öff­ne, zol­le ich ihr Tri­but“, sagt Daoud. „Dia­na war ei­ne wirk­li­che Mär­chen­prin­zes­sin.“

Prin­zes­sin der Me­di­en

Da ist er wie­der, der Hin­weis auf das Mär­chen von der schö­nen Prin­cess of Wa­les, das zu ei­ner Rea­li­ty-So­ap wur­de. Traum­hoch­zeit mit Mär­chen­kleid und ju­gend­li­chen 20 Jah­ren, Fa­mi­li­en­glück mit zwei Söh­nen, dann folg­ten schon bald Af­fä­ren auf bei­den Sei­ten, Ehe­dra­ma, schlüpf­ri­ge Ent­hül­lun­gen, Ro­sen­krieg. Dass Dia­na das Spiel mit den Me­di­en na­he­zu per­fekt be­herrsch­te und das Fern­se­hen nutz­te, um et­wa über ih­re Buli­mie oder ih­re Af­fä­ren zu spre­chen, Fo­to­gra­fen zu Lie­bes­da­tes ein­lud und ins­be­son­de­re wäh­rend des Schei­dungs­kriegs mit Thron­fol­ger Prinz Charles ver­such­te, die Öf­fent­lich­keit mit­hil­fe der Pres­se auf ih­re Sei­te zu zie­hen, fin­det ge­ra­de kaum Er­wäh­nung. Kri­tik un­er­wünscht. Viel­mehr ver­ur­teil­ten die Söh­ne noch ein­mal das Ver­hal­ten der Pa­pa­raz­zi scharf. Die Fo­to­gra­fen hät­ten Dia­na je­den Tag „wie ein Ru­del Hun­de ver­folgt, ge­jagt, be­läs­tigt, ihr Aus­drü­cke zu­ge­ru­fen und sie be­spuckt“, um ei­ne wü­ten­de Re­ak­ti­on für ih­re Auf­nah­men zu be­kom­men, sag­te Wil­li­am. Es wa­ren die Geis­ter, die Dia­na rief und die sie am En­de nicht mehr los­wur­de.

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Vom Fa­mi­li­en-Idyll zum Ro­sen­krieg: Dia­na, Prinz Charles und Wil­li­am wa­ren die roya­le Vor­zei­ge­fa­mi­lie. Den Tod der Prin­zes­sin in Pa­ris (un­ten links) be­trau­er­ten zahl­lo­se Fans – und tun es bis heu­te: mit Tor­te am Ken­sing­ton-Pa­last (oben) oder im „Wei­ßen Gar­ten“(un­ten).

„Kö­ni­gin der Her­zen“: Vor 20 Jah­ren starb Dia­na – Bil­der auf noz.de Söh­ne von Dia­na ver­ur­tei­len Ver­hal­ten von Pa­pa­raz­zi: mehr auf noz.de/ver­misch­tes

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