Hand­werk: Pakt ge­gen Fach­kräf­te­man­gel

„Be­ruf­li­che Bil­dung stär­ken“– Öz­de­mir warnt vor Ri­si­ken für Stand­ort

Neue Osnabrucker Zeitung - Wallenhorst - - VORDERSEITE - Von Bea­te Ten­fel­de

OS­NA­BRÜCK. Der Zen­tral­ver­band des deut­schen Hand­werks (ZDH) hat an­ge­sichts ak­tu­el­ler War­nun­gen des Pro­gnos-In­sti­tuts vor mas­si­vem Fach­kräf­te­man­gel sei­ne For­de­rung nach ei­nem Be­rufs­bil­dungs­pakt be­kräf­tigt. „Da­mit un­se­re Wirt­schaft funk­tio­niert, braucht es ei­ne aus­ge­wo­ge­ne Ba­lan­ce von Fach­ar­bei­tern und Aka­de­mi­kern“, sag­te Ge­ne­ral­se­kre­tär Hol­ger Schwan­ne­cke un­se­rer Re­dak­ti­on. Das Hand­werk for­de­re seit Jah­ren die Gleich­wer­tig­keit von be­ruf­li­cher und aka­de­mi­scher Bil­dung. Nach dem Vor­bild des er­folg­rei­chen Hoch­schul­pakts müss­ten Po­li­tik und Wirt­schaft jetzt die An­stren­gun­gen bün­deln.

„Da ist in den ver­gan­ge­nen Jah­ren Ei­ni­ges aus dem Gleich­ge­wicht ge­ra­ten“, sag­te Schwan­ne­cke. Mit rund 60 Pro­zent Stu­die­ren­den ei­nes Schul­jahr­gangs wer­de ab­seh­bar das Fun­da­ment aus be­rufs­prak­ti­schen Ar­beit­neh­mern, auf dem die deut­sche Wirt­schaft be­ru­he, nicht breit ge­nug sein. Das Hand­werk ver­ste­he es als Teil der Zu­kunfts­si­che­rung, die be­ruf­li­che Bil­dung in Deutsch­land wie­der zu stär­ken und des­halb die be­ruf­li­che Bil­dung auch fi­nan­zi­ell gleich­wer­tig ne­ben der aka­de­mi­schen Bil­dung zu för­dern.

Grü­nen-Chef Cem Öz­de­mir hält den Fach­kräf­te­man­gel für ei­nes der größ­ten Ri­si­ken am Wirt­schafts­stand­ort Deutsch­lands. „Um das zu ver­hin­dern, müs­sen wir die in­län­di­schen Po­ten­zia­le von Ar­beits­lo­sen, Frau­en und Äl­te­ren bes­ser nut­zen“, sag­te Öz­de­mir un­se­rer Re­dak­ti­on. Das be­deu­te vor al­lem In­ves­ti­tio­nen in Wei­ter­bil­dung und Qua­li­fi­zie­rung und in die bes­se­re Ver­ein­bar­keit von Be­ruf und Fa­mi­lie. Laut Öz­de­mir wer­den aber auch die „ent­schlos­sens­ten An­stren­gun­gen in die­sen Be­rei­chen nicht aus­rei­chen“. Deutsch­land sei zu­sätz­lich auf Fach­kräf­te auf dem Aus­land an­ge­wie­sen. „Da­für brau­chen wir ein Ein­wan­de­rungs­ge­setz. Denn bei der Er­werbs­mi­gra­ti­on hat Deutsch­land viel auf­zu­ho­len“, be­ton­te der Grü­nen-Spit­zen­kan­di­dat für die Bun­des­tags­wahl.

Noch gibt es kei­nen flä­chen­de­cken­den Fach­kräf­te­man­gel – doch die Eng­päs­se wer­den grö­ßer. In man­chen Bun­des­län­dern kön­nen be­son­ders vie­le Ar­beit­neh­mer durch Ma­schi­nen er­setzt wer­den.

dpa BER­LIN. In Ge­sund­heits-, Pfle­ge- und tech­ni­schen Be­ru­fen droht ei­ne im­mer grö­ße­re Fach­kräf­te­lü­cke in Deutsch­land. In ei­ni­gen Bran­chen und Re­gio­nen kön­nen Ar­beit­neh­mer be­reits heu­te of­fe­ne Stel­len kaum noch be­set­zen. Das zeigt ein vom Bun­des­ka­bi­nett ver­ab­schie­de­ter Be­richt des Ar­beits­mi­nis­te­ri­ums. Al­lein bis 2030 könn­te sich die Zahl der feh­len­den Fach­ar­bei­ter, Tech­ni­ker, For­scher und me­di­zi­ni­schen Fach­kräf­te auf bis zu 3,0 Mil­lio­nen be­lau­fen und bis 2040 gar auf 3,3 Mil­lio­nen, wie aus ei­ner zeit­gleich ver­öf­fent­lich­ten Pro­gnosStu­die her­vor­geht.

Nach der Vor­her­sa­ge der Pro­gnos-For­scher wer­den vie­le Si­che­rungs- und Über­wa­chungs­tä­tig­kei­ten weg­fal­len. Auch Lastwagenfahrer und Pa­cker müss­ten da­mit rech­nen, dass ih­re Ar­beit künf­tig von Ro­bo­tern und Au­to­ma­ten er­le­digt wer­de. Glei­ches gel­te für Buch­hal­ter, Kre­dit­sach­be­ar­bei­ter und Im­mo­bi­li­en­mak­ler – elek­tro­ni­sche Sys­te­me dürf­ten sol­che Be­ru­fe lang­fris­tig er­set­zen. Da­ge­gen wer­de es schon 2020, stär­ker aber bis 2030 ei­nen Man­gel an Ma­na­gern, For­schern, In­ge­nieu­ren, Ärz­ten, Pfle­gern und me­di­zi­ni­schen As­sis­ten­ten ge­ben, in ge­rin­gem Um­fang auch an Krea­ti­ven und Jour­na­lis­ten.

Der Re­gie­rungs­be­richt zeigt: Die An­zahl der re­gis­trier­ten Ar­beits­lo­sen pro of­fe­ne Stel­le sank zu­letzt deut­lich. Die durch­schnitt­li­chen Va­kanz­zei­ten nah­men zu, al­so die Dau­er, wäh­rend der ei­ne Stel­le un­be­setzt ist. Im Schnitt stieg die Va­kanz­zeit in­ner­halb ei­nes Jah­res zu­letzt um 10 auf 100 Ta­ge.

Zwar schwächt der Ge­bur­ten­rück­gang laut der Re­gie­rungs­stu­die

das An­ge­bot an Ar­beits­kräf­ten – doch bis­her brach­te es ei­nen Aus­gleich, dass im­mer mehr Frau­en und Äl­te­re im Be­ruf sind. „Künf­tig wird die­ser Aus­gleich je­doch nicht mehr im glei­chen Um­fang statt­fin­den kön­nen, da grö­ße­re Po­ten­zia­le be­reits ge­ho­ben sind und bis Mit­te der 2030er-Jah­re die ge­bur­ten­star­ken Jahr­gän­ge schritt­wei­se in den Ru­he­stand tre­ten.“

Lin­de­rung gibt es durch die Zu­wan­de­rung. So wuchs in den ver­gan­ge­nen Jah­ren die Dif­fe­renz zwi­schen der Zahl der Zu­zü­ge und der Zahl der Fort­zü­ge ste­tig – von 130 00 im Jahr 2010 bis mehr als 500 000 im Jahr 2014 und 2015 dann so­gar auf mehr als 1,1 Mil­lio­nen Men­schen.

Der di­gi­ta­le Struk­tur­wan­del schüt­telt den Ar­beits­markt wei­ter durch. Die An­for­de­run­gen an die Qua­li­fi­ka­ti­on

stei­gen – die Zahl in­län­di­scher Ju­gend­li­cher, die ei­ne be­ruf­li­che Erst­aus­bil­dung ab­schlie­ßen, wer­de nicht aus­rei­chen, um dem ge­recht zu wer­den, so der Re­gie­rungs­be­richt.

Ar­beits­mi­nis­te­rin Andrea Nah­les (SPD) sag­te: „Der Fort­schritts­be­richt ist ei­ne Mah­nung zum Han­deln.“Still­stand und Nichts­tun sei­en grob fahr­läs­sig. Nah­les warb er­neut für ih­ren Vor­schlag ei­nes Kon­tos für Er­werbs­tä­ti­ge, mit dem sie Aus­zei­ten zur Wei­ter­bil­dung fi­nan­zie­ren könn­ten.

Pro­gnos-Au­tor Oli­ver Eh­ren­traut sag­te, auch wenn man in­zwi­schen nicht mehr mit ei­nem so star­ken Schrump­fen der Be­völ­ke­rung rech­ne, wer­de die Zahl der Men­schen im ar­beits­fä­hi­gen Al­ter den­noch wei­ter kräf­tig sin­ken – um gut 10 Pro­zent bis zum Jahr 2040.

Fo­to: dpa

Hän­de­rin­gend ge­sucht: Wer ein Händ­chen für Tech­nik und das Know-how hat, ist auf dem Ar­beits­markt ge­fragt.

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