Ar­rest we­gen fahr­läs­si­ger Tö­tung

19-Jäh­ri­ger ver­ur­sacht Zu­sam­men­stoß mit Tem­po 75 – Ge­richt ent­schei­det auf fahr­läs­si­ge Tö­tung

Neue Osnabrucker Zeitung - Wallenhorst - - VORDERSEITE - Von Loui­sa Rie­pe

lo­ri OS­NA­BRÜCK. Vor et­wa ei­nem Jahr hat ein heu­te 19jäh­ri­ger BMW-Fah­rer auf der Tan­nen­burg­stra­ße in Os­na­brück ei­nen Re­nault ge­rammt. Die Fah­re­rin starb. Nun hat ihn des­we­gen das Ju­gend­schöf­fen­ge­richt we­gen fahr­läs­si­ger Tö­tung zu ei­nem zwei­wö­chi­gen Ar­rest, So­zi­al­stun­den und ei­nem sechs­mo­na­ti­gen Fahr­ver­bot ver­ur­teilt. Ein Gut­ach­ten er­gab, dass der – ei­gent­lich vor­fahrt­be­rech­tig­te – An­ge­klag­te beim Zu­sam­men­stoß min­des­tens 75 km/h auf dem Ta­cho hat­te. Das 27-jäh­ri­ge Un­fall­op­fer woll­te die Tan­nen­burg­stra­ße kreu­zen und schätz­te die Si­tua­ti­on an­schei­nend falsch ein.

Für Ver­wir­rung hat­te der An­ge­klag­te am Tat­tag ge­sorgt, als er zu­nächst sei­nen Bei­fah­rer be­zich­tig­te, am Steu­er ge­ses­sen zu ha­ben. Auch sein Ver­hal­ten vor Ge­richt war An­lass zu Dis­kus­sio­nen.

Weil er mit über­höh­ter Ge­schwin­dig­keit un­ter­wegs war, ist ei­ne jun­ge Frau nicht mehr am Le­ben: Zu die­sem Schluss kam das Os­na­brü­cker Ju­gend­schöf­fen­ge­richt am Mitt­woch im Pro­zess ge­gen ei­nen heu­te 19-Jäh­ri­gen. Es ver­ur­teil­te ihn we­gen fahr­läs­si­ger Tö­tung.

OS­NA­BRÜCK. Den 28. Ge­burts­tag ih­rer Toch­ter ver­brach­ten sie im Ge­richts­saal. Als Ne­ben­klä­ger wa­ren die El­tern der ver­stor­be­nen Os­na­brü­cke­rin bei der Ver­hand­lung im Amts­ge­richt an­we­send. Zu­nächst, so be­rich­tet ihr An­walt, sei es ein Schock ge­we­sen, dass der Pro­zess an genau die­sem Tag an­ge­setzt wor­den sei. Im Saal wirk­te das Paar dann aber ru­hig und ge­fasst. Nur ein­mal gab es laut­star­ken Pro­test, als der Ver­tei­di­ger von den Schuld­ge­füh­len sei­nes Kli­en­ten sprach. Denn da­von war zu­min­dest nach au­ßen hin nichts zu se­hen.

Statt­des­sen ver­folg­te der Haupt­an­ge­klag­te das Ver­fah­ren zu­meist mit ei­nem Grin­sen im Ge­sicht. Zu den Vor­wür­fen der Staats­an­walt­schaft äu­ßer­te er sich nicht: In der Nacht vom 17. auf den 18. Sep­tem­ber 2016 soll der jun­ge Mann auf dem Heim­weg mit deut­lich über­höh­ter Ge­schwin­dig­keit auf der Tan­nen­burg­stra­ße stadt­ein­wärts ge­fah­ren sein. Der Fün­ferBMW sei­nes mit­an­ge­klag­ten Bei­fah­rers soll da­bei zwi­schen 75 und 85 km/h schnell ge­we­sen sein, so ein Gut­ach­ter.

Bei sei­nen Be­rech­nun­gen be­zog er sich auf den Aus­lauf­weg und die Spu­ren, die der Un­fall an dem Wa­gen hin­ter­las­sen hat. Denn an der Kreu­zung Hei­li­gen­weg stieß der BMW mit ei­nem Re­nault zu­sam­men. Die Fah­re­rin hat­te fälsch­li­cher­wei­se an­ge­nom­men, dass sie die Vor­fahrts­stra­ße noch kreu­zen könn­te, und da­bei die Ge­schwin­dig­keit des BMW un­ter­schätzt. Bei dem Zu­sam­men­stoß wur­de die Fah­rer­sei­te ih­res Klein­wa­gens stark ein­ge­drückt, so der Gut­ach­ter. Die Fah­re­rin er­lag we­nig spä­ter ih­ren in­ne­ren Ver­let­zun­gen.

Das hät­te ver­hin­dert wer­den kön­nen, wä­re der BMW nicht so schnell ge­we­sen: „Hät­te er sich an die vor­ge­ge­be­ne Ge­schwin­dig­keit von 50km/h ge­hal­ten, hät­te er das Au­to zum Hal­ten brin­gen oder zu­min­dest so weit ab­brem­sen kön­nen, dass der Re­nault aus dem Weg ge­we­sen wä­re“, so der Gut­ach­ter. Die­ser Auf­fas­sung schloss sich das Ge­richt an und ver­ur­teil­te den Fah­rer we­gen fahr­läs­si­ger Tö­tung. Zwei Wo­chen Dau­er­ar­rest, 250 St­un­den So­zi­al­dienst und sechs Mo­na­te Fahr­ver­bot sol­len ei­ne er­zie­he­ri­sche Wir­kung ent­fal­ten. Denn der jun­ge Mann war in der Ver­gan­gen­heit we­gen Schul­schwän­zens, La­den­dieb­stahls und Fah­rens oh­ne Füh­rer­schein auf­ge­fal­len. „Sie ha­ben sich bis­her nicht be­son­ders gut in Deutsch­land in­te­griert“, sag­te der Staats­an­walt, „das kön­nen Sie jetzt än­dern.“

Trotz der Voll­jäh­rig­keit ent­schied das Ge­richt nach Ju­gend­straf­recht. Mit sei­nem Al­ter von 18 Jah­ren zum Zeit­punkt des Un­falls sei der jun­ge Mann als Her­an­wach­sen­der zu be­trach­ten, bei dem Ju­gend­straf­recht an­ge­wandt wer­den kön­ne. „Die Tat selbst, mit ei­nem BMW 528 der MVer­si­on nachts her­um­zu­bret­tern, zeugt von ju­gend­li­chem Über­mut und Gel­tungs­drang“, führ­te der Rich­ter aus. Ei­ne Haft nach Ju­gend­straf­recht kom­me al­ler­dings nicht in­fra­ge: „Ei­ne be­son­de­re Schwe­re der Schuld ist nicht er­kenn­bar, im­mer­hin war der An­ge­klag­te auf ei­ner Vor­fahrts­stra­ße un­ter­wegs.“

Ne­ben dem An­kla­ge­punkt der fahr­läs­si­gen Tö­tung wur­de über die Täu­schung der Er­mitt­lungs­be­am­ten ver­han­delt. Nach dem Un­fall­be­richt der Po­li­zei und den Zeu­gen­aus­sa­gen zwei­er Be­am­ter hat­ten Fah­rer und Bei­fah­rer des BMW zu­nächst aus­ge­sagt, der Fahr­zeug­hal­ter und Äl­te­re der bei­den sei ge­fah­ren. Aus wel­chem Grund konn­te das Ge­richt nicht fest­stel­len: Wo­mög­lich war Al­ko­hol im Spiel, der Bei­fah­rer fürch­te­te, die Ver­si­che­rung wür­de nicht zah­len, oder der Fah­rer hat­te auf­grund sei­ner Vor­stra­fen Angst vor ei­nem wei­te­ren Ver­fah­ren, spe­ku­lier­ten Ne­ben­kla­ge- und Staats­an­walt. Ei­nig wa­ren sie sich mit den Ver­tei­di­gern dar­in, dass die Täu­schung am Tag nach dem Un­fall auf­ge­klärt wur­de.

Trotz­dem ver­ur­teil­te das Ge­richt den 19-jäh­ri­gen Fah­rer auch we­gen fal­scher Be­schul­di­gung. Der heu­te 21jäh­ri­ge Bei­fah­rer muss we­gen ver­such­ter Täu­schung 500 Eu­ro zah­len. Sein Ver­tei­di­ger hat­te auf Frei­spruch plä­diert und er­klärt, die Po­li­zei­be­am­ten vor Ort hät­ten die Per­so­na­li­en der bei­den jun­gen Män­ner, die nur ge­bro­chen Deutsch spre­chen, ver­tauscht.

Für die El­tern der Ver­un­glück­ten be­deu­te­ten die Ur­tei­le zu­min­dest ein we­nig Ge­nug­tu­ung. Sie hat­ten von An­fang an Ge­rech­tig­keit für ih­re Toch­ter ge­for­dert. Un­ab­hän­gig von dem Ver­fah­ren stre­ben sie jetzt ei­ne zi­vil­recht­li­che Kla­ge an: Der Fah­rer des BMW soll für Be­er­di­gungs­kos­ten auf­kom­men und Schmer­zens­geld zah­len.

Fo­to: Ar­chiv/Swa­ant­je Heh­mann

Nach dem Un­fall er­in­ner­ten Blu­men an die ver­un­glück­te Os­na­brü­cke­rin.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.