Gel­bes Herz in Nie­der­sach­sen

Ein Ex-Mi­nis­ter und Land­wirt mach­te Eh­ren­burg zu ei­ner Hoch­burg der FDP

Neue Osnabrucker Zeitung - Wallenhorst - - VORDERSEITE - Von Ma­ri­on Trim­born

trim EH­REN­BURG. Seit Jahr­zehn­ten ist die Ge­mein­de Eh­ren­burg im Land­kreis Die­p­holz ein Zen­trum der Li­be­ra­len. Nir­gend­wo sonst be­kommt die FDP so ho­he Stim­men­an­tei­le. In un­se­rer Hoch­burg-Se­rie be­su­chen wir heu­te Eh­ren­burg.

Bes­ser­ver­die­nen­de hip­pe Städ­ter sind hier nicht zu fin­den. Eh­ren­burg im Land­kreis Die­p­holz ist von der Land­wirt­schaft ge­prägt – und FDP-Hoch­burg. Für die­sen Er­folg stand vor al­lem ein Mann.

EH­REN­BURG. Der Hei­ni, der war ein Tau­send­sas­sa. Ei­ner, dem al­les ge­lang. Der hat­te ei­nen Na­men wie Don­ner­hall. Und wen der Hei­ni al­les kann­te. Der hat den Hans-Dietrich Gen­scher zum Schüt­zen­fest hier aufs Land ein­ge­la­den – und der kam tat­säch­lich und hat auf dem Hof vom Hei­ni die Pa­ra­de der Schüt­zen ab­ge­nom­men. Und Bier sau­fen konn­te der Gen­scher, das hät­te kei­ner von dem ge­dacht.

Wir sit­zen beim Bier, al­ko­hol­frei, weil ja noch Vor­mit­tag ist, mit dem Bür­ger­meis­ter der Ge­mein­de Eh­ren­burg, Hans-Jür­gen Schumacher, und Hei­nis Sohn, dem Hen­ning, auf dem el­ter­li­chen Hof, der seit 1567 in Fa­mi­li­en­be­sitz ist. Wer in die Ge­mein­de Eh­ren­burg im Land­kreis Die­p­holz kommt und ver­ste­hen will, war­um hier die FDP seit Jahr­zehn­ten so stark ist wie sonst nir­gends in Nie­der­sach­sen, der hört viel vom Hei­ni. Sein gan­zer Na­me lau­tet Hein­rich Jür­gens. Im Dorf ei­ne Be­rühmt­heit, ein länd­li­cher Ba­rack Oba­ma. Weil den Spruch vom Oba­ma, „Yes we can“, den hat­te der Hei­ni schon 30 Jah­re frü­her er­fun­den, na­tür­lich auf Platt­dütsch: „Wi könt dat, un wi mo­akt dat!“(frei über­setzt: „Wir schaf­fen das.“)

Ein­trag bei Wi­ki­pe­dia

Sein Sohn Hen­ning, selbst schon 65, blät­tert in den Ord­nern. Mehr als 20 Stück da­von hat er, dar­in akri­bisch ge­sam­melt: Fo­tos von sei­nem Va­ter und den Po­li­tik-Grö­ßen. Ganz an­ders sieht es im In­ter­net-Le­xi­kon Wi­ki­pe­dia aus. Das Le­ben vom Va­ter, Hein­rich Jür­gens, ist da auf nur 18 Zei­len ge­schrumpft: Land­wirt, FDP-Po­li­ti­ker, 30 Jah­re lang po­li­tisch ak­tiv. Seit den 1960er-Jah­ren im Kreis­tag, spä­ter im Land­tag, im EU-Par­la­ment und schließ­lich Bun­des­mi­nis­ter für Bun­des- und Eu­ro­pa­an­ge­le­gen­hei­ten.

Und vor al­lem hat er der FDP Stim­men ge­bracht wie kei­ner mehr nach ihm. Die FDP, das ist in Eh­ren­burg die Par­tei vom Hei­ni. Und dann von sei­nem Sohn Hen­ning, der bis heu­te FDP-Orts­vor­sit­zen­der ist.

„Ich ha­be nicht die FDP ge­wählt, son­dern den Hei­ni“, sagt Ma­rie-Lui­se Hei­der, die In­ha­be­rin des Fri­sche­mark­tes, die von al­len nur „Mol­ly“ge­nannt wird. Weil der sich um je­den ge­küm­mert ha­be, wenn mal der Schuh drück­te.

Aber war­um wäh­len heu­te im­mer noch so vie­le Eh­ren­bur­ger FDP? Der Hei­ni ist seit elf Jah­ren tot, der reicht als Er­klä­rung nicht aus. Vi­el­leicht ist es eher so: Eh­ren­burg, Ge­mein­de mit 1560 See­len, wirkt wie ei­ne Wohl­stands­in­sel. Die Häu­ser sind schick ver­putzt, die Hö­fe groß und oft seit Jahr­hun­der­ten im Fa­mi­li­en­be­sitz. Al­les ist or­dent­lich und sau­ber. Die Par­tei­for­schung weiß, dass FDP-Wäh­ler mehr­heit­lich glück­lich sind.

Ty­pi­sche Hoch­burg

Sol­che Struk­tu­ren sind laut Ex­per­ten ty­pisch für ei­ne Hoch­burg. So­zi­al­struk­tu­rel­le Bin­dun­gen, die sonst über­all ka­putt­ge­hen, ha­ben dort noch Be­stand, die Par­tei­prä­fe­renz ver­erbt sich von Ge­ne­ra­ti­on zu Ge­ne­ra­ti­on. Die Eh­ren­bur­ger kön­nen über das ehe­ma­li­ge „Pro­jekt 18“der Bun­des­par­tei FDP nur mü­de lä­cheln. Bei der Samt­ge­mein­de­wahl 1981 schaff­te die FDP mit un­fass­ba­ren 59 Pro­zent die ab­so­lu­te Mehr­heit. Bei der Bun­des­tags­wahl 1980 hat­te die FDP 29 Pro­zent – und selbst bei der letz­ten Bun­des­tags­wahl 2013, als die FDP es nicht wie­der in den Bun­des­tag schaff­te, be­kam sie in Eh­ren­burg noch 14,5 Pro­zent.

Liegt es dar­an, dass die Eh­ren­bur­ger wohl­ha­bend sind? Die FDP ist die Par­tei der „rei­chen al­ten Män­ner“, wie ei­ne Stu­die des Deut­schen In­sti­tuts für Wirt­schaft (DIW) jüngst schrieb, mit ei­nem durch­schnitt­li­chen Haus­halts­net­to­ein­kom­men von mo­nat­lich mehr als 3900 Eu­ro. Hel­mut Den­ker, Bür­ger­meis­ter Der FDP-Po­li­ti­ker und Mi­nis­ter Hein­rich Jür­gens (Bild rechts) brach­te den Li­be­ra­len Stim­men wie sonst kei­ner. Eh­ren­burg wur­de zu ei­ner Hoch­burg der FDP – und ist es bis heu­te. Sein Sohn Hen­ning Jür­gens (Bild links) hat mehr als 20 Ord­ner mit Fo­tos und Er­in­ne­run­gen an sei­nen Va­ter und die Po­lit-Pro­mi­nenz ge­sam­melt.

der Samt­ge­mein­de Schwaför­den, stutzt erst ein­mal. Er rech­net und mur­melt: „Das kommt un­ge­fähr hin.“Sei­ne Ge­mein­de ist die Re­gi­on der Bau­ern, „die von al­ters her ei­nen ge­wis­sen Be­sitz­stand ha­ben“, sagt er. Der An­teil der ört­li­chen Land­wirt­schaft ist mit 40 Pro­zent an der Wirt­schafts­leis­tung hoch.

Frei­er Bau­ers­mann

Vie­le selbst­stän­di­ge Land­wir­te wäh­len schon im­mer FDP. Weil die Par­tei ver­spricht, dass der Staat die Wirt­schaft in Ru­he lässt. Die Li­be­ra­len ste­hen für Frei­heit, Steu­er­sen­kun­gen und we­ni­ger Bü­ro­kra­tie und So­zi­al­aus­ga­ben. Das passt zum Bild des frei­heits­lie­ben­den Bau­ern, der nach dem Mot­to lebt: „Ich bin ein frei­er Bau­ers­mann und schaff mir 20 Kü­he an.“Doch in­zwi­schen ha­ben die Agrarkri­se und das Hö­fes­ter­ben auch die Ge­mein­de

er­reicht. „Das ist al­les Schein“, sagt Hen­ning, wenn er auf die „rei­chen Bau­ern“an­ge­spro­chen wird. Ei­ni­ge Hö­fe ste­hen leer, klei­ne Bau­ern ver­pach­ten ihr Land. Zeit­gleich mit dem Hö­fes­ter­ben brö­ckelt das Wah­l­er­geb­nis der FDP in Eh­ren­burg. „Die FDP fällt hier in Eh­ren­burg auf das Nor­mal­maß zu­rück“, sagt Bür­ger­meis­ter Schumacher. Vi­el­leicht wer­den ja die Me­moi­ren vom Hei­ni ir­gend­wann ver­öf­fent­licht. 120 Sei­ten sind es, die im Rat­haus lie­gen. Aber da muss erst noch der Sohn vom Hei­ni zu­stim­men.

Das ems­län­di­sche Hü­ven ist Hoch­burg der CDU in Nie­der­sach­sen, die SPD hat in Wir­dum (Kreis Au­rich) ihr bes­tes Er­geb­nis ein­ge­fah­ren, die FDP in Eh­ren­burg. Und wo sind Grü­ne, Lin­ke und die AfD stark? Und war­um? Un­se­re Re­dak­ti­on geht in die­ser Se­rie auf Spu­ren­su­che.

Ein Tau­send­sas­sa:

Fo­tos: Ma­ri­on Trim­born

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