War­um fehlt son­der­päd­ago­gi­sches Per­so­nal?

Neu­er Lei­ter des Re­gio­na­len Zen­trums In­klu­si­on im In­ter­view

Neue Osnabrucker Zeitung - Wallenhorst - - OSNABRÜCKER LAND - Von Je­an-Charles Fays

Jörg Lan­ge ist neu­er Lei­ter des Re­gio­na­len Zen­trums In­klu­si­on (RZI) für den Land­kreis. Im In­ter­view mit un­se­rer Re­dak­ti­on er­klärt der 49-jäh­ri­ge ehe­ma­li­ge Lei­ter ei­ner För­der­schu­le in Dissen, wie er mit dem RZI die In­klu­si­on im Land­kreis vor­an­brin­gen möch­te.

Was sind Ih­re Zie­le als Lei­ter des neu­en Re­gio­na­len Zen­trums In­klu­si­on? Un­se­re Be­ra­tung wird die In­klu­si­on im Land­kreis Os­na­brück vor­an­brin­gen. Auch die zen­tra­le Ver­tei­lung des son­der­päd­ago­gi­schen Per­so­nals auf die Schu­len im Land­kreis wird sich po­si­tiv aus­wir­ken. Ich hal­te es für ei­ne gu­te Ent­wick­lung, wenn die Leh­rer, die zu­vor an För­der­schu­len un­ter­rich­tet ha­ben, nur noch an ei­ner oder an höchs­tens zwei Schu­len un­ter­rich­ten. So gibt es ei­nen Struk­tur­wan­del, und die För­der­schul­lehr­kräf­te ge­hen in den Kol­le­gi­en der Re­gel­schu­len auf. Nur so kön­nen auch die För­der­schul­leh­rer voll in den Schu­len in­te­griert wer­den.

Die Lan­des­schul­be­hör­de sagt, Sie sol­len „ei­ne ver­gleich­ba­re Qua­li­tät in der Aus­stat­tung der Schu­len mit ent­spre­chen­der son­der­päd­ago­gi­scher Ex­per­ti­se si­cher­stel­len“und zu­dem Schu­len, Leh­rer, Schü­ler, El­tern, Schul­trä­ger so­wie Stu­di­en­se­mi­na­re be­ra­ten. In dem für den ge­sam­ten Land­kreis zu­stän­di­gen Zen­trum sind Sie nur zu zweit. Wie leis­ten Sie das?

Das RZI wird zwar in ers­ter Li­nie durch mich als Lei­ter re­prä­sen­tiert, aber ich ste­he na­tür­lich nicht al­lei­ne da, son­dern grei­fe auf das ge­sam­te Per­so­nal der nie­der­säch­si­schen Lan­des­schul­be­hör­de zu­rück. Das sind die schul­fach­li­chen De­zer­nen­ten, die Schul­psy­cho­lo­gen, Fach­be­ra­tun­gen Un­ter­richts­qua­li­tät und die Schul­ent­wick­lungs­be­ra­ter, das sind die Be­ra­tun­gen für schu­li­sche In­klu­si­on, das sind die Be­ra­tun­gen für sämt­li­che Fä­cher bei uns im Hau­se. In­wie­weit ich als Lei­ter des RZI per­sön­lich die Be­ra­tung bei die­sen bald 150 Schu­len im Land­kreis über­neh­men kann, das müs­sen wir in Zu­kunft se­hen.

Ei­ne per­sön­li­che Be­ra­tung für rund 150 Schu­len durch Sie al­lei­ne, das klingt nach ei­ner un­lös­ba­ren Auf­ga­be.

Es leuch­tet ein, dass die Be­ra­tung nicht aus­schließ­lich über mich er­fol­gen kann. Das RZI ist eher als Weg­wei­ser und Kom­pass zu ver­ste­hen. Es gibt schon je­de Men­ge öf­fent­li­che Be­ra­tungs­in­sti­tu­tio­nen im Land­kreis, die al­ler­dings noch nicht so be­kannt sind. Wir ha­ben als RZI be­reits um­fang­rei­che Ma­te­ri­alund Adres­sen­lis­ten er­stellt. Vie­le An­fra­gen las­sen sich mit ei­nem Hin­weis dar­auf be­reits re­la­tiv ein­fach be­ant­wor­ten. Wir be­ra­ten Schu­len, schu­li­sches Per­so­nal, Schü­ler, El­tern, Schul­trä­ger und Stu­di­en­se­mi­na­re, in­dem wir Ex­per­ten hin­zu­zie­hen.

Oft hört man im Zu­sam­men­hang mit schu­li­scher In­klu­si­on, dass Schu­len zu we­nig Son­der­päd­ago­gen ha­ben. Wie ge­hen Sie mit die­ser per­ma­nen­ten Man­gel­si­tua­ti­on an den Re­gel­schu­len um?

Man muss gu­cken, was not­wen­dig ist und was es an ge­setz­li­chen Vor­ga­ben gibt. Das RZI ist Be­stand­teil der Lan­des­schul­be­hör­de, und in­so­fern gel­ten für uns die Re­ge­lun­gen des nie­der­säch­si­schen Schul­ge­set­zes. Das heißt, in der Gr­und­ver­sor­gung der Pri­mar­stu­fe, al­so Klas­se 1 bis 4, wer­den zwei St­un­den son­der­päd­ago­gi­sche För­de­rung pro Klas­se

und Wo­che zur Ver­fü­gung ge­stellt, au­ßer­dem wer­den die Schü­ler mit ei­nem son­der­päd­ago­gi­schen Un­ter­stüt­zungs­be­darf dop­pelt ge­zählt. Nach der Maß­ga­be steue­re ich den Ein­satz der För­der­schul­leh­rer an den je­wei­li­gen Schu­len im Land­kreis. Die Er­ar­bei­tung ei­nes Vor­schlags zur Ver­tei­lung des son­der­päd­ago­gi­schen Per­so­nals ist ei­ne der zwei Auf­ga­ben, die das RZI ne­ben der Be­ra­tung über­nom­men hat. Die Pla­nung für das Schul­jahr 2017/2018 ist ge­lau­fen, als es noch kein RZI gab. Da­für wa­ren noch die be­ste­hen­den För­der­zen­tren ver­ant­wort­lich. Wir wer­den uns für das kom­men­de Schul­jahr um die­se Auf­ga­be küm­mern. Die Ver­sor­gung er­folgt da­bei an­hand des ge­nann­ten Schlüs­sels im Prim­ar­be­reich und im Se­kund­ar­be­reich an­hand der kind­be­zo­ge­nen Zu­wei­sun­gen. In der Re­gel wer­den an die­ser Stel­le För­der­schul­lehr­kräf­te ein­ge­setzt, sind die­se nicht in aus­rei­chen­dem

Maß vor­han­den, er­hal­ten die Schu­len die­se St­un­den von dem Per­so­nal, das be­reits an den Schu­len vor­han­den ist.

War­um fehlt son­der­päd­ago­gi­sches Per­so­nal, um den Be­darf zu de­cken?

Die Ver­tei­lung ist deutsch­land­weit schwie­rig. Wir müs­sen das vor­han­de­ne son­der­päd­ago­gi­sche Per­so­nal da­her im Rah­men der Mög­lich­kei­ten gleich­mä­ßig ver­tei­len.

Sie wa­ren selbst Lei­ter der För­der­schu­le in Dissen, die in die­sem Som­mer ge­schlos­sen wur­de, und wis­sen, wel­chen son­der­päd­ago­gi­schen Be­darf För­der­schul­kin­der ha­ben. Sind zwei St­un­den von Son­der­päd­ago­gen pro Klas­se und Wo­che aus­rei­chend?

Die­se zwei St­un­den pro Wo­che sind die Vor­ga­ben des nie­der­säch­si­schen Schul­ge­set­zes, die wir als Lan­des­be­hör­de selbst­ver­ständ­lich um­set­zen. Dar­über hin­aus be­ra­ten wir die Schu­len, wie sie die­se zwei St­un­den best­mög­lich ein­set­zen kön­nen.

Be­kom­men Sie seit dem RZI-Start An­fang Au­gust stän­dig wü­ten­de An­ru­fe von Schul­lei­tern und müs­sen recht­fer­ti­gen, dass ver­säumt wur­de, be­reits vor ei­ni­gen Jah­ren mehr För­der­schul­leh­rer aus­zu­bil­den?

Die An­fra­gen sind sehr viel­sei­tig. Zum Teil geht es dar­um, wie die Leh­rer­ver­sor­gung ist. Ich in­for­mie­re dann dar­über, wie vie­le St­un­den den Schu­len zur Ver­fü­gung ste­hen. Häu­fig sind die El­tern dann dank­bar für die­se Er­klä­rung und wen­den sich mit die­sem Wis­sen an die Schu­len. Ich den­ke, dass in den kom­men­den Jah­ren noch ei­ni­ges pas­siert, wenn das Land im Um­fang von 650 Stel­len päd­ago­gi­sche Mit­ar­bei­ter an die Schu­len im Land bringt. Das wird die In­klu­si­on an Schu­len ver­bes­sern. Wenn 650 zu­sätz­li­che päd­ago­gi­sche Mit­ar­bei­ter auf das Land ver­teilt wer­den, dann wer­den vi­el­leicht 30 bis 40 auf die 150 Schu­len im Land­kreis Os­na­brück ver­teilt. Reicht das aus?

Es wird kei­ne Ver­tei­lung nach dem Gieß­kan­nen­prin­zip ge­ben. Wir wer­den Schu­len mit kei­nem oder nur ge­rin­gem Be­darf ha­ben, und es wird Schu­len mit ho­hem Be­darf ge­ben. Die­sem Be­darf ent­spre­chend wer­den die päd­ago­gi­schen Mit­ar­bei­ter dann auf die Schu­len ver­teilt. Da­her wer­den ge­ra­de die Schu­len mit ei­nem ho­hen Un­ter­stüt­zungs­be­darf da­von pro­fi­tie­ren.

Wie tra­gen Sie da­zu bei, dass die In­klu­si­on im Land­kreis künf­tig bes­ser ge­lingt?

Die In­klu­si­on ist ein Pro­zess. Ich bin seit En­de der 90er im Land­kreis tä­tig. Seit­her ist viel pas­siert. Da­mals nann­te sich das noch In­te­gra­ti­on. Der Haupt­un­ter­schied ist der, dass es da­mals noch Ein­zel­fäl­le wa­ren. Der Re­gel­fall war für För­der­schü­ler da­mals die För­der­schu­le. Das ist durch die Schul­ge­setz­no­vel­len von 2012 und 2015 heu­te an­ders, so­dass die El­tern ent­schei­den, wel­che Schul­form ihr Kind be­sucht. Da­durch nimmt die Zahl der in­klu­siv zu be­schu­len­den Kin­der im­mer mehr zu. Wir wol­len die In­klu­si­on so­wohl für Leh­rer als auch für Schü­ler so gestal­ten, dass es für al­le Par­tei­en ein Ge­winn ist. Die Schü­ler mit son­der­päd­ago­gi­schem Un­ter­stüt­zungs­be­darf müs­sen sich in den Schu­len als Teil der Schul­ge­mein­schaft füh­len. Auch die Lehr­kräf­te, die mit die­sen Kin­dern ar­bei­ten, sol­len ge­mein­sam an dem Kind ar­bei­ten. Die För­der­schul­lehr­kräf­te müs­sen in die ent­spre­chen­den Pro­zes­se ein­be­zo­gen wer­den. Die Leh­rer der Re­gel­schu­le und die För­der­schul­leh­rer müs­sen sich als Team ver­ste­hen: Ei­ner­seits müs­sen sie die gan­ze Klas­se im Blick ha­ben und an­de­rer­seits ge­mein­sam den Schü­ler mit in­klu­si­vem Be­darf för­dern.

Wie sind Sie er­reich­bar, um Tipps zur In­klu­si­on zu ge­ben?

Te­le­fo­nisch: 0541/31 41 96 und per E-Mail: jo­erg.lan­ge@nlschb.nie­der­sach­sen.de.

Ein The­men-Spe­zi­al In­klu­si­on fin­den Sie auf noz.de/in­klu­si­on

Fo­to: Da­vid Ebe­ner

Jörg Lan­ge, Lei­ter des neu­en RZI, be­tont: „Die In­klu­si­on muss zum Re­gel­fall wer­den.“

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